Kumemura

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Artikel von: Werner Lind
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Kumemura (久米村), auch Kuninda oder Kume, ist heute ein Vorort der okinawanischen Hauptstadt Naha. In früheren Zeiten war Kumemura ein Dorf in unmittelbarer Nähe zu Naha, das in Vereinbarung zwischen dem okinawanischen König (Sato) und dem chinesischen Ming-Kaiser (Zhu Yuan Zhang) 1392 in eine Niederlassung für chinesische Gesandte umfunktioniert wurde. In Kumemura wohnten nicht nur chinesische Diplomaten, sondern auch privilegierte Okinawaner (uchinānchu), die in der chinesischen Sprache, Kultur und Technologie ausgebildet wurden. Oft wurden sie als Austauschstudenten (ryūgakusei) nach Beijing, Nanjing, Shanghai und Fuzhou geschickt, um ihre Studien zu vertiefen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Hauptartikel: Okinawa | Ryūkyū-Königreich

Der Ming-Kaiser Zhu Yuan Zhang beabsichtigte bereits seit 1372 einen intensiven Kulturaustausch mit dem Ryūkyū-Königreich. König Sato, der vom Ming-Kaiser die Königswürde über sein Inselreich erhielt, akzeptierte 1392 die feste Verbindung zu China, wurde den Chinesen tributpflichtig und stimmte dem Plan zu, zum Zwecke eines besseren Austausches eine chinesische Niederlassung in der okinawanischen Siedlung Kumemura zu gründen. Doch diese Entscheidung brachte der Ryūkyū-Bevölkerung nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Immer wenn ein Ryūkyū-König gestorben war und eine neue Thronfolge bevorstand, kamen (regelmäßig bis 1866) chinesische Gesandtschaften nach Okinawa. Die Einwohner nannten sie ukanshin („Boot der Krone“). Oft waren diese Delegationen 500 Mann stark, und die armen Okinawaner konnten ihre Versorgung kaum leisten. Aus diesem Grund wurde der Tod eines Königs den Chinesen oft verschwiegen.
Doch die Chinesen, die von den Einheimischen recht abgesondert in Kumemura lebten, bewirkten einen enormen Aufschwung in allen Bereichen der okinawanischen Gesellschaft. Sie koordinierten den Handel, brachten die chinesische Kultur und Technologie nach Okinawa und waren über viele Jahrhunderte hinweg die hauptsächlichen Beeinflusser der okinawanischen Kampfkunst tōde.

Frühes Mittelalter (ab 1392)

Mit dem Einzug der ersten chinesischen Delegation in Kumemura begann die legendäre Geschichte der „36 Familien“, die auf die okinawanische Kultur, Gesellschaft und Politik einen nachhaltigen Einfluss hatte. Diese vom Ming-Kaiser entsandte Delegation bestand vorwiegend aus Diplomaten, Technologen, Kaufleuten und Kampfkunstexperten jeder Art und sollte die chinesische Kultur auf Okinawa etablieren. In der Siedlung lebten daher nicht nur Chinesen, sondern auch von der okinawanischen Regierung ausgewählte aristokratische Okinawa-Bürger, die von den Chinesen lernen sollten. Diese lernten zunächst die chinesische Sprache und danach Technologien, wie Schiffsbau, Navigation, chinesische Verwaltung, Medizin, u.a. Schließlich wurden auch die frühen okinawanischen Methoden der Selbstverteidigung (tegumi und te) beeinflusst.
Obwohl Kumemura das unangefochtene Zentrum für den aristokratischen Kulturaustausch zwischen China und Okinawa blieb, entwickelten sich auch weitere ähnliche Anlagen, z.B. im Shuri und Tomari. Diese entstanden durch die vorübergehende Ansiedlung der chinesischen Seeleute, die in den Hafenstädten verblieben, während die von ihnen überbrachten Delegationen ins Landesinnere reisten. Auch unter den Seeleuten befanden sich ausgebildete Kampfkunstmeister des quánfǎ (z.B. Chintō oder Wanshū), unter deren Anleitungen sich im folgenden 17. Jh. hauptsächlich das tomarite entwickelte.

Spätes Mittelalter (ab 1609)

Im Jahre 1609 wurde das Ryūkyū-Königreich von den japanischen Satsuma erobert, und diesen ebenfalls tributpflichtig. Trotzdem blieb Kumemura auch weiterhin das bedeutendste chinesische Zentrum für Handel und Kulturaustausch auf Okinawa und der chinesische Einfluss auf der Insel ungebrochen.
In den fortwährenden chinesischen Delegationen befanden sich zunehmend mehr Militärs und Sicherheitsexperten, von denen einige Kampfkunstmeister waren (z.B. Kūshankū) und noch heute bekannt sind. Während sie ihre okinawanischen Schüler in Kumemura im quánfǎ (chinesische Kampfkunst) unterrichteten, ermutigten sie diese gleichzeitig nach China zu reisen, um dort ihr Wissen und Können zu vertiefen. Beginnend mit Yara und Sakugawa, gefolgt von Kojō, Uechi, Matsumura u.a. folgten viele diesem Rat und lernten zusätzlich die chinesische Medizin und Philosophie.

Zurück auf Okinawa unterrichteten sie die Einheimischen in den chinesischen Kampfkünsten, wodurch sich das alte te mit dem quánfǎ verband und zum tōde wurde. Später entstand daraus das okinawate, das im 20. Jahrhundert in karate umbenannt wurde. Im 17. Jh. intensivierten sich auch die Methoden des Okinawa-Kobujutsu. Hauptsächlich aus der Initiative der Kampfkünste entstand der organisierte Widerstand gegen die japanischen Satsuma-Samurai.
Auch unter der japanischen Besatzung blieb Kumemura die bedeutendste chinesische Bildungsstätte für aristokratische Okinawaner. Auf vielen Handelsreisen und Tributmissionen nahmen die chinesischen Gesandten auf ihrer Heimreise ihre besten okinawanischen Schüler nach China mit. Bei der Tributüberbringung nach China stationierten sie immer zuerst in Fuzhou (China), wo sich nach dem Beispiel Kumemuras im 19. Jahrhundert eine okinawanische Siedlung (Ryūkyū kan) entwickelte. Die Studenten aus Okinawa nannte man uchinānku ryūgakusei und bald fand man sie nicht nur in der okinawanischen Enklave, sondern in allen großen Städten. Doch die Provinz Fujian (Fukien) blieb die bedeutendste Anlaufstelle. Viele Okinawaner reisten auf diese Weise beständig zwischen Fuzhou und Okinawa hin und her.

Studien Informationen

Siehe auch: Okinawa | Ryūkyū-Königreich

Literatur

  • Morio Higaonna: The History of Karate. Dragon Books.
  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studie 2009.
  • Werner Lind: Okinawa Karate. Sportverlag Berlin 1998.

Weblinks