Kūshankū

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Kūshankū

Artikel aus: Lexikon der Kampfkünste<br.>Nachbearbeitet von: Werner Lind, Stephanie Kaiser

Kūshankū (jap.: クーサンクー, chin.: 公相君 - Gōngxiāngjūn), nach verschiedenen Leseweisen auch Kūsankū, Kōsōkun, Kung Hsiang Ch´ün, Kwang Shang Fu, Ku Shan Ku, war ein chinesischer Kampfkunstexperte des nördlichen shǎolín quánfǎ (běitǔi) und Überlieferer der gleichnamigen kūshankū-kata (in Japan kankū genannt) nach Okinawa.

Kūshankūs Herkunft

Kūshankū war ein Experte des nördlichen Shǎolín-Stils, der durch den Gebrauch vieler Fußtechniken bekannt wurde. Man spricht Kūshankū aber auch die Einführung der zurückgezogenen Hand an der Hüfte (hikite) und einer Form des kumite (kumiai jutsu) in das okinawanische karate zu. Über die Existenz von Kūshankū gibt es mehrere Theorien:

  • Oshima Hikki - Im Jahre 1762 strandete ein Tributschiff der Satsuma während eines Sturmes und lag bei Tosa (Provinz Shikoku) ein Monat lang fest. Der auf Tosa lebende konfuzianische Gelehrte Tobe Ryoen (1713-1795) sammelte Aussagen von den Mitgliedern der Besatzung, die später unter dem Begriff oshima hikki in die Annalen der japanischen Geschichte eingingen. Auf dem Schiff befand sich ein gewisser Shionja Peichin, der von einem chinesischen Kampfkunstexperten auf Okinawa mit dem Name Kōsokūn berichtete. Dieser habe dort seine hohe Kunst in mehreren Demonstrationen gezeigt.
  • 36 Familien - Man vermutet, dass Kūshankū als chinesischer Militärattache im Jahre 1756 im Zuge der chinesisch okinawanischen Handelsbeziehungen als Gesandter des chinesischen Ming-Kaisers nach Okinawa kam und sich dort bis 1762 aufhielt. Der Kaiser der Ming-Dynastie wählte damals einige Familien (die „36 Familien“, Okinawa) aus dem chinesischen Gebiet Fújiàn (Fukien), deren Mitglieder in verschiedenen Berufen und Künsten ausgebildet waren, aus, die sich auf Okinawa in der Nähe der Stadt Naha in einer chinesischen Siedlung (Kumemura) niederließen. Einer von ihnen war Kūshankū, ein bekannter Kampfkunstexperte seiner Zeit.

Kūshankūs Einfluss auf das Tōde

Es gibt sehr wenige Dokumente über die Geschichte der chinesisch-okinawanischen Beziehung. Solche Dokumente wurden oftmals zerstört, wenn ein neuer König in Okinawa an die Macht kam. So ist die mündliche Überlieferung von den Meistern der leeren Hand oft die informativste und verlässlichste Quelle für historisches Wissen.

Eine dieser Überlieferungen ist die Geschichte des chinesischen Kampfkunstexperten Kūshankū. Kūshankū, nach verschiedenen Leseweisen Kōsōkun, Kung Hsiang-Ch´ün, Kwang Shang-Fu, Ku San-Ku, war ein Experte des shǎolín quánfǎ, und man vermutet, dass er als chinesischer Militärattaché im Jahre 1756 nach Okinawa kam und sich dort bis 1762 aufhielt. Ihm spricht man die Einführung der zurückgezogenen Hand an der Hüfte (hikite) und einer Form des kumite (kumiai jutsu) in das okinawanische karate zu.

Kūshankū hatte zwei Schüler: Yara Chatan (Kitayara) und den Tōde-Meister Sakugawa. Er lehrte beide eine kata, die später unter seinem Namen in nahezu allen Stilen bekannt wurde. So verbreitete sich die kūshankū kata von allem Anfang an unter zwei Formen: sakugawa no kūshankū und chatanyara no kūshankū. Beide Kūshankū-Varianten sollten das Bild des Okinawa-Karate entscheidend prägen, denn es gibt kaum einen chinesischen Einfluss auf die okinawanischen Shōrin-Stile, der auch nur annähernd die Bedeutung dieser kata erreichte.

Sakugawa, ein ausgesprochener Tōde-Experte aus der Linie Matsu Higa, veränderte die chinesische kata nach seiner vom okinawanischen tōde beeinflussten Auffassung. Er konnte die hochwissenschaftliche Methode des chinesischen quánfǎ nicht verstehen und gründete eine einfache Variante, die er unter anderem Matsumura Sokon lehrte, über den sie in die Itosu-Schule gelangte. Von dort aus verbreitete sie sich als itosu no kūshankū über Funakoshi Gichin, Mabuni Kenwa und Chibana Chōshin in die weiteren Stile.

Yara war der offizielle Nachfolger (uchi deshi) Kūshankūs auf Okinawa. Er hatte lange Zeit in China die inneren Künste (xíngyì und qìgōng) studiert und war daher in der Lage, die subtile chinesische Technik der Kūshankū nachzuvollziehen. Viel leichter als der in den chinesischen Wissenschaften unausgebildete Sakugawa gewann er Einblick in den esoterischen Inhalt der kata. Er beließ die kūshankū in ihrer ursprünglichen Form und gab sie über seinen Nachfolger Yara aus Yomitan an Kyan Chōtoku (Kiyatake) weiter. Diese Variante ist noch immer als kuniyoshi no kūshankū bekannt (Kuniyoshi war einer der Überlieferer dieser kata über Yara) und wird auf Okinawa auch noch unverändert in einigen Stilen geübt.

So fand die Entwicklung der kūshankū ab Sakugawa und Yara in zwei Formen statt. Eine nüchterne, direkt kampfbezogene Methode des Tōde-Meisters Sakugawa und eine subtile Vitalpunktvariante des chinesisch geprägten Yara. Alle nachher entstandenen kūshankū-kata sind entsprechend der Genealogie der Meister Ableitungen dieser beiden Formen.

Beispielgebend für die Beziehung zwischen dem okinawanischen Tōde und dem chinesischen quánfǎ ist auch Sakugawas erste Begegnung mit Kūshankū. Als Sakugawa 23 Jahre alt war, galt er bereits als ein fortgeschrittener Schüler der Kampfkünste und war auf Okinawa recht bekannt. Eines Morgens ging er in der Nähe der Stadt Shuri an einem Fluss spazieren und sah einen elegant gekleideten Fremden, der in der Meditation versunken am Ufer stand. Er wollte dem Fremden einen Streich spielen und schlich sich leise von hinten an ihn heran, um ihn ins Wasser zu stoßen. Der Fremde jedoch vereitelte Sakugawas Vorhaben, denn im letzten Augenblick drehte er sich um und fasste den Okinawaner so fest am Handgelenk, dass dieser sich nicht mehr befreien konnte.

Der Fremde wies Sakugawa wegen seines Verhaltens zurecht, und als er erfuhr, dass Sakugawa ein Meister des tōde war, sagte er zu ihm: „Wenn du wieder nach Kumemura kommst, dann frage nach Kūshankū, und ich werde dir nicht nur das Wie, sondern auch das Warum der Kampfkünste beibringen.“ Daraufhin wurde Sakugawa Kūshankūs Schüler.

Studien Informationen

Siehe auch: Karate | Karate-Kata | Kata-Liste (Karate) | Okinawa | Kūshankū-Kata |

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Die klassische Kata. Geistige Herkunft und Praxis des traditionellen Karate. O. W. Barth Verlag, 1995. ISBN 978-3-502-64403-3.


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