Jion

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Artikel erstellt von: Werner Lind, Hendrik Felber, Stephanie Kaiser

Jion: jiai no kamae
(Hanashiro Chōmo)

Der Begriff jion (jap.: 慈恩 / 慈音) bezeichnet eine Bewegungsform (kata) des okinawanischen und japanischen karate, die je nach Ausführungsart 45 bis 47 Bewegungen beinhaltet. Man übt sie unter anderem im kobayashi shōrin ryū (kyūdōkan), shōtōkan ryū, wadō ryū und shitō ryū.

Der Name jion

Die Bedeutung des Kata-Namens jion wird im Deutschen häufig mit „Liebe und Gnade“ oder mit „Tempelklang“ angegeben. Die Gründe für diese Differenz erhellt ein Blick auf die japanische Schreibweise von jion.

Liebe und Gnade

Bis auf wenige Ausnahmen wird der Name so dargestellt: 慈恩. Das erste kanji hat ein Bedeutungsspektrum von „Liebe, Zärtlichkeit, Zuneigung, Erbarmen, Mitleid“ und ist ein Kompositum aus den Graphemen 茲 („zartes, junges Gras“, metaphorisch für „heranwachsen“) und 心 („Herz“). 慈 ist also die vom Herz ausgehende Qualität, die einem Heranwachsenden, Aufstrebenden zuteil wird. Das zweite kanji kann ebenfalls „Liebe“ und „Mitleid“ bedeuten, aber auch „ Gnade, Gunst, Güte“ oder „Wohlwollen“. Es beinhaltet ebenfalls das Radikal 心 („Herz“), darüber aber das Zeichen 因, das eine Schlafstatt mit einer darauf liegenden Person darstellt. Letzteres steht dann im übertragenen Sinne für „beruhen auf“. Zusammenfassend gesagt steht 慈恩 für ein Verhältnis zu einem Heranwachsenden, das von solchen „herzlichen“ Qualitäten wie Liebe, Zärtlichkeit, Güte, Wohlwollen, Erbarmen und Mitleid geprägt ist. In Japan und China hat der Begriff 慈恩 aber nicht nur einen zwischenmenschlichen, sondern auch einen religiösen Aspekt. Im Amida-Buddhismus wird diese Kanji-Kombination verwendet, um die mitfühlenden Segnungen des Buddha Amida (Buddha des unermesslichen Lichtglanzes) zu benennen. Im Gegensatz zu anderen buddhistischen Strömungen steht im Amida-Buddhismus der Glaube an eine höhere Macht, das Vertrauen in die Allgüte des Buddha Amida (Amitabha) im Mittelpunkt der Lehre. Daher steht 慈恩 als Begriff nicht nur für eine elterliche Liebe zum Kind, sondern auch das Glaubensideal einer göttlichen Liebe zum Menschen. Mehrere buddhistische Tempel sind diesem Ideal verpflichtet und benennen sich entsprechend „Jion-Tempel“ (jionji 慈恩寺), wie zum Beispiel der Tempel in Sagae. Auch in China sind buddhistische Tempel mit diesem Bennungsmotiv bekannt, etwa der „Tempel des großen Mitgefühls“ (大慈恩寺, dàcíēn sì) in Xī'ān.<br.>Der Karatemeister Funakoshi Gichin führt in seiner Schrift Karatedō kyōhan aus dem Jahr 1935 den Namen der Karate-Form auf einen ebensolchen Tempel zurück, wenn er schreibt: „Der Name jion erscheint in einem alten chinesischen Dokument. Es gab einen Tempel namens jion und einen gleichnamigen großartigen Mönch. Offenbar muss die Form von jemandem überliefert worden sein, der in irgendeiner Weise eine Beziehung zum Jion-Tempel hatte.“

Klang der Liebe vs. Tempelklang

Sakagami Ryūshō verwendet in seinem Werk Karatedō kata taikan (Enzyklopädie der Karate-Kata) von 1978 an zweiter Stelle ein noch anderes Kanji bei der Schreibung von jion:音. Dieses bedeutet „Klang“, wodurch sich für die Kombination 慈音 als Bedeutung „Klang der Liebe“ ergibt. Fasste man dabei das erste Zeichen als Abkürzung für 慈恩寺 („Jion-Tempel“) auf, so ließe sich auch vom oben erwähnten „Tempelklang“ sprechen. Die direkte Kombination von 寺 (ji - Tempel) und 音 (on - Klang) ist jedoch zur Bezeichnung des Kata-Namens im Japanischen nicht üblich.

Geschichte der jion: Fakten, Indizien, Mutmaßungen

Über die Herkunft der Form ist heute wenig bekannt. Der bereits zitierte Meister Funakoshi Gichin führt die kata bereits in seinen ersten Werken Ryūkyū kenpō karate (1922) und Rentan goshin karate jutsu (1925) mit Beschreibungen des formalen Ablaufs und wenigen Illustrationen auf. Obwohl in diesen Büchern andere Formen bereits mit bedeutungstragenden Schriftzeichen benannt werden, fehlen solche bei der jion, deren Name nur mit der lauterklärenden Silbenschrift katakana als ジオン angegeben wird. Gleiches geschieht in der ersten vollständig illustrierten Darstellung der jion im Buch Karate kenpō des Funakoshi-Schülers Mutsu Mizuho aus dem Jahr 1933. Erst 1935 verwendet Funakoshi in Karatedō kyōhan die kanji 慈恩, die gleichen übrigens, die dann auch Hanashiro Chōmo für eine zweite vollständig illustrierte Darstellung des Jion-Ablaufs benutzt, welche 1938 im von Nakasone Genwa herausgegebenen Sammelband Karatedō taikan erscheint und einige signifikante technische Unterschiede zu der Version Funakoshis aufweist. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass Funakoshi und Hanashiro mit Itosu Ankō den gleichen Hauptlehrer hatten. Ob diese unterschiedlichen Versionen der Lehre verschiedener Meister entstammen oder aber lediglich auf die individuellen Interpretationen Hanashiros und Funakoshis zurückzuführen sind, bleibt gegenwärtig ungeklärt. Allen, auch späteren Varianten gemeinsam ist jedoch die typische chinesische Grußhaltung, jiai no kamae zu Beginn und am Ende der kata, bei der die linke Hand die rechte Faust umschließt und bei abgewinkelten Armen in Brusthöhe gehalten wird. Dieses Indiz und eine Reihe weiterer technischner Übereinstimmungen bzw. Ähnlichkeiten führten zu den Annahmen, dass die kata jion mit den Formen jitte (jutte) und ji'in verwandt sei oder dass alle drei kata unterschiedliche Ausprägungen von ein und derselben Form seien. Im Übrigen ist das Bedecken der rechten Hand mit der linken auch in anderen Formen wie etwa bassai (passai) oder enpi (wanshu), die heute wie die ji-kata dem tomarite zugeordnet werden, zu beobachten. Insofern könnte jiai no kamae auch auf eine weniger entfernte geographische Zuordnung hindeuten.

Enbusen und Bewegungsstruktur der jion

Das Schrittdiagramm (enbusen) der jion ähnelt als eine Art Doppel-T dem der ersten beiden heian kata, es wird jedoch im Unterschied zu diesen zweimal durchlaufen. Eine weitere Parallele zu den Heian-Formen ist, dass auf den „Schmalseiten“ des enbusen mehrmals eine Technikfolge zunächst nach links und dann in gleicher Abfolge nach rechts ausgeführt wird, während auf drei von vier Längsbahnen die gleiche Technik(-folge) mit je einem Vorwärtsschritt dreimal wiederholt wird. Die Bewegungen der Form sind im Vergleich zu anderen kata der mittleren und höheren Fortschrittsstufen weniger komplex und recht geradlinig. Zusammenfassend kann man sagen, dass die kata einen recht ausgewogenen Charakter hat. Funakoshi ordnet die jion der Gruppe des shōrei ryū zu, was sich bei ihm keinesfalls mit der geographischen Herkunft aus dem nahate sondern vielmehr mit den körperlichen Anforderungen an den Ausübenden begründet. In Karatedō kyōhan schreibt er, dass die Shōrei-Formen die physische Stärke und die Muskelkraft betonen, im Gegensatz zu denen des shōrin ryū, deren Übungsziele er eher in der Schnelligkeit und Beweglichkeit sieht.

Technische Merkmale der jion im shōtōkan und bei Hanashiro

Jion
Funakoshi Gichin (1925) vs. Hanashiro Chōmo (1938)
Funakoshi Jion kakiwake.jpg Hanashiro Jion tasuna kamae.jpg Funakoshi Jion morote uchi uke.jpg
Funakoshi mit
kakiwake uke
Hanashiro mit
tasuna kamae
Funakoshi mit
morote uchi uke
  • Typisch für die jion ist die beidarmige Auftaktbewegung aus jiai no kamae zu kosa uke bzw. kosa kamae, d.h. also, dass wie in der Form heian sandan gleichzeitig mit dem rechten Arm uchi ude uke und mit dem linken Arm gedan barai ausgeführt wird, während der linke Fuß aus heisoku dachi zu zenkutsu dachi geradlinig zurücksetzt. Im Gegensatz zu dieser recht frontalen Ausrichtung im Shōtōkan-Stil lässt sich der defensive Charakter dieser Bewegung bei Hanashiros Form deutlicher ablesen. In dieser wird eine rückwärtige und im Oberkörper abgedrehte Position eingenommen, während die Arme den Kopf und den Unterleib schützen.
  • Hanashiro wechselt darauf mit einem Schritt 45 Grad nach links in eine deutlich offensivere Kampfposition (tasuna kamae - Zügelhaltung), aus der der hintere Fuß nach vorn getreten und anschließend aufgestampft wird, worauf zwei Fauststöße folgen. Der zweiten Bewegung der Shōtōkan-Form kakiwake uke ist der beschriebene Wechsel in der taktischen Ausrichtung nur noch wenig zu anzumerken. Heutzutage wird das vorwärts drängende Aufstampfen auch weniger betont, im Übrigen erfolgt noch ein dritter Fauststoß. Diese Sequenz aus vier Bewegungen wird 45 Grad nach rechts wiederholt. Dass die Haltung tasuna kamae ein wichtiges Konzept der kata darstellt, beweist ihr drittes Auftreten im weiteren Verlauf der Form. Die entsprechende Parallele ist in der shōtōkan kata durch die Verfremdung zu morote uchi uke nahezu unkenntlich geworden.
  • Weitere Differenzen sind z.B. gedan jūji uke in kosa dachi (shōtōkan) vs. zwei parallel ausgeführte Fausstöße (Hanashiro), oder otoshi uke nach fumikomi (shōtōkan) vs. einer Abwehr zur Seite, ähnlich soto uke (Hanashiro). Während im Shōtōkan zum Schluss zweimal yumi zuki (Bogen-Stoß) ausgeführt wird, bei dem eine Hand zieht und die andere stößt, werden bei Hanashiro beide Hände in die gleiche Richtung gestoßen, ähnlich wie der Form naihanchi (tekki).
  • Grundsätzlich ist die Hanashiro-Form durch mehr Körperverlagerungen nach vorn/hinten bzw. oben/unten sowie mehr Rumpfrotationen gekennzeichnet und wirkt dadurch insgesamt kämpferischer als die Shōtōkan-Version. Die Hanashiro-Variante wird noch heute mit wenigen Abwandlungen im kobayashi shōrin ryū des Kyūdōkan geübt, das von Higa Yuchoku (1910-1994), einem Schüler von Chibana Chōshin gegründet wurde.

Studien Informationen

Siehe auch: Kata | Karate-Kata | Kata-Liste (Karate) | Jitte | Ji'in | Hanashiro Chōmo

Literatur

  • Funakoshi Gichin: Ryūkyū kenpō karate. 1922 (Reprint).
  • Funakoshi Gichin: Rentan goshin karate jutsu. 1925, engl. Tokyo 2001.
  • Funakoshi Gichin: Karatedō kyōhan. (1935), San Diego 2005 (englisch).
  • Roland Habersetzer: Koshiki Kata. Die klassischen Kata des Karatedō. Chemnitz 2005
  • Hanashiro Chomō: Die Form jion und die zugehörige Erläuterung. aus: Nakasone Genwa - Karatedō taikan. 1938 (Übersetzung ins Deutsche und Nachwort von Hendrik Felber, Steina 2007).
  • Kanazawa Hirokazu: Shōtōkan Karate International. Kata (Band 2). 1982.
  • Werner Lind: Die klassische Kata. Geistige Herkunft und Praxis des traditionellen Karate. Bern, München, Wien 1995.
  • Mutsu Mizuho: Karate kenpō. 1933 (Reprint)
  • Nakayama Masatoshi: Nakayamas Karate perfekt 8. Gangaku, Jion. Niedernhausen 1990.
  • Sakagami Ryushō: Karatedō kata taikan., 1978
  • Takamiyagi Shigeru, Shinzato Katsuhiko, Nakamoto Masahiro [Autoren und Herausgeber]: Okinawa Karate kobudō jiten [Lexikon des okinawanischen karate und kobudō]. Tōkyō 2008.
  • Henning Wittwer: Shōtōkan. Überlieferte Texte, historische Untersuchungen. Niesky 2007

Weblinks