Budō-Gemeinschaft

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Artikel von: Werner Lind


Inhaltsverzeichnis

Die Gemeinschaft des Budō

Die Gemeinschaft des budō ist kein gegebener Zustand, sondern ein Resultat jahrelanger Arbeit. Sie hängt sowohl vom Unterricht eines sensei als auch von der Bereitschaft zur Integrität ihrer Mitglieder ab.

Wert und Selbstwert

„Ich möchte keine Einbindung in die Gemeinschaft, sondern nur dabei sein“, sagen manche Schüler, die sich von der Lehre entfernt haben und eigenständig gelten wollen. Dies mag angehen, wenn sie ein Fitnesstudio besuchen und für ihren Monatsbeitrag eine Leistung erhalten. Auch in den Karate-Gemeinschaften gibt es beitragsbezahlende Mitglieder und Wegschüler. Zu welcher Gruppe der Einzelne gehört, entscheidet er selbst. Der Lehrer ist dazu da aufzupassen, dass der Schüler nicht das eine tut und das andere beansprucht.

Manche Schüler wollen wenig beitragen und viel erreichen. Diese Tendenz ist so alt wie die Menschheit und führt in allen dōjō zu Konflikten zwischen Lehrer und Schüler. Will ein Übender wirkliche Fortschritte machen, muss er sich selbst und die ganze Gruppe mitverantworten. Sein Fortschritt wird sich immer an dem Wert messen, den er in den Gesamtprozessen der Budō-Entwicklung hat, und nicht an dem Wert, der in seiner Selbsteinschätzung existiert. Jeder Mensch möchte etwas wert sein und gelten, doch budō bedeutet, Wert durch eine Wegübung zu bezeugen.

Fortschritt auf dem Weg ist sichtbar im Verhalten. Der Weg der Kampfkunst enthält hierfür klare Maßstäbe. Fortschritt ist erreichbar durch Bemühen zum Wachsen, nicht aber im egoistischen Rechthaben. Wert zeigt sich immer im Verhältnis zu anderen, nie aber in der Einbildung.

Einbinden in die Gruppe

Auf dem Übungs-Weg haben wir es mit Menschen zu tun, die in ihren Grundhaltungen sehr verschieden sind, denn jeder entwickelt sich entsprechend seinen inneren Anlagen zu seiner eigenen Persönlichkeit. Diese bleibt für den Lehrer unantastbar. Doch eine Grundbedingung für das Verständnis des Schülers vom Weg ist, dass er zu seiner Wegübung sowohl den Lehrer als auch den Mitschüler braucht.

Die Budō-Gemeinschaft gibt es, weil einige durch ihre innere Haltung zusammenstehen und eine Art Zuhause gegründet haben - eine Anlaufstelle für persönliche Bedürfnisse in vielen menschlichen Bereichen. Häufig aber halten Schüler ihre Vorurteile für unantastbar und verstehen nicht, dass sie ein Betrachtungsproblem haben - sie integrieren sich weder in eine Lehrer-Schüler Beziehung noch in eine Budō-Verbindung zu anderen - sie versprechen viel und halten wenig.

Es gibt nichts von Menschen Geschaffenes, das von selbst entsteht und sich von selbst erhält. Alles bedarf der Arbeit und der Hingabe jener, die für ihre Ziele einstehen. Der Lehrer weiß, dass ein Gespräch über dieses Thema manchen Schülern stets unangenehm ist und zu Komplikationen führen kann. Wegübung aber bedeutet, dass der Schüler in den Spiegel sieht, den der Lehrer ihm vorhält. Vielen Schülern gefällt nicht, was sie darin sehen - sie denken, der Lehrer trübt ihr Bildnis.

Doch es ist die Pflicht des Lehrers, die Wegbedingungen von einem Schüler des budō einzufordern. Sicherlich nicht dort, wo ein Schüler den Weg offensichtlich ablehnt. Aber dort, wo der Schüler Zugeständnisse für seinem Fortschritt fordert, muss der Lehrer das Gleichgewicht herstellen.

Das „Wir-Gefühl“

Eine Budō-Gemeinschaft ist keine Kegelgruppe. Sie ist entsprechend ihren Inhalten auf menschliche Beziehungen aufgebaut und funktioniert ähnlich einer Familie. In ihr gibt es Wahrheit und Freundschaft, aber auch Lüge und Verrat. Wenn ein fortgeschrittenes Mitglied die Gruppe in Disharmonie verlässt, ist das nicht vergleichbar mit jemandem, der aus einem Fußballclub aussteigt. Er erteilt nämlich nicht den Kampfkünsten eine Absage, sondern er verrät seine Familie.

Gute Budō-Gemeinschaften sind sensible Gefüge, deren wichtigste Charakteristik Integrität und Loyalität sind. Auf keine andere Weise sind Budō-Ideale verwirklichbar. Die integre Stärke der Gemeinschaft ist für den Einzelnen die Quelle seiner Kraft, seiner Orientierung - sie ist sein seelisches Zuhause. Doch dieses Zuhause lebt und gedeiht erst im Zusammenhalt, im Kampf um seine Werte, es will gepflegt und geachtet sein. Es entsteht und erhält sich nicht von selbst, sondern erst durch den Beitrag der Einzelnen.

Nur wenn die Gemeinschaft zu einer klaren Haltung der Integrität und Loyalität fähig ist, kann sie ihre Identität wahren. Wie in keinem anderen Fall ist hier das Beispiel für das „Wir-Gefühl“ der Fortgeschrittenen gefragt, denn die Verletzung der Integrität und Loyalität durch Einzelne kann ihr Ende bedeuten. Wenn Fortgeschrittene ihr Zuhause nicht vor Angreifern schützen, werden sie es verlieren.

Die Tendenz der modernen Budō-Gemeinschaften geht immer mehr zu einem oberflächlichen Miteinander über und verlässt den traditionellen Weg der menschlichen Bindungen. Dadurch können solche Situationen zwar umgangen werden, doch die Budō-Gemeinschaft wird zur Zweckgemeinschaft, die kein budō, sondern Sport verwirklicht. Wer nehmen will, muss beständig zum Geben bereit sein.

Teilen

Es gibt keine menschliche Beziehung, die nicht auf Teilen beruht und es gibt keinen Menschen, der sich in einer Angelegenheit wohl fühlt, in der nicht geteilt wird. Doch es gibt viele Menschen, die überall dort, wo etwas geteilt wird, anwesend sind und stets ein bisschen mehr wollen als andere. Das geschieht nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im budō. Doch hier muss dieses Prinzip vom Lehrer strikt unterbunden werden.

Häufig sieht man Schülergruppen, die zusammen mit ihren Lehrern zu Wochenendseminaren in den Budōkan (honbu dōjō des BSK) kommen. Am Morgen stehen alle auf, die Lehrer gehen in die Küche und spülen das schmutzige Geschirr vom Vortag weg, während ihre Schüler völlig unmotiviert im Aufenthaltsraum sitzen und „keinen Bock“ auf ihre Pflichten haben. Das ist das Beispiel für eine kranke Budō-Gemeinschaft, in der kein Teilen herrscht. Nicht die Schüler handeln hier falsch, sondern die Lehrer. Sie nehmen hier ihren Lehrauftrag nicht wahr. Begründungen wie: „Das macht mir nichts aus“ hört man immer wieder von den betroffenen Lehrern. Ihre Bereitschaft ehrt sie, aber im Hintergrund verletzen sie die Budō-Etikette und zerstören in ihren Schülern das Gefühl des Teilens von Verantwortungen.

Natürlich steht am Ende jeder Lehrerbemühung um dieses Prinzip die Auseinandersezung mit dem Schüler, denn warum sollten Menschen im budō anders sein als im Leben. Doch den Weg des budō zu gehen, bedeutet innere Haltungen zu reflektieren. Für den Wegübenden geht es darum, seine Aufmerksamkeit, seinen Respekt, seine Zugänglichkeit, seine Gegenseitigkeit und seine Anteilnahme zu teilen. Ein Lehrer muss darauf achten.

Gemeinsamkeit

Gemeinsamkeit besteht aus der Bereitschaft des Hinhörens auf gegenseitige Bedürfnisse, aus dem Fühlen des Gebrauchtwerdens vom anderen. Es ist die Grundlage jeder Freundschaft und nicht zu verwechseln mit der Zweckbeziehung zweier Kumpel, die gemeinsam in die Disco gehen, um dort nicht alleine trinken zu müssen. Gemeinsamkeit ist ein tief empfundenes Bedürfnis im Menschen, aber gleichzeitig auch eine Verpflichtung.

In einer Budō-Gemeinschaft wird dies sehr bedeutsam. Hier wird das Gefühl der Gemeinsamkeit zu einer Kraft, die alles zusammenhält. Jene Übende, die Gemeinsamkeit nur als Einbahnstraße zu ihnen hin empfinden, wissen immer zu begründen, warum sie nie geben, aber ständig nehmen. Doch ganz im Gegensatz zu ihnen gibt es Menschen, die beides im Gleichgewicht halten, obwohl sie objektiv betrachtet schlechtere Voraussetzungen für das Geben haben. Sie werden angenommen und verstanden, weil sie wahr sind.

Gemeinsamkeit ist ein Gefühl des gegenseitigen Zueinanders, das sich nicht im bloßen Zusammensein, sondern im Vertrauen misst, das man füreinander aufbringt. Vertrauensunwürdige Menschen sind Weltmeister der Begründungen. Doch Gemeinsamkeit lebt nicht aus Begründungen. Begründungen sind Lügen, wenn sie in gemeinsamen Verbindungen nicht dazu führen, Vertrauen aufzubauen.

Geben und Nehmen

Alles ist Gleichgewicht, auch die menschliche Beziehung. Doch das natürliche Gleichgewicht kann durch ein selbstempfundenes sehr getrübt werden, wenn ein Mensch egoistisch und selbstbezogen ist. In allen Wegübungen geht es primär darum, dies zu erkennen und zu verbessern. Dafür gibt es den Lehrer und die Gruppenstruktur der Fortgeschrittenen, denn sie sind Maßstab und Resonanz für persönliches Verhalten.

Diese Resonanz kann man lesen und seine Lehre daraus ziehen. Man kann auch unaufmerksam sein und die Resonanz nicht erkennen. Man kann auch denken, dass man von niemandem geliebt wird und im Selbstmitleid versinken. Man kann viele Wege gehen, doch was letztlich übrigbleibt, ist die Tatsache, dass man sich in gegenseitigen Abhängigkeiten zu anderen entweder bewährt oder versagt.

Angefangen von menschlichen Freundschaften bis hin zu Gruppenstrukturen im budō gibt es keine andere Möglichkeit des Miteinanders, als dass jeder sich selbst um einen realistischen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen kümmert. Natürlich hängt das von menschlichen Werdeprozessen ab, doch die Übung auf einem Weg bedeutet, sensibel zu werden und zu erkennen, wo man nimmt und zu geben vergisst. Die Übung auf dem Weg ist ein geistiger Prozess. Die Rolle des Lehrers ist es, aufzuzeigen, wo der Schüler im Ungleichgewicht steht, und die Aufgabe des Schülers ist es, darüber zu reflektieren. Wieder ist nicht das Resultat gefragt, sondern das Bemühen.

Manchmal gibt es auch bei Lehrern die Tendenz, Anti-Budōmentalitäten ihrer Schüler mit dem Spruch durchgehen zu lassen „eigentlich ist das ein lieber Junge“. Das kann unbestritten wahr sein und gemessen an unseren gesellschaftlichen Gepflogenheiten, in denen jede Fehlhaltung auf Umfeld und Erziehung geschoben wird, auch richtig. Doch in einer Wegübung besteht die Pflicht des Lehrers darin, dem Schüler den Weg zu zeigen. Wegübung bedeutet, sich in Frage zu stellen.

Studien Informationen

Siehe auch: Dō (Weg) |

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Karate Grundlagen. BSK 2005.
  • Werner Lind: Karate Kihon. BSK 2010.
  • Werner Lind: Karate Kumite. BSK 2013.
  • Werner Lind: Budo, der geistige Weg der Kampfkünste. O. W. Barth 1995.

Weblinks