Karate kata

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Artikel von: Werner Lind<br.>Nachbearbeitet von:

Mit kata (型 / 形) bezeichnet man die Form (formale Übung) im karate (空手). Sie ist das Herz jeder Karate-Übung, die Grundlage zur Erforschung von Geschichte, Tradition und Hintergrund und gleichzeitig das Zentrum zur Entwicklung von Technik (waza), Geist (shin) und Energie (ki), siehe shingitai. Ihr vertieftes Studium bezeichnet man als bunkai (Zerlegung, Analyse) oder kata bunkai (Studium der kata), wodurch kihon (Grundschule) und kumite (Partnerübung) entstehen. Ihre Übersetzung in den Kampf bezeichnet man als ōyō.

Etymologie

Der Begriff kata (形 oder 型) bedeutet „Form“, „Modell“ oder „Gestalt“. Die kata bezeichnet zunächst eine festgelegte Übungsmethode zum Einstudieren des Sieges gegen Angreifer. Das technische Konzept setzt sich aus Bewegungen zusammen, die zur Abwehr gegnerischer Angriffe und zum Konter verwendet werden. Doch in den ostasiatischen Kampfkünsten ist die kata mehr als nur ein technisches Konzept und erfordert ein intensives Studium (bunkai) in Theorie und Praxis.

Formbegriff in Japan

Hauptartikel: Kata

Die Japaner benutzen in ihrer Schriftsprache zur Bezeichnung einer Form zwei verschiedene kanji (形 und 型), die beide kata bedeuten. Beide bezeichnen zunächst eine Form, doch in der genaueren Betrachtung ihres Bedeutungsspektrums sind die Schriftzeichen durchaus differenzierbar:

  • Kata (形) - dieses kanji (im Japanischen gyō, kei, katachi, nari; im Chinesischen xíng, 形; im Koreanischen hyeong, 형), bedeutet „Form“, „Figur“, „Aussehen“, „Muster“, „Spur“ und bezeichnet im budō einen ritualisierten Bewegungsablauf. Das Schriftzeichen stellt piktographisch ein Fenster dar, durch das Sonnenstrahlen (彡) einfallen, die ein Schattenmuster entstehen lassen. Dieses Muster erzeugt eine erste ursprüngliche Form (genkei, 原形), eine erste sichtbare Erscheinung/Form (keibō, 形貌), deren Spur (keiseki, 形跡) verfolgt werden kann. Dafür gebraucht man auch den Begriff genkyo (原拠 - „Grund“, „Basis“, „Ursprung einer Angelegenheit“).
  • Kata (型) - dieses kanji (auch kei, gyō; chin. xíng; kor. hyeong) verweist durch das im rechten Teil des Schriftzeichens enthaltene Radikal für ein Schwert (刀) auf einen genauen Zuschnitt, das linke Radikal, durch die vier sich schneidenden Linien auf eine exakt definierte Form, der untere Teil auf das Material (土, Erde). Auch dieses Schriftzeichen bezeichnen den Ablauf einer Form, ein Muster oder ein Aussehen. Sie binden an das chinesische Schriftzeichen xíng (形 / 型) und an das koreanische Zeichen hyeong (형) an und bezeichnen im budō einen Prototypen - eine zum näheren Studium auffordernde komplexe Angelegenheit.<br.>In der Wortkombination entwickeln sich daraus Bezeichnungen wie enkei (Kreisform), seihōkei (Quadrat), mukei (formlos, gestaltlos), genkei (Urbild, Prototyp). Im kombinierten Verständnis ergibt sich daraus die spezielle Bedeutung einer „irdenen Gussform“.

Formbegriff in China

Hauptartikel: Tàolù | Xíng

Um den japanischen Begriff kata in seinem gesamten Umfang zu deuten, sind ausgiebige Forschungen in seinem chinesischen Ursprung unumgänglich. Erst aus ihren Deutungen entstehen die Bezeichnungen kata in Japan und hyeong in Korea.

  • (路) - das Schriftzeichen liest man im Chinesischen als oder luò, im Japanischen als michi (ro, 路) oder (道) und im Koreanischen als ro (로). In allen Fällen bedeutet das Schriftzeichen „Weg“, „Pfad“ oder „Straße“.
  • Tào (套) - im Japanischen (套), koreanisch to (토) oder tu (투). Der Begriff bezeichnet ein „Behältnis“und steht auch für „umhüllen“ oder „bedecken“.
  • Tàolù (套路) - „Behältnis für den Weg“, z.B. auf einem Weg () der Übung werden Erkenntnisse in einem Behältnis (tào) versteckt. Damit gemeint sind auch die komplexen Formen (jap. kata) des chinesischen quánfǎ (拳法).
  • Xíng (形) - „Ablauf“, „Aussehen“, „ Form“, „Muster“, im Japanischen gyō, kei, kata, katachi, nari im Koreanischen hyeong. Bezeichnung für die Formen des quánfǎ in Japan als kata (形 oder 型) bezeichnet. Hauptsächlich bezeichnet dieser Begriff den „Verlauf“ der Formen (jap. genkyo, 原拠 oder genkei, 原形).

Formbegriff in Korea

Hauptartikel: Hyeong | Teul | Pumsae

Die Formen der koreanischen Kampfsysteme berufen sich auf einen Ursprung in ihrer Tradition, sind aber ausschließlich von chinesischen, okinawanischen und japanischen Modellen beeinflusst.

  • Hyeong (hangeul 형; hanja 形 / 型) - 20 traditionelle Formen, entwickelt von General Choi Hong Hi.
  • Teul (틀) - 24 Formen, aus den hyeong von General Choi Hong Hi weiter entwickelt.
  • Pumsae (hangeul 품새 / 태극; hanja 太極) -

Kata im Karate

Hauptartikel: Methoden der Karate kata

Im karate steht der Begriff für ein als Kreuzworträtsel konzipiertes komplexes System von genau festgelegten Kombinationen zum Einstudieren des Sieges gegen einen Gegner. Die kata besteht aus einem technischen Ablauf (genkyo) und aus Anwendungen (ōyō), die zur Schulung der Selbstverteidigung gegen Angreifer eingeübt werden. In dieser Zweiteilung wird die kata zu verschiedenen Methoden des alltäglichen Trainings aufgesplittet. Dort, wo das Prinzip verstanden und von einem sensei unterrichtet wird, bleibt die kata das Zentrum jeder Karate-Übung (bunkai und kata bunkai).<br.>Doch diese Methode ist kompliziert, ihr Verständnis bedarf einer jahrzehntelangen Ausbildung unter einem sensei. Die moderne Zeit sucht aber schnelle Erfolge und etablierte eine neue Generation von Trainern, die kata als Gymnastikform für den Vergleich im Wettkampf unterrichten. Unabhängig davon, ob Wettkampf tatsächlich praktiziert wird, ist doch der sensei in der Hauptsache entscheidend: unterrichtet er die kata als Weg oder als Sport?<br.>Entsprechend unterscheidet man die modernen kata nach ihrer Funktionalität:

  • Rintōgata - kata für den Kampf (Selbstverteidigung)
  • Rentangata - Energetische kata (kata nach Qigong-Prinzipien zur Gesunderhaltung)
  • Hyōengata - kata zu Vorführungszwecken (Demonstration und Wettkampf)

Definition der Kata

Hauptartikel: Bedeutung der Karate kata

Konzepte der kata (型), chinesisch xíng (型) oder tàolù (套路) gab es in allen ostasiatischen Kulturkreisen, wenngleich sie sich in ihrer jeweiligen Ausprägung unterschieden. Was sie miteinander verband, war die Idee, einen formalen Studienweg als Technikablauf (genkyo, chin. ) zu gründen und in dessen Behältnis tào (套) die tatsächlichen Inhalte so zu verbergen, dass sie ohne die Erläuterung des Gründers kaum zu entschlüsseln waren. Im Prozess der eigenen Selbstperfektion die Inhalte der kata zu suchen und zu verstehen, war die Aufgabe des Schülers, den Prozess zu lenken und Inhalte zu vermitteln, die des Lehrers. Dazu bediente man sich stets einer verschlüsselten Form (genkyo), doch diese selbst war immer nur Mittel zum Zweck.

Übung der Kata

Hauptartikel: Übung der Karate-Kata

Es gibt nur einen Weg die kata in ihrer komplexen Vollkommenheit verstehen zu lernen. Dieser Weg ist über Jahrhunderte überliefert und hält den Übenden dazu an, sich selbst in der Übung zu endecken, sich zu verbessern und letztlich ganzheitlich zu vervollkommnen. Sowohl der Lehrer (sensei) als auch der Schüler (deshi) erfüllen in diesem Prozess wichtige Bedingungen:

  • Die Rolle des Lehrers - für jeden, der die kata in ihrer Tiefe verstehen will, bleibt diese ein zentrales Medium. In der heutigen Zeit können Kata-Abläufe über die Angebote aus den Medien erlernt werden. Doch ein Übender, der mit seiner kata einen Weg () beschreiten will, muss zu einem sensei gehen. Ohne Lehrer versteht er nur die Form des Kreuzworträtsels, erst mit einem Lehrer kann er sie ausfüllen.
  • Die Rolle des Schülers - Lernen im budō bedeutet, eine Herausforderung mit sich selbst anzunehmen und unter der Aufsicht eines sensei Fortschritt anzustreben. Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Schülers, sich für die Erfahrungen in der Weglehre offen zu halten und nicht nur Formen zu lernen. Anders als in den herkömmlichen Lernmethoden (Streben nach Wissen und Können) ist Fortschritt im budō nur über die Perfektion des Selbst möglich. Lernen im budō ist daher vor allem das beständige Bemühen um die rechte Haltung (shisei).

Bedeutung der Kata

Auch heute verwendet ein sensei die Form nicht ihrer selbst willen, sondern um Inhalte zu lehren. Auf diese Weise wurde die kata über Generationen vom Lehrer auf den Schüler übertragen. Abgesehen von der korrekten Ausführung ihrer Techniken war das Äußere der Form nie von jener Bedeutung, die man ihr heute oft beimisst. Wichtig war stets die Übung des Schülers auf einem Weg () zu seiner Persönlichkeit und vor allem die individuelle Beziehung zu seinem sensei, der ihm die Bedeutung hinter den Formen (okuden) erklären und ihn zum Fortschritt anleiten konnte. Nicht das körperliche Training der kata, sondern der sensei als das entscheidende Bindeglied zum Schüler in allen Prozessen war der Schlüssel zum Fortschritt.<br.>Formell gesehen bezeichnet die kata im karate eine Reihe von festgelegten Bewegungen, in denen der Übende einen Kampf gegen imaginäre Gegner simuliert. Routiniert man ihre Techniken im Formablauf (kata), in der Grundschule (kihon) und in der Partneranwendung (kumite) durch ständige Wiederholung, werden sie Teil der natürlichen Reflexe aus dem Unterbewusstsein - wie alles, was man im Leben so oft wiederholt, bis es zu einem gewohnten Verhalten wird.<br.>Das wichtigste Übungsprinzip der kata ist also, sie zu wiederholen und sie wieder und wieder zu üben, bis sie perfekt ist. Dieses Streben ist sicherlich endlos, da nichts im Leben perfekt sein kann. Doch in diesem Streben entwickelt der Übende körperliche und geistige Reife. Ein fortgeschrittener karateka übt keine kata, um sie zu können, sondern um sich selbst in ihr zu üben. Im traditionellen budō bezeichnet man das „Streben“ und nicht das „Erreichen“ als höchsten Wert der Übung: „Der Weg ist ein Kreis“ (dōkan), heißt es in den Wegkünsten Asiens.<br.>Doch in der heutigen, schnelllebigen Zeit bleiben Schüler selten lange genug bei ihrem sensei, um dieses grundlegende Prinzip zu verinnerlichen. Meistens „wissen“ sie vorzeitig alles besser, bevor sie wirklich verstanden haben. Unglücklicherweise ist dies auch häufig die Schuld des Lehrers, der sich viel zu früh von seinem eigenen Lehrer getrennt, die Bedeutung der Form nicht verstanden hat und nun Formen ohne Inhalt unterrichtet.<br.>Die Werte der kata liegen jenseits ihrer formellen Oberfläche. Ihre Hintergründe zu erfahren, bedeutet das Kreuzworträtsel zu lösen, dessen Entschlüsselung nicht das System selbst, sondern nur der sensei offenbaren kann. Doch weil die Menschen heute dazu neigen, den Systemen mehr zu vertrauen als dem sensei, kommen moderne karateka kaum über die Form hinaus.

Werte der Kata

Die kata ist ein über Jahrhunderte gereiftes System zur Entwicklung der Persönlichkeit und zum Erlernen der Selbstverteidigung. Betrachtet man sie rein äußerlich, gleicht sie der festgelegten Struktur eines unausgefüllten Kreuzworträtsels. Das Ziel des Übenden ist es, diese Struktur auf seinem Weg nach und nach mit Inhalten zu füllen.<br.>Mit der korrekten Übung der kata ist seit jeher der Anspruch verbunden, Geist und Körper ins Gleichgewicht zu bringen und den Menschen bei der Suche nach seinem Sinn zu unterstützen. Jenem Übenden, der sich zum Erfahren ihrer Inhalte bereit hält, kann sie Zeichen geben. Jenem, der nur vordergründig denkt, eröffnet sie lediglich den Weg zur äußeren Form. „Wie groß ist doch das Meer“, sagt der Schüler zu seinem Lehrer, und dieser antwortet: „...und dabei siehst du doch nur die Oberfläche“.<br.>Von außen betrachtet bleibt die kata nach wie vor nur eine gymnastische Form. Doch in ihrem Inhalt und Anliegen an den Übenden ist sie mit nichts vergleichbar, was westliche Bewegungslehren je ersonnen haben. Die kata wurde brilliant erdacht und ist ein Weg, um grundlegende Lebenserfahrungen von einer Generation zur anderen zu überliefern. Nicht die Form der kata, sondern die in einer echten Lehrer-Schüler Beziehung (shitei) übermittelten Inhalte der kata lassen den Übenden zu einer reifen Persönlichkeit werden. Lernende sollten sich daher nicht nur um die Form, sondern vor allem um die Beziehung zu ihrem Lehrer und um ihren persönlichen Wert für die Gemeinschaft bemühen.<br.>Der Weg des budō erfordert Bescheidenheit, Geduld und Hingabe, aber vor allem die Bereitschaft zur Verwirklichung von Werten und Inhalten in der Formübung, im menschlichen Miteinander und im Verhältnis zum persönlichen Lehrer. Das Verständnis aller Hintergründe einer kata hängt unmittelbar davon ab, und genau darin unterscheiden sich die traditionellen Systeme des budō von den Methoden des modernen Kampfsports.<br.>Die kata enthält die gesamte Weisheit des Lebens - der Sinn ihrer Übung ist es, diese in lebenslangem Studium nach und nach zu entdecken. So lehrt uns die kata zu sehen, was wir vorher nicht gesehen haben. Auch wenn Übende ihren Sinn, ihren Wert und ihre Schönheit anfangs in der äußeren Form suchen, kommt für jeden, der die kata lange genug mit konstruktivem Geist erforscht, der Zeitpunkt, an dem er ihre Bedeutung in sich selbst findet. Gleichzeitig entdeckt er, dass der Ort, an dem er anfangs gesucht hat, keine wirkliche Bedeutung hat. Der wahre Ort, an dem es die kata zu entdecken gilt, ist in jedem selbst.

Geschichte der Karate-Kata

Hauptartikel: Geschichte der Karate-Kata

Lange bevor es die Kampfkünste gab, entstand in China die Idee der kata (chin: dàolù), als körperlicher Ausdruck der dort vorherrschenden daoistischen Lebensanschauung. Der Daoismus lehrt, dass die Qualität des irdischen Lebens in großem Maß davon abhängt, ob der Mensch die natürlichen Gesetze des „Werdens und Vergehens“ in seine Haltung integrieren kann und durch seine alltäglichen Handlungen den Zugang zu jener universellen Energie () verwirklicht, die dem Rhythmus aller natürlichen Veränderungen entspricht.

Ursprung in China

Bereits 5000 v. Chr. stellten die chinesischen Daoisten die Abhängigkeit des Menschen von den natürlichen Gesetzen des „Lebens und Sterbens“ fest, und gründeten zur optimalen Lebensbewältigung eine Vielzahl von Übungen (qìgōng - Kultur der vitalen Energie). Später lehrte der Arzt Huá Tuó seinen Anhängern, durch körperliche/geistige Übungen und philosophische Erkenntnisse eine bestmögliche Vereinbarkeit mit den naturbestimmten Lebensgesetzen zu verwirklichen. Huá Tuó lehrte, dass die irdischen Gesetze des „Werdens und Vergehens“ auch für den zum individuellen Bewusstsein strebenden Menschen gelten, und plädierte dafür, die Handlungsweise der Natur im persönlichen Leben nachzuvollziehen, um durch die Konformität mit den natürlichen Wandlungsgesetzen eine größere vitale Kraft () zu erreichen.<br.>Dazu studierte und lehrte er die Verhaltensweise verschiedener Tiere, da er bei diesen einen weit höheren Wirkungsgrad der Handlungen feststellen konnte als beim stets bekümmerten Menschen. Er kam zu dem Schluss, dass der sich seiner selbst bewusst gewordene Mensch zwar Städte erbauen und Technologien erfinden konnte, dass ihn aber dasselbe Bewusstsein (Wissen um Verlust und Vergänglichkeit) in seinem Handeln beeinträchtigte. Dadurch reifte seine Idee und Lehre, den Menschen in den Ursprung seines natürlichen Seins zurückzuführen, wodurch er sein Leben mit Vitalität füllen und unbeschwert wirken kann.<br.>Die erste körperliche Übung dieser Philosophie begründete das „Spiel der fünf Tiere“ (wǔqínxì), eine Übung zur Nachahmung des Affen, des Tigers, des Hirschs, des Bären und des Kranichs. Die Tierstile waren jedoch nicht nur körperliche Übungen, sondern ein Versuch, das entsprechende Tier in seinem Wesen zu verstehen und seine gesamte Art und innere Handlungweise nachzuahmen - der Übende sollte das „Wie“ und „Warum“ im Wirken der Tiere ergründen.<br.>Diese ersten psycho-physischen Übungen legten den Grundstein für eine spätere ganzheitliche Übungsmethode für Körper und Geist (qìgōng), die bis heute die gesamte Kultur Chinas durchzieht und fünf Jahrtausende später zur Entstehung der ersten Kampfkunst (quánfǎ) im Shaolin-Kloster führte.

Bodhidarma

Hauptartikel: Bodhidharma

Bodhidharma (470-543)

Jahrtausende nach Huá Tuó kam der 28. Nachfolger Buddhas und gleichzeitig der erste Patriarch des chán (jap. zen), der indische Mönch Bodhidharma (470-543), ins Shǎolín-Kloster (shǎolínsì - 少林寺) und ergänzte die dort bislang vorherrschenden daoistischen Lehren durch buddhistische Philosophien. Er lehrte vor allem, dass das Leben vergänglich ist und dass es darauf ankommt, sich im irdischen Leben durch höchste Wirksamkeit auf einem „mittleren Weg“ (im Gleichgewicht zwischen Askese und Selbstgestaltung) zu verwirklichen. Nachdem er Abt des Klosters geworden war, gab er dem Dasein der Mönche, das bislang nur aus Beten und Übersetzen alter Schriften bestand, neue Impulse. Er verordnete ein tägliches körperliches Training (qìgōng) zur Stärkung der vitalen Energie (), in dem er gleichberechtigte Schwerpunkte zwischen der Ausbildung des Körpers und des Geistes legte.<br.>Zunächst entstanden die Systeme yìjīnjīng („Buch der leichten Muskeln“ - eine Methode zur Lockerung und Gesunderhaltung) und das xǐsǔijīng (Buch der Wäsche des Knochenmarkes - eine Übung zur Entwicklung von vitaler Energie und geistiger Reife). Bodhidharma, der auch Erfahrung im indischen Kampfsystem vajramushti (später kalaripayat) hatte, initiierte zusätzlich 18 kämpferische Übungen, die er shíbā luóhànshŏu (18 Hände der Buddha-Schüler) nannte. Dieses Konzept war der Ursprung des späteren shǎolín quánfǎ und aller nachher entstandenen Übungsformen tàolù (jap. kata).

Gründung der shaolinischen Form

Die fünf typischen Shaolin-Tierstile

Hauptartikel: Tàolù | Kata

In der Song-Dynastie (960-1278) kam Jué Yuǎn, ein militärischer Schwertkampfexperte ins Shaolin-Kloster. Er lernte schnell die 18 Kampftechniken shíbā luóhànshŏu der Mönche, doch er fand sie unvollständig und experimentierte mit neuen Verfahren. Als er später Lehrer im Kloster wurde, erweiterte er die 18 Techniken auf 72 Kampfverfahren. In diesen integrierte er zusätzlich Hebel- und Immobilisationstechniken, die später unter dem Oberbegriff qínná („zwingen und kontrollieren“) bekannt wurden.<br.>Doch seinem System fehlte sowohl die Technik als auch die Taktik des Nahkampfes. Um dieses Problem zu beheben, brachte er den Arzt Lǐ Cheng (auch Lĭ Sŏu) ins Kloster, der sich in den negativen Vitalpunktstimulationen auskannte. Die Taktik des Nahkampfes ließ er von Bái Yù Fēng lösen.<br.>Bái Yù Fēng arbeitete zehn Jahre lang an der entsprechenden Reformation des shaolinischen Systems. Die Kontrolle der Distanzen, durch die eine Technik erst angewendet werden konnte, stellte sich als schwierig heraus und erforderte eine durchgreifende Veränderung des bisherigen Konzeptes. Er schlug vor, die Idee der alten daoistischen „Tier-Spiele“ (wǔqínxì) von Huá Tuó aufzugreifen, um darin die taktischen Methoden zu definieren, die Lǐ Cheng eine Annäherung an den Gegner ermöglichen sollten. Auf der Grundlage dieser Idee erweiterten die Shaolin-Meister die bestehenden Verfahren auf 170 Aktionen, die sie auf den Verhaltensstudien von fünf symbolischen Tieren aufbauten: Drache (lóng), Tiger (), Kranich (), Schlange (shé) und Leopard (bào).<br.>Jedes Tier definierte eine in sich geschlossene Kampfmethode, dennoch wurden alle in einem zusammengeführten Formablauf (tàolù) geübt. Ihre Bewegungen waren verschlüsselt und enthielten, auf der Grundlage des qìgōng auf den Menschen übertagbare Verhaltensmethoden der jeweiligen Tiere.

Die komplexe chinesische Form

In ihrer Gesamtheit ist die chinesische tàolù (jap. kata) ein in körperliche Übungen umgesetztes philosophisches Ganzheitskonzept des qìgōng und somit ein Objekt des ständigen und nie endenden Studiums. Sie enthält:

  • Philosophie und Ethik - die Grundlage des menschlichen Befindens und Verhaltens, das als Etikette (reigi) in allen Kampfkünsten festgeschrieben ist.
  • Positive Vitalpunktlehre (kihon) - die Bewegungsprinzipien des qìgōng, die unter der Aufsicht eines sensei in jeder Übung verwirklicht werden können. Die Technik ist oberflächlich betrachtet nur Bewegung, doch sie hat einen tiefen Hintergrund und zielt letztendlich auf die innere Werdung des Menschen.
  • Taktik und Strategie des Kämpfens (kumite) - die Methoden des allseits bekannten kumite sind traditionell in den Partneranwendungen der kata verschlüsselt. Sie haben nur wenig mit den heutigen Wettkampfstrategien zu tun, sondern lehren stets den einfachsten und sichersten Weg zum Überleben in einer Selbstverteidigungssituation.
  • Negative Vitalpunktlehre (kyushō) - die Lehre über Kreisläufe und Punkte des menschlichen Vitalsystems ist Bestandteil der chinesischen Medizin. Diese Methoden (kyushōjutsu) zu verstehen, erfordert ein ausgedehntes Studium in Theorie und Praxis. Die dazu in den kata enthaltenen offenen Handtechniken sind nicht in der sportlichern Wettkampfauffassung zu gebrauchen und erfordern den Unterricht eines darin ausgebildeten sensei.

Kata auf Okinawa

Hauptartikel: Okinawa

Anfangs wussten die Okinawaner nicht viel über die in Bewegungen verschlüsselte Lebensphilosophie (tàolù) der Chinesen. Sie kopierten und übten die sichtbaren Formen (jap. genkyo), doch sie verstanden ihre Komplexität (tào) nicht und übersetzten ihre Anwendung (ōyō) entsprechend dem Wissen aus ihrer einheimischen Selbstverteidigung (te). Sie waren keine Philosophen, die okinawanischen Gesellschaftsstrukturen waren unterentwickelt, und für die Menschen war es vor allem wichtig, einen Kampf zu überleben und nicht Lebensverwirklichung durch Selbsterkenntnis zu betreiben. Sie wussten nichts über Vitalpunkte, über Energiekreisläufe und schon gar nichts darüber, wie man diese beeinflussen oder gar im Kampf verwenden kann. Viele von ihnen waren einfache Bauern, aber auch jene, die aus privillegierten Gesellschaftsschichten stammten (shizoku), übten sich in der Kampfkunst lediglich aus praktischen Gründen - sie wollten den Terror ihrer japanischen Besatzer (Satsuma) überleben und sich selbst, ihre Familien oder ihre Dienstherren schützen.<br.>Daher schlossen sie, überall dort, wo sie die hochentwickelten Verfahren der chinesischen Formen nicht verstanden einfach die Faust. Subtile chinesische Kampfmethoden wurden auf Okinawa zunächst nicht als kata bunkai praktiziert, sondern durch brachiale Gewaltaktionen ersetzt.

Veränderung des Te durch das Quanfa

Hauptartikel: Te | Tōde

Die Okinawaner praktizierten im 15. Jahrhundert auf ihrer Insel eine einheimische Selbstverteidigung, die sie te (手, de oder di - Hand) nannten. Unter dem späteren Einfluss der Chinesen veränderte sich die Bezeichnung in tōde (唐手 , tōdi - Hand aus China). Dies vor allem, nachdem Okinawa ein Protektoriat Chinas wurde und die Chinesen ständige Regierungsgesandte im Kumemura etablierten. Manche der dort stationierten Chinesen waren Kampfkunstexperten des quánfǎ, die sich darum bemühten, die rudimentäre Selbstverteidigungsmethode der Okinawaner mit ethischen und philosophischen Inhalt zu füllen (siehe dazu Yara und Sakugawa).<br.>Diese gelang jedoch erst im 18. Jahrhundert, nachdem okinawanische Experten des te nach China reisten und als Schüler unter die Obhut chinesischer Lehrer des quánfǎ gelangten. Dies war der Zeitpunkt der großen Reformation des te zum tōde, zum okinawate (沖縄手, uchinadi) und letztendlich zum karate (空手). Ethik, Inhalt und Hintergrund entstanden in den okinawanischen kata erst durch Lehrer wie Matsumura Sōkon (1806-1895), Matsumora Kōsaku (1829-1898), Azatō Yasutsune (1829-1906), Itosu Yasutsune (1831-1915), Kojō Kahō (1849-1925), Nakaima Norisato (1819-1897) und vor allem durch ihre Nachfolger in der nächsten Generation, die in der Interpretation ihrer eigenen kata mit den Chinesen gleichziehen konnten.<br.>

Die neu entstandene okinawanische kata war keine Kopie der chinesischen Formen (dàolù), sondern eine Interpretation der chinesischen Lehre nach okinawanischer Lebensauffassung. Zu Recht nannte man die aus dem te nachfolgende Kampfkunst zuerst tōde (China-Hand), denn sie war ohne Zweifel chinesisch beeinflusst. Doch später veränderte sie ihren Inhalt und verband chinesische Philosophie mit okinawanischer Praxisbezogenheit. Dadurch entwickelte sich das te zum uchinadi (okinawate) und erhielt gleichzeitig eine eigenständige Identität.<br.>Nachforschungen in der Geschichte des karate haben ergeben, dass es zu Anfang des 19. Jahrhunderts auf Okinawa bereits viele kata gegeben hat, aus deren Schlussfolgerungen, Auslegungen und Umwandlungen sich alle anderen Varianten entwickelten. Diese kata waren auf die lokalen Schulen des shurite, tomarite und nahate verteilt aber keineswegs in die heute bekannten Gruppen geordnet, denn jede einzelne war (und ist noch heute) ein abgeschlossener Kampfstil. Sie zu erlernen, war für jeden Interessenten schwierig, denn es gab keine Medieninformationen und über allen kata lag der Schleier des Geheimen. Ein Übender musste dazu zu einem Meister gehen und die Bedingungen der Lehrer/Schüler-Beziehung (shitei) erfüllen. Selbst die Identität der Meister war geheim, denn die japanische Besatzung (Satsuma), verfolgte solche Aktivitäten und verhängte Todesstrafen für alle Okinawaner, die sich in einer Kampfmethode übten.<br.>Manche Geschichtsforscher behaupten, dass die Idee der okinawanischen kata bereits in den alten okinawanischen Volkstänzen (odori) existierte und vom quánfǎ lediglich zusätzlich beeinflusst wurde. Auch die frühen Meister des te sollen bereits kämpferische Sequenzen von Technik und Taktik in Bewegungsabläufen verschlüsselt haben (vor allem im Bereich des kobudō). Wie auch immer, diese okinawanischen Urformen der kata waren sicher nicht mit jenen komplexen kata vergleichbar, die im 18. Jahrhundert auf Okinawa entstanden.

Entwicklung der okinawanischen Kata

Hauptartikel: Okinawate

Entsprechend der chinesischen Lehre entwickelte sich die okinawanische kata zu einem eigenen Konzept. Untenstehend sind die wichtigsten okinawanischen Basis-Kata dargestellt. Zu diesen gründeten die okinawanischen Meister oft eigene Varianten, in denen sie ihre persönliche Sicht, und ihre Kampfauffassung verschlüsselten. Auch wurden immer neue kata aus China importiert, wodurch später eine Vielzahl von kata entstand Kata-Liste (Karate). Doch sie alle haben einen Ursprung in einer chinesischen Grundform, auch wenn diese heute nicht mehr direkt nachvollziehbar ist. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden auf Okinawa hauptsächlich folgende kata geübt:

  • Shurite
- Passai (patsai) - japanisch bassai (Sturm auf die Festung)
- Kūshankū (kōshōkun, kōsōkun) - japanisch kankū (Blick in den Himmel)
- Useishi (usēshi) - japanisch gojūshihō (54 Schritte)
- Chinte - japanisch chinte (seltene Hand)
- Hakutsuru - japanisch hakutsuru (weisser Kranich)
- Seisan (sēsan) - japanisch hangetsu (Halbmond)
  • Tomarite
- Ji'in - japanisch ji'in (Tempelboden)
- Jion - japanisch jion]] (Liebe und Gnade)
- Jitte - japanisch jutte (zehn Hände)
- Wanshū - japanisch enpi (Flug der Schwalbe)
- Rōhai - japanisch meikyō (Reinigen des Spiegels)
- Chintō - japanisch gankaku (Kranich auf dem Felsen)
- Wankan - japanisch wankan (Königskrone)
- Niseishi (nisēshi) - japanisch nijūshihō (24 Schritte)
- Sōchin - japanisch sōchin (Kata des alten Mannes)
- Unsu - japanisch unsu (Teilen der Wolken)
  • Nahate
- Naihanchi - japanisch tekki (Eisenreiter)
- Sanchin - japanisch sanchin (drei Phasen)
- Saifa - japanisch saifa (große Welle)
- Seienchin - japanisch seienchin (ziehen, greifen, drücken, kontrollieren)
- Kururunfa - japanisch kururunfa (Festhalten und Zerreissen)
- Seisan (sēsan) - japanisch hangetsu (Halbmond)
- Shisōchin - japanisch shisōchin (Kämpfen in vier Richtungen)
- Peichurin (pēchurin) - japanisch sūpārinpei (3 x 36, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft)
- Seipai (sēpai) - 6 x 3 (18), Gut, Böse und Frieden
- Sanseirū (sansērū) - 6 x 6 (36), die Sinne des Menschen

Die Zuordnung der oben genannten kata zum shurite, tomarite und nahate ist fiktiv, denn später (nach 1850) wurden sie auch von den sensei anderer Karate-Stile übernommen, so dass heute kein übereinstimmendes Zuordnungskonzept existiert. Eine Ausnahme bleibt das nahate, da die kata des shōrei ryū wegen ihrer anders gelagerten Schwerpunkte vom shōrin ryū nur selten übernommen wurden. In bezug auf das shurite und auf das tomarite kann man davon ausgehen, dass in beiden Richtungen dieselben kata, jedoch mit für die einzelnen Schulen typischen Abwandlungen geübt wurden. Die meisten kata traten zuerst im tomarite auf, wurden aber hauptsächlich durch Itosu Yasutsune ins shurite gebracht und dort zu ihren heute bekannten Formen aufbereitet.

Ursprung und Namen der Kata

Hauptartikel: Kata-Liste (Karate)

In der oben bezeichneten Liste ist der erste Kata-Name die sino-okinawanische Aussprache (manchmal gibt es auch eine zweite sino-okinawanische Aussprache). Die Bezeichnung in der Klammer ist der heute in Japan gebrauchte Name (in Japan wurden die meisten Kata-Namen verändert).

  • Kata im Shōrei ryū - von den oben gelisteten Formen gehören 10 alte kata zum shōrei ryū, mit Ursprung im nahate (siehe dazu nahate kata): sanchin, saifa, seisan, seipai, seienchin, shisōchin, kururunfa, sūpārinpei, naihanchi und sansērū. Außer der naihanchi wurden diese kata von Higashionna Kanryō im nahate etabliert. Woher sie ursprünglich stammen, ist umstritten. Higashionna brachte sie nach Okinawa und gründete damit das nahate, aus dem später das gōjū ryū und das tōon ryū entstanden.<br.>Die kata sanchin, sanseirū und seisan wurden in zusätzlichen eigenen Versionen von Uechi Kanbun (Gründer des uechi ryū) aus China mitgebracht. Die naihanchi stammt ursprünglich aus der heute nicht mehr existenten Shōrei-Linie von Ason zu Tomigusuku. Seltsamerweise hat das mit ihr verwandte gōjū ryū sie nicht übernommen. Dafür jedoch gelangte sie ins shōrin ryū, wo sie heute in verschiedenen Varianten (im shōtōkan ryū als tekki) verbreitet ist.<br.>Viele Bezeichnungen der Shōrei-Kata sind chinesische Zahlen und symbolisieren esoterische Konzepte aus dem Buddhismus. Die Bezeichnung sūpārinpei bedeutet „hundertacht“ (108) und steht symbolisch für die im Buddhismus konzipierten 108 bösen Leidenschaften (bonnō) des Menschen. Die Bezeichnung für sanseirū (36) errechnet sich aus der Multiplikation sechs (6) mal sechs (6). Die erste sechs (6) repräsentiert Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist. Die zweite sechs (6) symbolisiert Farbe, Stimme, Geschmack, Geruch, Berührung und Gerechtigkeit. Die seipai steht symbolisch für die Zahl 18 und errechnet sich aus sechs (6) mal drei (3). Die Sechs (6) steht hier für Farbe, Stimme, Geschmack, Geruch, Berührung und Gerechtigkeit, und die drei (3) repräsentiert gut, böse und Frieden.
  • Kata im Shōrin ryū - die weiteren kata gehören zum shōrin ryū, das sich aus shurite und tomarite zusammen setzt. Da die Städte (Shuri und Tomari) nicht weit voneinander entfernt lagen, ist es schwierig, diese kata genau zuzuordnen, und deshalb bestehen über ihre Zuordnungen auch verschiedene Meinungen. Wahrscheinlich ist, dass die kūshankū, passai, useishi und chinte exklusive Formen aus Shuri sind, obwohl die kūshankū (über die Linie Yara Chatan - Kyan Chōtoku - Nagamine Shōshin) und die passai (über die Linie Shionja - Oyadomari Kokan - Kyan Chōtoku) auch im tomarite große Bedeutung hatten. Dazu gehören useishi (gojūshihō), eines der Glanzstücke der Itosu-Schule und chinte, eine rein chinesische Form, über deren Herkunft man wenig weiß. Zur Gruppe des tomarite zählt man auch jitte, ji'in, jion, rōhai, wankan, ananku, wanshū und chintō, doch sie wurden auch im shurite geübt und hatten dort ebensoviel Gewicht wie in Tomari. Sie alle könnten ebensogut als kata des shurite gelten.<br.>Darin sind wanshū und chintō vom Ursprung her reine Tomari-Kata, als solche sie heute im matsubayashi ryū geübt werden, doch die japanischen Varianten kommen aus der Itosu-Schule aus Shuri. Die sōchin, niseishi und unsu sind typische kata der Niigaki-Schule (Aragaki Tsuji Peichin Seishō), die ihren Sitz in Tomari hatte. Sie wurden von dort aus hauptsächlich durch Mabuni Kenwa in Japan verbreitet.
  • Neugründungen auf Okinawa - neben den oben gelisteten alten kata wurden von den okinawanischen Meistern auch neue Varianten gegründet. Im gōjū ryū gründete Miyagi Chōjun die beiden gekisai (daiichi und daini) und die tenshō, letztere als Ableitung aus dem chinesichen Prinzips rokkishu. Miyagis sanchin, die heute im gōjū ryū geübt wird, entspricht nicht mehr dem Prinzip ihrer chinesischen Ausgangsform und wird .<br.>Itosu Yasutsune, die „heilige Faust des shurite“ entwickelte die kūshankū shō, die shihō kūshankū, die bassai shō und die Dreiteilung der naihanchi (japanisch tekki). Davon übernahm Meister Funakoshi Gichin, der ein direkter Schüler von Azatō Yasutsune war, nur die Tekki-Varianten in seinen Stil, seine späteren Schüler brachten aber auch alle weitere kata ins shōtōkan ryū. Die kankū shō und die bassai shō wurden durch Chibana Chōshin im okinawanischen karate etabliert und werden heute bevorzugt im kobayashi ryū geübt.<br.>Im Jahr 1905 gründete Meister Itosu die pinan (in Japan heian), die 1907 offiziell in den Schulen Okinawas eingeführt wurden. Sie sind nicht kämpferisch orientiert, sondern waren als Gesundheitsgymnastik gedacht, wodurch dieser Aspekt des karate den breiten Massen zugänglich werden sollte, ohne seine Kampfgeheimnisse preiszugeben. Higashionnas seisan wurde von Meister Itosu ins shurite gebracht.<br.>Mabuni Kenwa gründete im japanischen shitō ryū die kata jūroku, myōjō und aoyagi. Der Gründer des shukokai, Tani Chōjiro, entwickelte in seinem Stil die kata hanenko aus der alten ananku zu einer eigenen Version.
  • Veränderte Kata-Namen in Japan - in den dreißiger Jahren, als der zweite Krieg gegen China vorbereitet wurde, waren alle Bezeichnungen chinesischen Ursprungs in Japan verboten. Dies veranlasste die in Japan unterrichtenden Meister, die alten chinesischen Kata-Namen (einschließlich der Bezeichnung karate) in japanische Begriffe umzuändern, was auf Okinawa zunächst zu großer Aufruhr führte, sich aber letztendlich durchsetzte. Dies ist der Grund, warum heute eine kata nach dem dreigeteilten Standardtmodell unter verschiedenen Namen bekannt sein kann: (1) ursprüngliche chinesische Bezeichnung, (2) okinawanische phonetische Wiedergabe der chinesischen Bezeichnung und (3) japanische Veränderung des Begriffes.<br.>Doch es gibt auch zahlreiche Abweichungen von dem oben genannten Modell. Manchmal wurden chinesische tàolù auf Okinawa nicht unter ihrer ursprünglichen Bezeichnung, sondern unter den Namen dessen etabliert, der sie aus China mitbrachte. Ein Beispiel dafür ist die japanische kankū, die von dem Chinesen Kūshankū (okin. Kōsōkun), einem Gesandten des chinesischen Ming-Kaisers im Jahre 1756 nach Okinawa (Kumemura) gebracht wurde.<br.>In einem anderen Beispiel wird die kata chinte in Japan mit „seltene Hand“ übersetzt. Doch das Schriftzeichen ch´in (擒, qín) verweist auf den Begriff ch´in na (qínná) und existiert auch in den kata sanchin, sōchin, seienchin, shisōchin und chintō (gankaku), die alle auf dasselbe Prinzip verweisen. Solche Abweichungen erschweren die Erforschung ihrer Geschichte und oft ist eine okinawanische kata zu ihrem chinesischen Ursprung nicht über ihre Bezeichnung, sondern lediglich über ihren Inhalt zu identifizieren.<br.>Doch nicht alle der heute bekannten kata haben japanische Namen. Als man sie in Japan umbenannte, suchte man nach einer Bezeichnung, die auf ihren äußeren Anschauungsaspekt passte. Die chinesische tàolù (kata) trugen immer Bezeichnungen, die sich auf die innere Struktur bezog. Meister Funakoshi Gichin benannte nur jene kata um, die er vor dem Weltkrieg in Japan lehrte. So konnten viele jener kata, die erst nach dem Krieg nach Japan kamen, ihre chinesischen oder okinawanischen Bezeichnungen behalten.

Kata in Japan

Hauptartikel: Butokukai | Karatedō

Nachdem die okinawanischen Karate-Kata 1921 nach Japan gelangten (in Reheinfolge durch Funakoshi Gichin, Miyagi Chōjun, Mabuni Kenwa, Motobu Chōki, u.a.), waren die dortigen politischen Zustände nicht günstig. Japan wurde von nationalistischen Kräften beherrscht, die danach strebten, die chinesische Mandschurei zu erobern. In diesen Jahren war den Japanern alles Chinesische verhasst, und eine Kampfkunst, die als tōde („Hand aus China“) bezeichnet wurde, hatte daher in dieser von imperialistischen Militarismus geprägten Umgebung keine Chance. So wurde die Bezeichnung tōde („Hand aus China“) in karate („leere Hand“) geändert. Auch viele der traditionellen kata erhielten neue, japanische Namen.<br.>Es war abzusehen, dass der dai nippon butokukai keine okinawanisch/chinesische Kampfkunst akzeptieren würde. Um die Anerkennung dieser Organisation zu erreichen, war es notwendig, karate als typisch japanische Kampfkunst zu definieren. Dafür war eine Reihe von Auflagen zu erfüllen, die schließlich zu vielen Veränderungen des karate in Japan führten sollten. Darunter war die bereits erwähnte Veränderung des ersten Schriftzeichens, die Übernahme des vom butokukai vorgegebenen Graduierungssystems (dankyū seido), das damit verbundene Tragen schwarzer (später auch farbiger) Gürtel, das Üben in Uniformen (karategi) und später die Veränderung des karate in einen Wettkampfsport. Alle Auflagen wurden nach und nach erfüllt, 1933 wurde karate vom butokukai anerkannt, und 1936 wurde der entscheidende Schritt zur Japanisierung des karate durch ein Übereinkommen mehrerer maßgeblicher Karate-Meister vollzogen. Karatedō wurde zur japanischen Kampfkunst erklärt und der butokukai errichtete sogar auf Okinawa eine Zweigstelle, durch die er neben jūdō und kendō das karate als japanische Kunst in sein Mutterland reimportierte.<br.>Viele der auf Okinawa verbliebenen Meister waren zunächst mit den Bestimmungen des butokukai nicht einverstanden und ignorierten diese weitgehend. Doch die politische Macht lag längst beim butokukai, und offiziell wurden in Japan die Stile shōtōkan ryū, shitō ryū, gōjū ryū und wadō ryū als die Hauptstile des karate erklärt. Im Dezember 1941 wurde eine Statistik über die Wirksamkeit der einzelnen Budō-Disziplinen erstellt, und im folgenden Jahr wurden sie direkt den Regierungsministerien (Erziehung, Krieg, Marine, Wohlfahrt und nationale Angelegenheiten) unterstellt.

Veränderte Strukturen

Die kata hat seit zwei Jahrtausenden einen inneren Sinn (bunkai) und eine äußere Form (genkyo). Der innere Sinn war stets durch die Form verdeckt, und das Wesen der Kampfkunstübung bestand darin, durch die Übung der Form den Sinn zu suchen (kata bunkai). Das Ergebnis einer solchen Lehre (oshi) bezeichnete man als gokuhi („innere Geheimnisse“) oder okuden (versteckt Überliefertes). Die gokuhi überlieferten sich durch die Zeiten immer im Hintergrund der Formen über die ununterbrochene Erbfolge jener Meister, die von ihrem Lehrer (sensei) als „innere Schüler“ (uchi deshi) oder „Schüler im Schatten“ (kage deshi) anerkannt wurden.<br.>Dieses, seit jeher auch in den japanischen Kampfkünsten bestehende Prinzip änderte sich nach den Neuordnungen des butokukai. Alle japanischen Stile (ryū) wurden unter die Kontrolle dieser staatlichen Instanz gesetzt, die Meister wurden entmündigt und nach dem System dankyū seido neu qualifiziert. Ihre neue Qualifikation hing ausschließlich von ihrer politischen Zuordnung ab.<br.>Die aktuelle Nachfolgeorganisation des butokukai ist die International Martial Arts Federation (IMAF) (jap. kokusai budōin bzw. kokusai budō renmei). Sie wurde 1952 als Stiftung des japanischen Kaiserhauses ins Leben gerufen. Durch das Privilleg der kaiserlichen Unterstützung beansprucht sie noch heute die alleinige Kontrolle über alle weltweiten Budō-Systeme. Doch diese haben sich im Laufe der Zeit in verschiedener Vielfalt und Zuordnung weiter entwickelt.

Konsequenzen

Trotz angestrengter Bemühungen der traditionellen okinawanischen Lehrer, die ab 1922 karate in Japan zu unterrichten begannen, erfuhr die kata in Japan einen gewaltigen Verlust an inneren Werten und durch die darauffolgende Versportlichung einen vollkommenen Niedergang in allen Bereichen ihrer philosophischen Kultur. Das Kopieren und Nachahmen einer klassischen kata im sportlichen Wettkampf bedarf keinerlei Bemühungen um ihr bunkai (kata bunkai), sondern lediglich die gymnastische Perfektion ihres Ablaufes. Das Ziel der Kata-Übung wurde hiermit verändert und aus einem philosophischen Konzept zur Selbsterkenntnis wurde ein oberflächlicher Wettkampfsport.<br.>Bis zur erzwungenen Unterordnung der ryū (Stile) unter den butokukai konnte diese Tendenz keinen Fuß fassen, denn die Person des Meisters (sensei) war stets die Kontrollstation in der Kampfkunstüberlieferung. Ohne menkyo kaiden durfte niemand die Kampfkünste unterrichten. Die japanische Politik der Nachkriegszeit spaltete jedoch die Überlieferung in allen Künsten des budō:

  • Sportliche Organisationen - die Organisationen und Föderationen für den Wettkampf überliefern ein „äußere Linie“, etablieren sportliche Trainer für den Wettkampf und unterrichten budō als Form. Die wahren Inhalte der kata werden als Überbleibsel einer überholten Tradition angesehen, weil kaum jemand sie übersetzen kann. Übende, die hier Inhalte suchen, sind falsch beraten und werden zu falschen Zielen geführt. Heute hat sich diese Entwicklung in die oberen Etagen der Wettkampforganisationen verlagert, in denen keine Meister, dafür aber umso mehr Funktionäre und Sporttrainer sitzen. Die Kampfkünste sind zum Geschäft geworden und brauchen dafür keinen Inhalt, sondern eine glänzende Hülle.<br.>Die kata wurde zur Bodengymnastik und nach westlichen Vorstellungen von Wettkampfsport interpretiert. Dadurch verlor sie all ihre klassischen Inhalte und veränderte sich zu einer sportlichen Kür, ähnlich dem Bodenturnen oder dem Eiskunstlauf. Die Übenden begannen in diesem Konzept eigene Auffassungen des Kämpfens zu entwickeln, die nicht mehr konform mit der Jahrtausende alten Lehre der kata waren. Diese Kampfauffassungen (jiyū kumite) werden heute in nahezu allen dōjō der Welt als karatedō bezeichnet.
  • Klassische Organisationen - klassische Organisationen werden von traditionellen Lehrer (sensei) geleitet, die stets die „innere Linie“ vermitteln. Ihre Lehre hat mit dem Formunterricht der Sporttrainer keine Gemeinsamkeit. Die traditionellen Überlieferungslinien, die den Stammbaum der Kampfkunstahnen aufzeigen und in den ryū von Generation zu Generation weitergeführt wurden, ließen keinen Nichtmeister zu.<br.>Die Lehre des wahren karatedō konzentriert sich nach wie vor auf die kata. In dieser Übung (keiko und kata geiko) wird der Weg () mit all seinen vielfältigen Inhalten im Selbst nachvollzogen und in Erfahrungen umgesetzt. Viele der heutigen Karate-Trainer wissen nicht, dass der Karate-Wettkampf erst in Japan entstand und in den traditionellen dōjō in dieser Weise überhaupt nicht existierte. Die Gründung der modernen Kumite-Auffassung durch die Japan Karate Association (JKA) führte damals zum endgültigen Bruch mit Meister Funakoshi und entwickelte sich zu jener Abzweigung, die sich danach weltweit als Sport-Karate verbreitete.

Kata in der Welt

Hauptartikel: Methoden der Karate-Kata

Das Konzept der kata wurde in der ganzen Welt verbreitet und je nach Kulturkreis unterschiedlich interpretiert. Im Westen wurde daraus ein gymnastischer Wettbewerb der Formen, wodurch die Kampfsportorganisationen in der ganzen Welt entstanden. Doch der eigentliche Sinn einer kata ist eine Übung zur Betrachtung des Selbst, die nur von einem Lehrer und nicht von einem Trainer gelenkt werden kann.

Die klassische Kata

Alle klassischen kata aus dem okinawanischen karate haben ihren Ursprung, ihren Sinn und ihr Anwendungsprinzip im chinesischen quánfǎ. Es gibt keine andere Möglichkeit, die okinawanischen kata wirklich zu verstehen, außer durch ein intensives Studium der chinesischen Kampfkünste, aus denen sie abgeleitet wurden. Tradition, Geschichte und Philosophie spielen dabei eine wesentliche Rolle. Versucht man dennoch, sich einer kata nur über ihre äußere Form zu nähern, entstehen jene Missverständnisse, die neuerdings das moderne karate ausmachen: man interpretiert die kata als sportliche Gymnastik im Wettbewerb der Formen.<br.>Dies ist im Bereich des Wettkampfes richtig, aber aus der Sicht des budō falsch. Das klassische Konzept der kata ist ein Studium des Selbst, gelenkt von einem Lehrer (sensei). In der Weiterfolge des technischen Trainings wurde aus ihr die Grundschule (kihon) und die Partnerübung (kumite) abgeleitet und taktische Methoden der Selbstverteidigung (goshin) gelehrt. Zusätzlich werden essentielle Grundlagen des qìgōng (Kultur der vitalen Energie) in Bewegung umgesetzt.<br.>In allen Künsten des budō geht es immer um die Perfektion der Form unter Beachtung der hintergründigen Lehre. Um dieses Ziel zu erreichen verwenden die Meister im Training zwei verschiedene Methoden:

  • Renshūhō kata (Übungs-Kata) - mit renshūhō bezeichnet man festgelegte Übungsmethoden, die in den jeweiligen Stilen dem Lehrer helfen sollen, den Schüler nach seiner persönlichen Art und Weise zu unterrichten. Die renshūhō (renshū - Übung, - Methode) sind keine im klassischen karate festgelegten formalen Übungen, sondern vom sensei zur gezielten Ausbildung seiner Schüler übernommene, von ihm selbst gegründete oder veränderte Formen und können entsprechend den Trainingsaufgaben auch variieren. Alle Methoden der renshūhō dienen vorwiegend dem Sichtbarmachen verschiedener vom sensei angestrebter Kampfkunstinhalte, die er unterrichten will.<br.>Seit jeher wurden von den sensei solche Übungsmethoden verwendet, mittels derer sie versuchen, ihren Schülern die Lehre des karate als Weg () zu vermitteln. Die Formen der renshūhō sind vom jeweiligen sensei selstgewählte formelle Methoden, die im Bereich des kihon (Grundschule, z.B. taikyoku) oder im Bereich des kumite (Partnerübung, z.B. kihon ippon kumite, jiyū ippon kumite) oder komplexere Partnerübungen (z.B. renraku waza) in Form einer kata geübt werden.<br.>Erfahrene Lehrer wissen, das einzig diese Übung zum Verständnis der kata und zum Fortschritt ihrer Schüler führt, und verwenden technische Abweichungen davon lediglich als Motivation. Unerfahrene Lehrer gründen immer neue Kombinationen, motivieren zwar dadurch ihre Schüler, führen sie dabei aber ins Abseits.<br.>Die renshūhō vermitteln als Vorbedingung zur kata, ebenfalls eine festgelegte Form. Als solche werden sie in den klassischen Stilen unterrichtet und von den sensei zu ihrem eigentlichen Sinngehalt geführt. Nur anfänglich sind es Formen (Mittel zum Zweck), ein erfahrener sensei führt sie zum Verständnis der Kampfkunst. Die Fähigkeit dieser Übertragung hängt aber von der Erfahrung des sensei ab. Auch hier ist nicht der Stil und nicht die Form entscheidend, sondern die Weitsicht des Lehrers.
  • Koryū kata (alte Kata) - mit dem Begriff bezeichnet man die originale Betrachtungs- und Übungsmethode der kata aus dem klassischen System des koryū uchinādi. Diese wurde über Jahrhunderte in einer Weise gepflegt, in der persönliche Erkenntnisse und Forschungen der Meister weitgehend in ein stilunabhängiges „Neutrum“ zurückgefügt werden konnten, aus dem sich folgend weitere Entwicklungen etablierten. Nicht das Unterrichten der Form war wichtig, sondern die Lehre über die Formhintergründe.<br.>Die Verteilung der okinawanischen kata auf die sich heranbildenden Stile (ryū) erfolgte generell nach diesem Muster. Auf Okinawa gab es lange Zeit nur „ein“ von allen Stilen unabhängiges karate das - ohne definiert zu sein - als „zentrales Neutrum“ die persönlichen Interpretationen der Meister speisen, lenken und orientieren konnte.<br.>Zu jener Zeit gab es keine Bücher und keine Videos. Die Meister waren auf ihre persönlichen Kontakte unterreinander angewiesen, und nur dort, wo diese funktionierten, entstanden gegenseitige Beeinflussungen. Erst dadurch öffnete sich das stets anonyme „Zentralarchiv“, und nur dadurch konnten sich die verschiedenen kata in den Meisterlehren verbreiten.<br.>Entsprechend ihrer Möglichkeiten und Absichten stellten die Meister ihr persönliches Programm für kata zusammen. Doch in ihrem Unterricht ging es nie um das „Wie“, sondern immer um das „Warum“. Funakoshi Gichin beharrte noch in Japan darauf.

Die moderne Kata

Die kata der modernen Wettkampfstile sind formal häufig den alten kata ähnlich, geraten aber durch ihre oberflächliche, auf Äußerlichkeiten abzielende Interpretation zu inhaltslosen Formen, denn sie werden sporttechnisch perfektioniert, um Wettkämpfe zu gewinnen. Im sogenannten Breitensport ist die Situation nicht anders, denn die kata im Breitensport ist auch eine Wettkampf-Kata, bei der die Bewertungsmaßstäbe (in Bezug auf die Schnelligkeit der Technik, Krafteinsatz usw.) entsprechend nach unten korrigiert werden. Die Wettkämpfer bedürfen nicht der Lehrer, sondern der Trainer, und die Übung der Breitensportler wird häufig ebenfalls von Trainern geleitet, die ihre Schüler nicht auf den Weg () des budō führen können.<br.>Die unglückliche Herabsetzung der kata zu einer eindimensionalen Körpergymnastik ging mit der weltweiten Verbreitung des karate einher. In China und Okinawa gab es in allen Stilen immer eine straffe Führung durch den jeweiligen Meister, der die Stilblüten seiner Schüler unterband, wenn sie sich nicht um die Inhalte bemühten. Als karate aber nach Japan kam und von dort aus in die ganze Welt verbreitet wurde, hatte es keine Eltern und somit keine Wurzeln mehr. Waisenkinder begannen seine Inhalte zu interpretieren und brachten ihre persönlichen, unausgereiften Ansichten mit ein.<br.>Wird ein Übender von seinem sensei statt zu den klassischen Inhalten zum Sport hingeführt, wird er die kata nicht als Wert erkennen können. Er sieht darin lediglich eine Abfolge von gymnastischen Bewegungen, die er nach den sportichen Regeln übt - unabhängig davon, ob er damit auf Wettkämpfe geht oder nicht. Doch es gibt zunehmend mehr hinterfragende Schüler, die wissen wollen, was kata und karate wirklich ist. Sie geben sich mit oberflächlichen Erklärungen nicht zufrieden und suchen nach Lehrern, die in der Lage sind, die kata als Wegkunst zu unterrichten.<br.>Im Sport spricht man von:

  • Kyōgi kata (Wettkampf-Kata) - der Begriff bezeichnet eine kata, die für einen Wettkampf vorbereitet und aus Anlass eines solchen vorgeführt wird. Auch dann, wenn diese kata in Technik und Abfolge einer klassischen kata (koryū kata) entspricht, ist sie dennoch nicht dieselbe. Die Grundlagen ihrer Bewegung erfolgen nach dem Prinzip westlicher Sportwissenschaften und nicht nach dem klassischen Ganzheitsprinzip des budō von Körper und Geist (shingitai).
  • Shin kata (neue Kata) - mit shin kata bezeichnet man moderne, selbstgegründete Formen für den Wettkampf, die zwar optisch anschaulich und virtuos sind, aber mit karate und kata nicht das Mindeste zu tun haben. Sie enthalten technische Eigenkreationen ihrer Gründer, die sich an den Maßstäben der Sportgymnastik orientieren.

Studium der Karate-Kata

Hauptartikel: Studium der Karate-Kata | Bunkai | Kata bunkai

Das Studium der Karate-Kata erfolgt nach dem altbewährten japanischen Prinzip des bunkai und wird näher als kata bunkai bezeichnet.

Bunkai

Mit dem Begriff bunkai (分解) bezeichnet man in Japan allgemein das Studium einer komplexen Angelegenheit. Das Schriftzeichen besteht aus der Kanji-Kombination von (分, bun) und (解, kai) und wird mit "Analyse", "Zerlegung" oder "Zersetzung" übersetzt. Der Begriff bunkai bezeichnet sowohl das "Teilen" als auch das "Auflösen" einer komplexen Sache, also ein tiefgründiges Studium einer komplizierten Angelegenheit auf einem zweigleisigen Weg (Auseinendernehmen und Zusammenfügen):

  • Bun (分) - das Zeichen bedeutet "Teil", "Anteil" und meint sinngemäß das "Teilen einer Angelegenheit in ihre einzelnen Komponenten". Der Begriff bezeichnet das Zerlegen eines komplexen Systems in Einzelteile, um seine Vielschichtigkeit zu analysieren und zu verstehen.
  • Kai (解) - das kanji bedeutet "Erklärung", "Lösung" und meint das Auflösen des Puzzles, das durch bun (teilen) entstanden ist. Die Erkenntnisse aus bun werden zu einem funktionieren Ganzen zusammen gefügt. Das Zeichen kann auch als ge (Erklärung, Lösung), toku (auflösen, lösen), wakaru (verstehen) interpretiert werden.

Kata bunkai

Mit kata bunkai (型分解) bezeichnet man speziell das Studium der Karate-Kata. Grundsätzlich besteht diese Methode aus einem zweigleisigen Studienweg (理論と実践, riron to jissen), dass 1. das Studium der Theorie (型の理論, kata no riron) und 2. das Studium der Praxis (型の実践, kata no jissen) enthält, auf dem Voraussetzungen für das korrekte Verständnis einer kata als Wegübung () gegründet werden können. Das Studium der Praxis besteht aus zwei wesentliche Komponente:

  • Genkyo (原拠) - Erforschung und Übung des formellen Ablaufes.
  • Ōyō (応用) - Erforschung und Übung der Anwendung.

Prinzipien der Karate-Kata

Hauptartikel: Prinzipien der Karate-Kata

Die untenstehenden Prinzipien (aufgeschrieben von Funakoshi Gichin als 19. Regel in seinen shōtō nijūkun) sind zum Verständnis der kata von wesentlicher Bedeutung. Sie beziehen sich auf die geistig-körperlichen Aspekte der kata, wie Umgang mit der Energie (ki), Zusammenspiel zwischen Spannung und Entspannung (shinshuku), Aktiv und Passiv (yin und yang), Gebrauch der Atmung (kokyū) usw. Sie wurden nie in ihren Einzelheiten erläutert, sondern galten stets als Geheimlehren (okuden), die nur in persönlichen Lehrer-Schüler-Beziehungen (shitei) von „Herz zu Herz“ übermittelt wurden.<br.>Verschiedene Meister des karate haben immer wieder versucht, die Übung der kata differenzierter zu erklären, aber ebenso wie in der dōjōkun gibt es eigentlich nur die drei unten genannten klassischen Regeln. Sie reichen aus, um den karateka dazu anzuleiten, den Sinn in seiner Übung zu suchen.

  • Chikara no kyōjaku („die Kraft ist hart und weich“) - die Kraft wird weder in den Techniken der kata noch im kumite mit immer gleichem Wirkungsgrad eingesetzt. Krafteinsatz ist zweckgebunden. Eine übermäßige Kraft in einer Abwehr reduziert z.B. die Kraft des nachfolgenden Konters und ist daher unangebracht. Über das Ziel hinausschießen ist kein Treffen. Zur Regulierung der Kraft wird u.a. das Volumen der Ausatmung verwendet. In den meisten Fällen wird in den Abwehrtechniken ca. 20% ausgeatmet, während der Rest der Atmung ohne Unterbrechung dem Konter zur Verfügung gestellt wird. Im Falle eines aus zwei Techniken kombinierten Konters ist das Atemverhältnis 20% Ausatmung bei der Abwehr, 20% Ausatmung beim ersten Konter und 60% Ausatmung beim zweiten Konter. Die Ausatmung wird ununterbrochen weitergeführt und erst am Ende des zweiten Konters gestoppt (evt. mit kiai). In manchen Fällen (z.B. bei durchdringendem kime) fließt die Atmung auch nach dem zweiten Konter weiter.
  • Karada (tai) no shinshuku („der Körper ist gespannt und entspannt“) - in der Bereitschafts- und Deckungsposition (yōi und kamae) verbleiben Körper und Geist stets in einer völlig entspannten Haltung. Entsprechend fließt die Atmung im Ein und Aus gleichmäßig und entspannt. Nur in dieser Haltung ist eine gute Reaktion möglich. Ist der Körper gespannt, vom Willen dominiert und der Geist auf eigenes Handeln bedacht, werden Angriff und Konter vom Vorurteil geleitet, was dem Prinzip des budō widerspricht. Bleibe in der Haltung soweit entspannt, dass du das Vorhaben des Gegners im Ansatz erkennst (yōmi), und reagiere mit einer Technik, die sich von der Entspannung hin zur Spannung entwickelt.
  • Waza no kankyū o wasaru na („die Technik ist langsam und schnell“) - die kata bildet eine in sich geschlossene Einheit. Sie besteht aus einzelnen Techniken, die man in der Grundschule (kihon) lernt. Diese Techniken in grundschulmäßig genauer Ausführung und im richtigen Rhythmus miteinander zu verbinden, ist einer der wichtigsten Aspekte der Kata-Übung. In den kata unterscheidet man zwischen direkt kampforientierten Techniken und passiven Bewegungen, die meist zwischen den einzelnen Kampfkombinationen liegen. Letztere sind - übertragen in den tatsächlichen Kampf - jene Bewegungen, durch die man die eigene Deckung verändert, sich in körperliche oder psychische Bereitschaften begibt, Richtungen oder Distanzen korrigiert, die Aufmerksamkeit des Gegners lenkt. Man nennt sie „Zwischenbewegungen“.

Als Beispiel für erweiterte Erläuterungen über die Übung der kata hier die Empfehlungen von sensei Kanazawa Hirokazu, die sehr zutreffend sind:

  1. yōi no kishin („den Geist bereit machen“)
  2. inyō („aktiv und passiv“)
  3. chikara no kyōjaku („das Maß der Kraftanwendung“)
  4. waza no kankyu („langsam und schnell“)
  5. . tai no shinshuku („Spannung und Entspannung“)
  6. kokyū („Atmung“)
  7. tyakugan („Angriffspunke“)
  8. kiai („Kampfschrei“)
  9. keitai no hoji („Stellung und Bewegung auf dem enbusen“)
  10. zanshin („Wachheit des Geistes, Geistesgegenwart“)

Philosophie der Karate-Kata

Hauptartikel: Philosophie der Karate-Kata | Karate-Philosophie

Überlieferte Kata (Kata-Liste)

Hauptartikel: Kata-Liste (Karate)

Studien Informationen

Siehe auch: Karate | Kata | Bunkai | Kata bunkai | Studium der Karate-Kata | Geschichte der Karate-Kata | Bedeutung der Karate-Kata | Prinzipien der Karate-Kata | Methoden der Karate-Kata | Übung der Karate-Kata | Philosophie der Karate-Kata | Kata-Liste (Karate) |

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste, BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Budo - der geistige Weg der Kampfkünste, Scherz 1991.
  • Werner Lind: Okinawa Karate, Sportverlag Berlin 1998.
  • Werner Lind: Karate Grundlagen, BSK 2005.
  • Werner Lind: Karate Kihon, BSK 2007.
  • Werner Lind: Karate Kumite, BSK 2010.
  • Werner Lind: Karate Kata, BSK-Studie 2014.
  • Shoshin Nagamine: The Essence of Okinawan Karate, Tuttle 1976.
  • Richard Kim: The Weaponless Warriors, Ohara 1974.
  • Morio Higaonna: Okinawa Goju ryū, Minamoto Research, 1985.
  • Mark Bishop: Okinawan Karate, A & B Black 1989.
  • Pierre Portocarrero: Tode les origines du Karate do, Sedirep.
  • Kenji Tokitsu: Histoire du Karate do, SEM 1979.
  • Hokama Tetsuhiro: Timeline of Karate history, 2007.

Weblinks