Itosu Yasutsune

Aus Budopedia
(Weitergeleitet von Itosu Ankō)
Wechseln zu: Navigation, Suche
120px-Qsicon Ueberarbeiten.svg.png Der Inhalt dieser Seite ist nicht vollständig und muss überarbeitet werden.

Artikel aus: Lexikon der Kampfkünste<br.>Nachbearbeitet von: Werner Lind

Itosu Yasutsune (糸洲安恒), auch Itosu Ankō, war ein okinawanischer Experte des karate (die „heilige Faust des shurite“ - Itosu war der Gründer des gedrehten „Korkenzieher Fauststoßes“). Itosu Yasutsune wurde 1830 in Shuri no Tobaru als Sohn eines samurai geboren. Der Junge wurde streng erzogen und im Alter von 16 Jahren brachte ihn sein Vater zu „Bushi“ Matsumura Sōkon, einen der größten Kampfkunstexperten des shurite aus jener Zeit.

Itosus Wurzeln

Itosu Yasutsune

Matsumura war ein strenger Lehrer nach shaolinischem Vorbild. Er lehrte einen körperbetonten Kampfstil, der aus einer Kombination von shǎolín quánfǎ Sakugawas shurite und dem japanischen Schwertstil jigen ryū bestand, den er auf Kyūshu gelernt hatte. Sein Schüler Itosu arbeitete hart und diszipliniert acht Jahre lang unter seiner Anleitung. Danach lernte er bei Shiroma Gusukuma aus Tomari (Linie Shionja), bei Nakahara und bei Yasuri, einem direkten Schüler von Iwah.

Als 1879 das Königtum auf den Ryūkyū durch die japanische Meiji-Regierung abgelöst wurde, war Itosu 49 Jahre alt und Privatsekretär des okinawanischen Königs. Seine darauffolgende Versetzung in den unterbezahlten Beamtenstand in ein Büro der Präfektur verschlechterte seine wirtschaftliche Situation so sehr, dass er 1885 kündigte und nur noch gelegentlich als Schreiber arbeitete. Zu diesem Zeitpunkt begann er im Garten seines Hauses in Kubagawa/Shuri öffentlich karate zu unterrichten.

Itosu vertrat in seiner Kampfkunstauffassung in der Hauptsache die Lehre Gusukumas aus Tomari, während sich der Matsumura-Stil über Matsumura Nabe und Sōken Hōhan zum Matsumura Seito weiterentwickelte. Eine andere Linie vererbte sich außerdem noch über Meister Azatō Ankō ins heutige shōtōkan ryū. Auf die späteren Stile des shurite hatte der Matsumura-Stil weniger Einfluss. Diese Stile wurden hauptsächlich von Itosus Karate-Konzept beeinflusst, das heute am deutlichsten im kobayashi ryū (Chibana Chōshin) ersichtlich ist.

Die Itosu-Schule

Die Itosu-Schule konzentrierte im 19. Jahrhundert die meisten okinawanischen Shōrin-Kata in einem System, überarbeitete und systematisierte sie und sorgte gleichzeitig für ihre Verbreitung, was bis zu jener Zeit unüblich, ja sogar undenkbar war. Manche der alten okinawanischen kata wären ohne den Beitrag dieses Meisters heute wahrscheinlich nicht bekannt.

Meister Itosu selbst: „Karate ist eine Art zu leben, ein Weg, um absolute Sicherheit und Furchtlosigkeit zu erreichen. Ein Mensch, der die Kata übt, kann durch bestimmte Schwerpunktlegungen in ihnen seine individuellen Fähigkeiten bis zur äußersten Grenze verbessern.“

ITOSUS KATA-SYSTEM

Dieser Idee folgend gab es in der Itosu-Schule ein Kata-Angebot wie in keiner anderen Schule aus jener Zeit. Itosu sammelte viele alte kata, veränderte und vereinfachte manche, was zur Gründung der tekki (shodan, nidan und sanden), bassai (dai und shō), kanku (dai, shō und shihō) führte. Während die meisten okinawanischen Meister drei bis fünf kata lehrten, unterrichtete Itosu die pinan (shodan, nidan, sandan, yondan und godan), naihanchi (shodan, nidan und sandan), bassai (dai und sho), wanshu, chinte, seisan, chinto, jutte, jion, kūshankū (dai, sho und shihō), rohai (shodan, nidan und sandan) und die gojushihō (dai und sho).

Im April 1901 wagte Meister Itosu ein Experiment von revolutionärer Bedeutung für die gesamte Verbreitung der okinawanischen Kampfkünste. Er brach mit dem alten Tabu der äußersten Geheimhaltung (gokuhi) der kata und unterrichtete karate an den öffentlichen Schulen Okinawas (zuerst an der Grundschule von Shuri). Er war der Meinung, dass die Werte der kata als Gesundheitsgymnastik nicht mehr weiter geheim gehalten werden durften, sondern dass sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden mussten. In diesem Sinne gründete er die fünf pinan (heian), aus denen er Taktik und Methodik des Kämpfens weitgehend entfernte und den gesundheitlichen Aspekt in den Vordergrund stellte.

Die Herkunft der Pinan-Kata ist bis heute nicht geklärt. Es gibt Berichte, laut denen Itosus Pinan-kata von der chinesischen kata chanan (chiang nan) abgeleitet wurden, die Itosu von einem Chinesen auf Okinawa gelernt haben soll. Die Chanan-Kata existiert heute nicht mehr in ihrer Originalversion und kann daher den Beweis ihrer Identität mit den Pinan-Kata nicht liefern. Nakama Chozo behauptet, dass Itosu die Pinan-Kata nicht gründete, sondern sie von einem seiner Lehrer, Nakahara, lernte. Ishikawa Horoku aus dem Shiroma shitō ryū gründete die heute am meisten verbreitete Theorie, dass Itosu die kata auf der Basis der kūshankū-kata gegründet haben soll.

Im Jahre 1905 wurde Itosu Karate-Lehrer an der Dai ichi Schule und schrieb drei Jahre später einen gedenkwürdigen Brief an das Erziehungsministerium, in dem er empfahl, karate als Erziehungs- und Verteidigungsmethode an allen Schulen Okinawas einzuführen und dieses Konzept auch auf das japanische Festland auszuweiten. Durch den enormen Zuspruch, den Itosus Vorschlag fand, trug er sich in die Annalen der okinawanischen karate Geschichte ein und erzwang die Öffnung der vielen geheimgehaltenen Stile gegenüber der Öffentlichkeit. Doch damit löste er auch eine Woge des Protestes der Stilvorstände aus, die Itosus Konzept als Verrat an der Tradition bezeichneten. Daher musste ein karate geschaffen werden, das kämpferisch entschärft und gesundheitsfördernd war. Dieses Konzept unterrichtete Funakoshi Gichin später in Japan und bewirkte damit die weltweite Verbreitung des karate als Sport.

Itosus Kata-Konzept

Nach einer 400 Jahre anhaltenden Feindschaft zwischen den Okinawanern und ihren japanischen Besatzern, entstand um die Jahrhundertwende eine relative Annäherung zwischen den beiden Völkern, wodurch sich auch der Schleier des Geheimen, der lange Zeit über dem karate lag, zu lüften begann. Die traditionellen Meister Okinawas waren nach wie vor strikt gegen die öffentliche Verbreitung des karate, doch manche von ihnen - allen voran Itosu Yasutsune - wollten durch diese Kunst die Gesundheit und Vitalität des Volkes stärken. Dazu schlug Itosu dem Erziehungsministerium vor, karate an den öffentlichen Schule zu unterrichten, was schließlich auch genehmigt wurde.

Um der Woge des Protestes aus dem Weg zu gehen, die von allen klassisch unterrichtenden Lehrern auf ihn zukam, unterrichtete er keine traditionellen kata, sondern veränderte diese in Neukreationen wie pinan (heian) oder naihanchi (tekki). Er entfernte aus seinen Konzepten alle Möglichkeiten der Entschlüsselung zum Kampf und füllte seine neuen kata mit vielen Techniken des qìgōng. Damit gründete er praktisch neben den alten Stilen ein neues karate, das für den Unterricht von Schulkindern geeignet war. Dieses karate unterrichtete Meister Funakoshi als er nach Japan kam und nicht das karate seines persönlichen Meisters Azatō Ankō.

Itosus Brief an das Gesundheitsministerium

Itosu Anko, Oktober 1908:

  • Karate stammt nicht vom Buddhismus oder Konfuzianismus ab. In den alten Tagen wurden zwei Stile des karate, der Shōrin- und Shōrei-Stil, von China eingeführt. Beide unterstützen gesunde Prinzipien, und es ist wichtig, dass sie bewahrt und nicht geändert werden. Daher werde ich hier erwähnen, was man über Karate wissen muß.
  • Karate strebt nicht nur danach, den Körper zu disziplinieren, sondern dient der Erhaltung der Gesundheit. Wenn es notwendig ist, für eine gerechte Sache zu kämpfen, sorgt Karate für die Tapferkeit und für die Stärke, durch die man sein eigenes Leben für diese Sache aufs Spiel setzen kann. Es ist nicht dazu gedacht, im Wettbewerb eingesetzt zu werden, sondern viel eher als ein Mittel, seine Hände und Füße in einer ernsthaften Begegnung mit einem Raufbold oder Schurken zu gebrauchen.
  • Der Zweck des Karate-Trainings ist es, die Muskeln zu stärken und den Körper stark wie Eisen und Stein zu machen, so dass man die Hände und Füße wie Speere einsetzen kann. Auch kultiviert das Karate-Training Tapferkeit und Wertgefühl in den Kindern und bereitet sie auf diese Weise gut für den Militärdienst vor. Vergeßt nicht, was der Duke von Wellington nach seinem Sieg über Kaiser Napoleon sagte: „Der heutige Sieg wurde in erster Linie durch die Disziplin erzielt, die auf den Spielplätzen unserer Grundschulen erreicht wurde.“
  • Karate kann in einem kurzen Zeitraum nicht ausreichend gelernt werden. Auch ein träger Bulle, egal wie langsam er sich bewegt, wird schließlich 1000 Meilen zurücklegen. Dies gilt auch für einen, der sich entschließt, jeden Tag 2 oder 3 Stunden fleißig zu studieren. Nach 3 oder 4 Jahren der nicht nachlassenden Bemühung wird sein Körper eine große Umwandlung zeigen und ihm die wahre Essenz des Karate enthüllen.
  • Eines der wichtigsten Ziele des Karate ist das Training der Hände und Füße. Daher muß man immer das Makiwara gebrauchen, um sie vollständig zu entwickeln. Um dies effektiv zu tun, senkt man die Hüften, öffnet die Lungen, konzentriert die Energie, greift gut den Boden, um die Stellung zu verwurzeln, und senkt das Qi - allgemein als Lebensenergie oder als innere Kraft bezeichnet - in den „Tanden“ (gerade unterhalb des Nabels). Entsprechend dieser Prozedur, führt man mit jeder Hand jeden Tag ein- oder zweihundert Fauststöße aus.
  • Man muss in den Trainingshaltungen des Karate immer eine aufrechte Position bewahren. Der Rücken muß gerade sein, die Lenden zeigen nach oben, die Schultern nach unten, während man eine geschmeidige Kraft in den Beinen behält. Man entspannt sich und bringt den oberen und unteren Teil des Körpers zusammen, wobei die Qi Kraft im Tanden konzentriert wird.
  • Karate wurde durch mündliche Überlieferungen weitergegeben und enthält Techniken mit dazu passenden Bedeutungen. Man muß sich dazu entschließen, den Zusammenhang dieser Techniken zu erforschen und dabei die Prinzipien des Torite (befreiende Hände) beachten, dann kann man die praktischen Anwendungen leichter verstehen.
  • Im Karate Training muss man unterscheiden, ob die Techniken für die Selbstverteidigung oder für die Kultivierung des Geistes gedacht sind.
  • Realität ist ein wichtiges Ziel im Karate Training. Sich vorzustellen, daß man wirklich während des Trainings auf dem Schlachtfeld ist, trägt viel zur Steigerung des Fortschritts bei. Daher sollten die Augen Entschlossenheit zeigen, während gleichzeitig die Schultern gesenkt werden und der Körper entspannt ist, wenn man abwehrt oder einen Schlag ausführt. Ein Training in diesem Geist ist die Vorbereitung für den echten Kampf.
  • Überanstrenge dich nicht im Training, bis das Gesicht und die Augen rot werden, da du ansonsten deine Energie verlierst. Das Maß an Training muß im Verhältnis zur körperlichen Stärke und Kondition stehen. Exzessive Übung ist schädlich und schwächt den Körper.
  • Karate Übende genießen durch die Vorzüge des gesundheitsfördernden Trainings ein langes und gesundes Leben. Die Übung stärkt Muskeln und Knochen, verbessert die Verdauungsorgane und reguliert die Blutzirkulation. Wenn das Studium des Karate daher in den Lehrplan unserer Grundschule aufgenommen und ausreichend geübt würde, könnten wir gesunde Männer mit unmessbaren Verteidigungsfähigkeiten erziehen.
  • Es ist meine Überzeugung, daß die Absolventen des Shihan Chugakko (Lehrerkollegium) den Kindern an den Grundschulen auf diese Weise Karate vermitteln können. Innerhalb von 10 Jahren wird Karate in ganz Okinawa und auf dem japanischen Festland verbreitet sein und auch unserer militärischen Gesellschaft dienen. Ich hoffe ihr werdet mein Schreiben aufmerksam lesen und über meine Worte nachdenken.“

Itosus Karate Konzept

In späteren Jahren waren Yabu Kentsu und Hanashiro Chomo die Übungsleiter an der Itosu-Schule und führten den gesamten Unterricht. Der 80jährige Itosu verbesserte bis zu seinem Tod im Jahre 1916 nur noch gelegentlich die Schüler. Ob er seine Kampfkunst dem imperialistischen Japan zur Verfügung gestellt hätte, wenn er die folgenden Jahre des Leidens und der Verwüstung hätte vorausahnen können, bleibt zweifelhaft. Er lebte seine Karate-Idee der starken Technik (Hände und Füße müssen Klingenwaffen sein, und der Körper muss jeden Schlag annehmen können) bis zum Ende seines Lebens und befand sich damit im Widerspruch zu seinem Lehrer Matsumura und zu seinem Freund Azatō, die Adepten der Ausweichbewegung waren. Matsumura soll einmal zu ihm gesagt haben: „Du kannst mit deinem Faustschlag alles niederschlagen, doch mich kannst du nicht einmal berühren.“

Unter seinen zahlreichen Schülern waren Yabu Kentsu, Yabiku Moden, Mabuni Kenwa, Shiroma Shinpan, Chibana Chōshin, Tokuda Anbun, Oshiro Chōki, Motobu Chōki, Shinpan Masashige, Yamagawa Choto und Funakoshi Gichin, der bis zum Jahre 1938 in Japan ausschließlich den Itosu-Stil unterrichtete, durch den das okinawanische karate einerseits verfälscht, andererseits aber auch reorganisiert wurde. Obwohl er selbst nie so dachte, bewirkte sein Konzept im späteren karate die überdimensionierte Form und den totalen Verlust der Inhalte. Itosus Karate-Konzept war der Anfang zum Konsum der Formen, die heute im Sport zum Aufpolieren des Ich (Gewinnen wollen) ohne Verständnis ihres Sinnes und ihres Inhaltes verwendet werden.

Natürlich waren die klassischen Meister gegen dieses Konzept, und obwohl Itosu heute als einer der größten okinawanischen Meister des karate gilt, war er zu seiner Zeit auf Okinawa keineswegs unumstritten. Er brach mit dem alten Tabu der Geheimhaltung der kata und gründete ein für die Öffentlichkeit entschärftes karate mit gesundheitlichen Aspekten. Die meisten Stilvorstände sahen darin eine Verletzung der Tradition und blickten auf Itosus „verfälschtes“ karate herab. Seine vielen Neugründungen der kata, die kämpferisch entschärft, aber gesundheitlich verbessert waren, machten jedoch die Verbreitung des karate erst möglich. Sie führten allerdings auch zu der heutigen Situation, in der durch die Veränderung der Abläufe, die Übersetzung der kata in den Kampf nur noch mit äußersten Anstrengungen möglich ist. Ohne die Originale lenken alle Shuri-Kata auf einen falschen Weg des bunkai.

Die Situation der damaligen Zeit erforderte dringlich eine Veränderung des karate, da die klassischen Stile sich nicht dazu eigneten, in öffentlichen Schulen unterrichtet zu werden. Diese Aufgabe übernahm Itosu, und mit derselben Idee versuchte Funakoshi später karate in Japan zu verbreiten. Die Entwicklung zu einem gesundheitsfördernden karate vollzog sich jedoch nicht in einem Mal. So unterrichtete er z.B. am Anfang die erste Pinan-Kata mit offenen Händen. Hanashiro, sein Übungsleiter, stellte fest, dass die Ausführung dieser kata mit offenen Händen zu gefährlich für die Schulkinder sei, und begann die Fäuste zu schließen. Die erste Bewegung in der naihanchi shodan wird heute als Abwehr interpretiert. Früher war sie ein Angriff mit den Fingerspitzen zu den Augen des Gegners. Itosu verwarf diese Interpretation und veränderte die Technik in eine Abwehr. Alle kata aus der späteren Lehre Itosus haben solche Veränderungen erfahren. Hierzu ein Zitat von Mabuni Kenwa: „Ich habe von einem Angestellten meines Hauses, Matayoshi Morihiro, als Basis des Karate die Kata Naihanchi gelernt. Diese Kata war aber ganz anders als die, die ich später von Meister Itosu gelernt habe. Eines Tages habe ich meinem Meister diese Kata gezeigt. Er hat mir gesagt, daß dies die ursprüngliche Naihanchi sei, die von einem Chinesen aus einem Dorf bei Tomari stammt. Die Kata, die er uns unterrichtet, sei das Ergebnis von Veränderungen, die er im Laufe seiner Forschungen in der Kata vorgenommen hat.“

Itosu hat durch seine Reformen einen beträchtlichen Teil der kämpferischen Aspekte aus dem karate herausgenommen. In diesem Zusammenhang sind auch die folgenden kritischen Worte von Kojō Kaho zu verstehen, der Itosus karate hart kritisiert: „Das Karate von Matsumura Sōkon war authentisch. Doch das Karate von Itosu besteht aus vielen Irrtümern. Als Okinawa eine Präfektur Japans wurde, entstand ein Pseudo-Karate, daß das echte Karate zu verdrängen versucht. Besonders die Adepten aus Shuri haben dieses fehlerhafte Karate verbreitet.“

Dagegen hält Gima Makoto, ein Meister des shurite: „Man muß zu Itosus Karate einen anderen Standpunkt einnehmen, als dies die Traditionalisten tun. Er war es, der die fünf Pinan-Kata entwickelt und die Naihanchi in drei Teile zerlegt hat, um sie für die Körpererziehung wertvoller zu machen. In den Augen von Meister Kojō hat Itosu damit die Tradition verletzt und betreibt ein Karate voller Fehler. Das ist sicherlich wahr, doch darf man Schulkindern das extrem kämpferische Karate beibringen, für das Meister Kojō einsteht? Ich sehe Meister Itosu als einen Gründer, der die Zeichen der Zeit verstanden hat und sein Karate einer neuen Epoche anzupassen versucht. Ich habe kein Problem damit, die Itosu-Schule als eine wertvolle Neuerung im Karate anzuerkennen, auch wenn sie die alte kämpferische Tradition verletzt. Das Itosu ryū ist kein klassischer Stil, sondern eine neue Richtung im Karate, durch das diese Kampfkunst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Es soll sich als Sport verbreiten und Menschen in der ganzen Welt zugute kommen. Das traditionelle Karate hingegen könnte eine unkontrollierbare Waffe werden, wenn die Meister die Kontrolle verlieren. Deshalb ist Itosus Karate die einzige Möglichkeit, diese Kampfkunst öffentlich zu verbreiten.“

Die Einschätzung der Bedeutung von Itosu war daher sehr verschieden. Für die einen war er ein Erneuerer, für die anderen ein Verräter am eigentlichen karate. Tatsächlich ist es so, dass Itosu die alte kämpferische Kunst in eine vitalpunktstimulierende Gesundheitsgymnastik (qìgōng) umgewandelt hat und die kämpferische Struktur im Hintergrund versteckte. Die Entschlüsselung aller vom shurite beeinflussten kata kann deshalb nur mit Berücksichtigung der vielen energetischen Bewegungen geschehen, die von Itosu aus den chinesischen Systemen des qìgōng („Kultur der vitalen Energie“) in ihre Abläufe eingeführt wurden.

Itosus karate wurde für Schulkinder gemacht und ermöglichte die Gründung der Wettkampfstile. Es bietet nur noch wenig von den alten Methoden der Selbstverteidigung, dafür aber ein gesundheitsförderndes Üben und die Möglichkeit, die Techniken im sportlichen Freikampf anzuwenden. Hauptsächlich dieser Stil wurde später nach Japan gebracht und hat sich weltweit als Wettkampf-Karate verbreitet.


Itosus Monument auf Okinawa.

Itosus Nachlass

Die Neuerungen von Itosu wurden im Training vor allem durch seine Übungsleiter Yabu Kentsu und Hanashiro Chomo umgesetzt. Sie unterrichteten an den Volksschulen und setzten sich intensiv mit Itosus Erneuerungsideen auseinander. Doch beide (besonders Yabu) plädierten für den zusätzlichen Erhalt der klassischen Richtung, da auch sie einzig und allein darin „das wahre karate“ sahen. Sie waren für eine Trennung des karate: Auserwählte Schüler sollten klassisch unterrichtet werden, während die Öffentlichkeit nur diese veränderte Gesundheits-Version erfahren durfte. Daher kommt die oben erwähnte Unterscheidung des karate in „Weg des Karate als Waffe“ und „Weg des Karate als Kunst“.

Miyagi Tokumasa, ein Schüler Yabus, sagt dazu:

„In seiner Kindheit hatte Yabu Unterricht bei Matsumura Sōkon, der in der Nähe seines Elternhauses wohnte. Unter seiner Leitung kam er zur Meisterschaft der Kata Gojushihō, die seine Lieblings Kata war. Mit Itosus Erneuerungen war er nie einverstanden, obwohl er einsah, daß dies die einzige Verbreitungsmöglichkeit des Karate war. Doch wann immer ein Schüler sein Vertrauen gewann unterrichtete er ein ganz anderes Karate.“ Gima Makoto, der 1912 in die Grundschule Okinawas kam, erlebte das Itosu Karate hautnah und schreibt: „Mein Lehrer im Karate an der Grundschule war Meister Yabu, den wir alle respektvoll „Sergeant Yabu“ nannten. Er lehrte uns damals Karate auf der Basis einer einzigen Kata, der Naihanchi (Tekki). Ich habe sie fünf Jahre lang geübt. Meister Itosu war bereits über 80 Jahre alt, doch er kam immer, um Yabus Unterricht zu beobachten. Meister Yabu wiederholte immer wieder, daß die Essenz des Karate in der Naihanchi enthalten sei. Er unterrichtete uns nie die Pinan Kata (Heian), und wir hatten den Eindruck, daß er die Qualität dieser Kata nicht sehr schätzte. 1922 bat mich Meister Funakoshi, ihm bei seiner Vorführung am Kodōkan vor Meister Kanō als Partner zu helfen. Daß ich damals mit so viel Selbstvertrauen die Naihanchi vorführen konnte, verdanke ich Yabus strengem Unterricht. Ich bin nun fast 90 Jahre alt und habe in meinem langen Leben keinen getroffen, der eine so gute Naihanchi vorführen konnte wie Meister Yabu. Yabu sagte damals, daß man die Naihanchi 10.000 mal im Jahr wiederholen muß. Das erfordert 30 Kata pro Tag. Für die Ausführung der Yabu Naihanchi (klassische Version) benötigt man 3 Minuten. Die alte Naihanchi enthält zwar die drei neuen Naihanchi Versionen von Itosu, doch sie unterscheidet sich so sehr, daß man sie nicht miteinander vergleichen kann.“

Yabu hatte karate direkt bei Matsumura gelernt, ehe er Schüler von Itosu wurde. Er hatte im Hinblick auf karate eine andere Einstellung als Itosu. Die naihanchi, die er unterrichtete, war nicht die Itosu-Naihanchi. Sowohl Yabu als auch Hanashiro begrüßten zwar Itosus Karate-Reformen für die Grundschulen, waren jedoch in Sorge darum, dass die Einführung der zahlreichen Gesundheitsbewegungen aus dem Shǎolín-Qìgōng (Shǎolín-Übungen zur Kultivierung des (s. auch quánfǎ und yìjīnjīng) den kämpferischen Wert des karate auf Dauer zerstören würde. Diese Veränderungen haben sich in die modernen Stile überliefert und erschweren es heute in der Tat, den kämpferischen Sinn der kata zu verstehen und ihre Logik zu entschlüsseln.

Als Yabu Lehrer für Körpererziehung an den Schulen und Ausbilder beim Militär geworden war, reformierte er das Karate-Training nach militärischem Modell. Ein großer Teil des heutigen Trainingsaufbaus ist das Werk von Yabu. Dazu gehört z.B. die Art, sich in ordentlichen Reihen aufzustellen, mit rei zu grüßen, strenge Kommandos zu geben, an bestimmten Stellen der Übung kiai auszuführen, sich mit regelmäßigen Schritten fortzubewegen, sich mit einer formalisierten Geste (mawate) umzudrehen usw. Yabus Methode wurde von vielen übernommen und ist heute in jedem Karate-Unterricht üblich.

Studien Informationen

Siehe auch: Karate | Karate-Kata | Shurite

Literatur

  • Werner Lind - Lexikon der Kampfkünste, BSK-Studien 2010

Weblinks