Nichiren-Buddhismus

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Artikel von: Werner Lind<br.>Nachbearbeitet von:

Nichiren-Buddhismus (japanisch Nichiren bukkyō 日蓮仏教) ist die verwestlichte Bezeichnung für eine buddhistische Glaubensrichtung der Lotos-Sūtra (japanisch 法華経 hokke kyō), die von Nichiren gegründet wurde und sich später in mehrere Sekten (Nichiren keisho shūha) aufspaltete.

Glaubensinhalte

Die Glaubensdialektik des Nichiren-Buddhismus beruft sich auf die unverfälschte Interpretation der Lotos-Sūtra. In der alltäglichen Glaubenspraxis dominieren die mantrâ des myōhō renge kyō (南無妙法蓮華経). Das Konzept von Nichirens Lehre entspricht in Grundzügen dem tendai, zu dem er sich auch Zeit seines Lebens bekannte. Doch strukturell vereinfachte er die Lehre des tendai nach dem Muster des Amida-Buddhismus (jōdō). So wie die Amidisten versuchen, durch den bloßen Anruf des Amida-Buddha (nenbutsu) die Erlösung zu finden, lehrte auch Nichiren zu demselben Zweck ein stätiges Rezitieren des Titels der Lotos-Sūtra (in der Formel nam(u) myōhō renge kyō). Wie im Amida-Buddhismus gibt es auch im Nichiren-Buddhismus ein „Reines Land“ (ryōzen jōdō) als Vorstufe zum nirvana und gleichwohl wird die Vereinfachung der Lehre gegenüber dem tendai mit der Endzeitstimmung (mappō) begründet.<br.>Daher ist Nichirens Lehre strukturell durchaus mit dem Amida-Buddhismus vergleichbar. Im Gegensatz dazu wird jedoch nicht der Buddha Amida, sondern Shaka Nyorai, der historische Buddha Shakyamuni verehrt. Im Zentrum von Nichirens Lehre steht unangefochten die Lotos-Sūtra (hokke kyō).<br.>Nach Nichiren ist die Lehre des authentischen Buddha Shakyamuni komplett in der Lotos-Sūtra enthalten und kann nur über dieselbe verstanden werden. Deshalb bildet die Lehre der Lotos-Sūtra (sanskrit saddharma pundarîka, jap. renge kyō), durch die Rezitation des mantrâ nam(u) myōhō renge kyō, das praktische Zentrum des Glaubens.<br.>Die in vielen Interpretationen der sūtra veröffentlichten Glaubensbekenntnisse zum Buddhismus lehren, dass ein schlechtes karma vor allem durch die Verleugnung oder Verfälschung der „wahren Buddha-Gesetze“ entsteht. Nach Nichiren ist die Lotos-Sūtra die höchste Lehre und zugleich die einzige, die alle Menschen zur Erleuchtung führen kann.<br.>Laut Nichiren folgen andere buddhistische Glaubensrichtungen einer frühen, unvollständigen und falschen Lehre des Buddha Shakyamuni, die er selbst durch Erkenntnisse in seinen reiferen Jahren revidiert haben soll. Tatsächlich wird im zweiten Kapitel der Lotos-Sūtra darauf hingewiesen, die anfänglichen Lehren Shakyamunis zu verwerfen und sie durch dessen Erkenntnisse in einem reifen Lebensalter zu ersetzen. Auf Letzteres bezog sich Nichirens Lehre.<br.>Der Nichiren-Buddhismus besteht übergeordnet aus den sandai hihō 三大秘法, (drei großen Geheimlehren über das dharma):

SANDAI HIHŌ - drei große Geheimnisse
Honmon no honzon - Mandala (Diagramme)
Honmon no daimoku - Mantrâ (Sprache)
Honmon no kaidan - Kaidan (heiliger Ort)

Die sandai hihō sind die zentralen Glaubenspraktiken im Nichiren-Buddhismus und bestehend aus honzon (mandala), daimoku (mantrâ) und kaidan (Ort der Verehrung / Tempel), :

  • Mandala - die mandala sind symbolische Diagramme, die ursprünglich aus den tantrischen Schulen des Hinduismus und des esoterischen Mahâyâna Buddhismus (Tantrismus) stammen. Im Nichiren-Buddhismus werden sie als honzon und gohonzon bezeichnet. Nichiren begann im Jahr 1272 die ersten gohonzon als kaligrafische mandala nieder zu schreiben. Er selbst bezeichnete dies als die Aufgabe seines Lebens. Manche Nichiren-Schulen sehen darin die grafische Darstellung der Buddhaschaft, andere ein Mittel zum Erreichen der Buddhaschaft.
  • Mantrâ - die mantrâ bezeichnen kraftgeladene Silben oder Silbenfolgen, die bestimmten kosmischen Kräften und religiösen Aspekten Ausdruck verleihen. Im Nichiren-Buddhismus steht dafür der Begriff daimoku, der im Rezitieren der Lotos-Sūtra nam(u) myōhō renge kyō besteht.
  • Kaidan - heiliger Ort (kaidan) der Verehrung des Buddha, gemeint ein Nichiren-Tempel (siehe ji und terra).

Blütezeit und Untergang

Den stärksten Zulauf fand die Sekte in der Hauptstadt Kyōto, wo sie im sengoku jidai (ab 1482) etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung, vor allem Händler, Pfandleiher und Handwerker missionierte. Um 1500 gab es in Kyōto 21 Nichiren-Tempel, deren steigende Macht der ikkō shū (Schule des Amidismus) empfindlich in die Quere kam.<br.>Der Amida-Buddhismus organisierte aus seinem Haupttempel in Ōsaka (Ishiyama Honganji) hauptsächlich die Landbevölkerung und rief seine unterdrückte Bauern-Anhängerschft (ikkō) zum Aufstand (ikkō ikki) gegen die Pfandleiher aus Kyōto auf. Im Jahr 1528 zogen sie mit einer gewaltigen Armee gegen Kyōto, unterlagen aber der von den Nichiren-Tempeln organisierten Bürgerwehr.<br.>Nachdem die Nichiren-Armee die Hauptstadt zunächst erfolgreich verteidigt hatte, wurde sie kurz darauf von den Kriegermönchen (sōhei) des tendai vom Enryakuji angegriffen, die alle 21 Nichiren-Tempel zerstörten. Die restlich verbliebene Macht des militanten Nichiren-Buddhismus wurde schließlich von Oda Nobunaga beendet, nachdem er 1568 siegreich in Kyōto einzog.

Formen des Nichiren-Buddhismus

Der nach wie vor staatsfeinliche Nichiren-Buddhismus aggierte zunächst als nichiren shū und nichiren shōshū bis zum meiji jidai (1868) im Untergrund. Erst im 20. Jahrhundert entstand die sōka gakkai. Aus den drei Hauptströmungen entwickelten sich besonders in der Neuzeit viele Untergruppierungen (nichiren keisho shūha).

Nichiren shū (Nichiren-Schule)

Nichiren shū ist die Bezeichnung für die älteste Überlieferung von Nichirens Lehre, die nach seinem Tod (1282) von seinen direkten Schülern weitergeführt wurde. Um den Haupttempel Kuonji (Nichirens Grab) herum gründeten sich weitere Tempel wie Ikegami honmonji (von Nichirō), Tanjōji (von Nichike), Seichōji, u.a.<br.>Nach Nichirens Tod (1282) teilte sich die Sekte zunächst in mehere rivalisierende Untergruppen. Zu erwähnen sind vor allem die Richtungen nichiren shū und nichiren shōshū. Erst in der Neuzeit (meiji jidai, ab 1868) entstanden die vielen heute bekannten Abspaltungen (nichiren keisho shūha) aus der ursprünglichen Lehre Nichirens.<br.>Der Nichiren-Buddhismus galt über Jahrhunderte als staatsfeindlich und überlebte die folgenden Jahrhunderte nur unter erschwerten Bedingungen. Ab 1595 (azuchi-momoyama jidai) erfolgte jedoch eine relative Öffnung für alle japanischen Religionen, mit der Bedingung, dass sie sich staatlichen Kontrollen unterwerfen sollten. Dies konnte die Ideologie des Nichiren-Buddhismus, als ständige Kritiker-Instanz der japanischen Staatspolitik nicht leisten und gelangte zusammen mit mehreren anderen Religionen in die Kategorie fujufuse. Dies bedeutete, dass diese Religionen weder Unterstützung noch Anerkennung seitens der politischen Machthaber Japans erhielten.<br.>Auch über das edo jidai hinaus, bis 1868 erstreckte sich die gesellschaftspolitische Isolation der nichiren shū und überlebte nur im Untergrund. Mit dem beginnenden meiji isshin (1868) trat die nichiren shū verstärkt in die Öffentlichkeit. Die offizielle Anerkennung als Glaubensrichtung erlangte sie 1874.<br.>Bis dahin war sie auch die größte aller Nichiren-Schulen. Von Anfang an bestand sie und besteht auch heute noch aus einem Bund von bedeutenden Tempeln, die sich alle um ihren Haupttempel Kuonji auf dem Berg Minobu konzentrieren. Doch Uneinigkeiten zwischen den Nachfolgern sollten bereits früh (1290) zur ersten Spaltung der Nichiren-Lehre führen.

Nichiren shōshū (wahre Nichiren-Schule)

Die nichiren shōshū ist eine Abspaltung aus der nichiren shū, die für sich selbst in Anspruch nimmt, die eigentliche Lehre Nichirens zu vertreten. Die Abspaltung entstand bereits im Jahre 1290, nachdem sich Nichirens Schüler Nikkō (日興) im Nachfolgestreit mit seinen direkten Rivalen (Nisshō, Nichirō, Nikō, u.a.) entzweite, den Haupttempel Kuonji auf dem Berg Minobu verließ und den Gegentempel Taisekiji gründete. Dieser sollte als Glaubenszentrum für alle jene Tempel gelten, die sich auf Nikkō als den wahren Erben Nichirens beriefen.<br.>Diese Abspaltung geschah hauptsächlich aus machtpolitischen Gründen, denn die Glaubensunterschiede waren gering. Doch auch der lose Zusammenschluss der Nikkō-Tempel überlebte die folgenden Jahrhunderte bis zum meiji jidai (1868) in staatspolitischer Isolation, da auch seine Lehren jedem Regierungsmodell widersprachen.<br.>Nachdem sich im meiji jidai die Möglichkeit zur freien Religionsausübung abzeichnete, versuchten die Nikko-Tempel sich zu einer einheitlichen Nichiren-Strömung zu vereinigen. Dieser Versuch misslang, da sich der Tempel Honmonji von dem Konzept entfernte und sich der nichiren shū anschloss. Auch der Tempel Taisekiji entzog sich diesen Einigungsversuchen und gründete um 1900 einen eigenen Verbund, der sich zum ersten Mal nichiren shōshū (wahre Nichiren-Schule) nannte.<br.>Die nichiren shōshū ist heute eine straff organisierte hierarchische Glaubensorganisation, die den Nichiren-Schüler Nikkō zum einzigen Nachfolger Nichirens erklärt. Dabei beruft sie sich auf ein im Jahre 1488 im Taisekiji angeblich gefundenes Dokument (zweihundert Jahre nach Nichirens Tod), das die wahre Erbfolge bezeugen soll. Dieses Dokument legitimiert Nikkō als Nichirens Nachfolger und die ihm angeschlossenen Nikkō-Tempel als Bewahrer der „wahren“ Lehre. Doch die Echtheit dieses Dukuments wird heute weitgehend angezweifelt.

Sōka gakkai (wertschaffende Gesellschaft)

Die sōka gakkai wurde 1937 von Makiguchi Tsunesaburō (1871-1944) gegründet. Ehemals (1930) entstand sie als Laienorganisation innerhalb der nichiren shōshū, gewann aber an Bedeutung, indem sie der nichiren shōshū durch eine Praxis der Missionierung nach europäischem Vorbild viele Mitglieder im In- und Ausland zuführte. Einerseits kam dies der Mutterorganisation entgegen, andererseits wurde diese aggressive Missionierung von den meisten Priestern der nichiren shōshū abgelehnt. Dadurch entstanden erhebliche Konflikte zwischen den beiden Auffassungen, was die sōka gakkai dazu veranlasste, sich 1991 von der nichiren shōshū zu trennen und eine eigene Organisation zu gründen. Bis heute sind die Streitpunkte dieser Trennung vor den Gerichten zu klären.<br.>Nachfolger von Makiguchi Tsunesaburō (1871-1944) war Tōda Josei (1900-1958). Er verwandelte die Sekte zusätzlich in eine paramilitärische Organisation. Ihm folgte Ikeda Daisaku, unter dem ab 1964 die politische Partei kōmeitō (Partei für eine saubere Regierung) gegründet wurde. Ikeda Daisaku führt die Politik seiner Vorgänger weitgehend fort, entwickelt aber eine kritische Haltung gegenüber den Vertretern der kōmeitō.<br.>Die drei Führer (Makiguchi Tsunesaburō, Tōda Josei und Ikeda Daisaku) werden heute als die „ewigen Meister“ verehrt. Von Bedeutung ist, dass sie sich auf das alte Beziehungskonzept zwischen Meister-Schüler berufen und dieses in der Hierarchie der Organisation strikt anwenden. Dieses Prinzip zu vertiefen, wird allen Mitgliedern der sōka gakkai empfohlen.

Unterscheidung zu Tendai und Jōdō

Der Nichiren-Buddhismus führte von Anfang an einen dialektischen Glaubenskrieg gegen alle Richtungen des japanischen Buddhismus (bukkyō), ist aber sowohl dem tendai als auch dem jōdō (Amida-Buddhismus) in vielerlei Hinsichten verbunden.

Studien-Informationen

Literatur

  • Damien Keown: Lexikon des Buddhismus. Patmos, Düsseldorf 2005, ISBN 3-491-72488-0, S. 170-172

Weblinks

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