Karate ni sente nashi: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Budopedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
(Die Seite wurde neu angelegt: „'''Artikel aus:''' Lexikon der Kampfkünste<br.>'''Nachbearbeitet von: '''Karate ni sente nashi''' (jap.: 空手に先手 なし) bedeutet „Es gibt kei…“)
(kein Unterschied)

Version vom 16. September 2013, 14:39 Uhr

Artikel aus: Lexikon der Kampfkünste<br.>Nachbearbeitet von:


Karate ni sente nashi (jap.: 空手に先手 なし) bedeutet „Es gibt keinen ersten Angriff im Karate.“

Allgemein

Dieser Leitsatz (kaisetsu) ist einer der bekanntesten in der Budō-Literatur. Er wurde von Meister Funakoshi Gichin im karate interpretiert (karate dō nijukkajo und shōtō nijukun), stammt jedoch ursprünglich aus dem japanischen bushidō, wo er besagte, dass ein samurai in jeder Situation einen beherrschten Geist bewahren muss und das Schwert nicht wegen jeder Provokation oder Kleinigkeit ziehen darf. Durch diese Regel wird der Übende an die Bedeutung des ruhigen und kontrollierten Geistes (heijōshin köre michi) erinnert, durch den sich in den Kampfkünsten der reife Meister vom Anfänger unterscheidet.<br.> Im karate dō wurde die Bedeutung erweitert. Sie passte sich der stärker ausgeprägten philosophischen Tendenz des budō an und verkörpert darin den Wunsch des in den Kampfkünsten gereiften Menschen nach Frieden und Harmonie. In den kata des karate dō wird dies symbolisch verdeutlicht, indem jede erste und letzte Technik eine Abwehr ist.

Erste Bedeutung

Karate ni sente nashi wird auch im modernen budō häufig als Dōjō-Leitsatz verwendet, aber selten beachtet. Im ursprünglich traditionellen Sinn, in dem dieser Leitsatz gegründet wurde, enthielt er zwei philosophische Aspekte. Zum ersten zeigt er an, dass die Kampfkünste zur Selbstverteidigung und nicht zum Wettbewerb gedacht sind, in dem eine zu große Betonung auf der Taktik von Angriffstechniken liegt. Die traditionellen Meister sehen in den akzentuierten Angriffsübungen der sportlichen Varianten eine Verletzung dieses Prinzips und ein schwaches Kampfkunstpotential, da sie im Übenden falsche innere Haltungen hervorrufen, die dem Geist des budō widersprechen. Meister Funakoshi selbst erlaubte nie die Übung von Angriffstechniken im Training.<br.> Diese Interpretation des Leitsatzes ist mit der Budō Philosophie des sen no sen und go no sen verbunden. Das Ergreifen der Initiative in gleich welcher Selbstverteidigungssituation ist lebensnotwendig. „Es gibt keinen ersten Angriff“ bedeutet aber, dass ein Kampfkunstexperte in der Selbstverteidigung nie angreift, sondern abwehrt und im äußersten Ernstfall kontert. Das Maß einer Selbstverteidigungshandlung wird vom Geist bestimmt, und deshalb hängt die Verwirklichung von karate ni sente nashi eng mit der Entwicklung eines gerecht empfindenden Geistes zusammen (karate wa gi no tasuke).<br.> Zum zweiten drückt der Spruch den friedvollen Geist des in den Kampfkünsten gereiften Menschen aus, der Bescheidenheit und friedliches Zusammenleben vor egoistische Ziele stellt. Die Praktiken des Wettbewerbs, Siege nach Punkten zu erringen und auf diese Weise den Besten zu ermitteln, werden als Verletzung dieses Prinzipes bezeichnet, da sie für einen reifen Geist unwürdig und für einen naiven Geist verantwortungslos sind. Karate unter diesem Zeichen zu unterrichten, gilt als Umkehr seines Sinnes und als Verletzung der Ethik

Zweite Bedeutung

Die zweite Bedeutung bezieht sich nicht nur auf die Kampfkünste, sondern auf die allgemeine Haltung des Menschen gegenüber dem Leben. Das friedliche Zusammenleben der Menschen ist nach wie vor ein akutes Problem, dessen Bewältigung weit mehr in der Reife und dem Willen zum Frieden im einzelnen liegt als in der Suche nach übergeordneten Auswegen. Häufig setzen Menschen den Frieden als von ihnen unbeeinflussbares politisches Ereignis voraus, doch in Wirklichkeit ist er ein Resultat ihres kleinen Wollens in der Gegenwart und beginnt in den unscheinbaren Handlungen des Alltags. Karate ni sente nashi verweist darauf und mahnt den Menschen zur Selbstbesinnung und zu friedlichen Alternativen. Geistiges Wesen zu sein bedeutet, diese Alternativen zu suchen und zu finden, denn sie sind die Zukunft von morgen.<br.> Der Grund, warum der Wettkampf als Verletzung dieses Prinzips gilt, ist der dem budō entgegengesetzte Geist, der durch seine Ziele gefördert wird. Im budō übt sich der Mensch, um sich selbst zu besiegen, im Wettkampf übt er sich, um andere zu besiegen. Die Ziele des Wettkampfes betonen eben jene Formen der Selbstverwirklichung im Streben (dōjōkun), die durch die Übung des budō unter Kontrolle gebracht werden sollen, weil sie in ihren verschiedenen Facetten als die Ursache des Ungleichgewichtes gelten, das vom unreifen menschlichen Geist angerichtet wird. Meister Funakoshi spricht diesbezüglich vom „Mann des Tao“, von dem er sagt, dass je mehr Ehre oder Verdienst er erreicht, umso unscheinbarer und unwichtiger er sich selber hält: „Wenn ein Mann des Tao den ersten Dan erhält, wird er voller Dankbarkeit seinen Kopf beugen. Wenn er den zweiten Dan erhält, wird er seinen Kopf und seine Schultern beugen. Wenn er den dritten Dan erhält, wird er sich tief bis zur Hüfte beugen und still nach Hause gehen, damit ihn keiner sieht. Wenn der kleine Mann seinen ersten Dan erhält, wird er nach Hause laufen und es jedermann erzählen. Erhält er seinen zweiten Dan, wird er auf die Dächer klettern und es jedem zurufen. Erhält er seinen dritten Dan, wird er in sein Auto springen und hupend durch die Stadt fahren.“ In diesem Beispiel liegt die gesamte Erklärung des karate ni sente nashi.

Studien Informationen

Siehe auch: Kaisetsu | Budō | Dōjōkun

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Budo - der geistige Weg der Kampfkünste. Scherz 1991.
  • Werner Lind: Karate Kihon. BSK 2006.

Weblinks