Menkyo

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Artikel von: Werner Lind

Menkyo (免許): (jap): men (amtliche Genehmigung, kyo (anerkennen, erlauben), System zur Einweihung eines Schülers (deshi) in das Geheimnis (gokuhi) einer traditionellen Lehre (oshi, dento). Menkyo bezeichnet das alte Graduierungssystem des bugei und bujutsu (ca. 1000 - 1800), in dem menkyo kaiden den höchsten Grad der Meisterschaft in einem ryū darstellte und den Inhaber zum Fortführen der Meisterlehre auswies. In den menkyo gab es keine Prüfungen und kein Prüngsprogramm, nur der Meister entschied über den Eintritt des Schülers in die nächste Stufe. Im butokukai wurden die menkyo zu den menjō (Lizenzen für Absolventen der Militärschule senmon gakkō) reformiert, aus denen Kanō Jigorō später des Graduierungssystem dankyū seido gründete. Daraus entstand das heute gültige Graduierungssystem kyūdan, dass engegen der Tradition der menkyo, ein technisches Prüfungsprogramm enthält.

Inhaltsverzeichnis

Konzept der Menkyo

Die alten menkyo enthielten keine Schülergrade (kyū), diese wurden erst später im System dankyū seido verwendet. Anders als im heute bekannten System kyūdan, gab es auch keine Prüfungen, der Meister entschied frei über die Lizenzvergabe an seine Nachfolger. Obwohl sich die menkyo von Stil zu Stil unterschieden, kann man eine gemeinsame Linie erkennen:

Omote - vordergründige Lehre - heute yūdansha

  1. Shoden (erste Einweihung in die Tradition) - entspricht dem 1. dan (shodan)
  2. Chūden (mittlere Einweihung in die Tradition) - entspricht dem 2. dan (nidan)

Ura - hintergründige Lehre - heute yūdansha

  1. Okuden (Einweihung in die innere Tradition) - entspricht dem 3. dan (sandan)
  2. Kaiden (vollständige Einweihung in die Tradition) - entspricht dem 4. dan (yondan)

Meisterschaft - heute kodansha

  1. Menkyo kaiden (Lizenz über die vollständige Meisterschaft) - entspricht dem 5. bis 10. dan

Vorgeschichte der Menkyo

Bereits früh gab es im bugei (Vorläufer des budō) ein System der Rangordnungen (menkyo), in dem die Meister Urkunden (makimono) mit Nummern von 1 bis 5 an ihre Schüler vergaben. Die höchste Urkunde war die des menkyo kaiden, die die endgültige Meisterschaft einer Kampfkunst bestätigte. Der Inhaber eines menkyo kaiden trat das Erbe der Kunst für die nächste Generation an und hatte die Aufgabe, am Ende seines Weges die Kunst weiterzugeben.

Bereits ab dem 6. Jahrhundert lässt sich in Japan eine von Kriegen bestimmte Kultur historisch nachweisen. Ihren ersten Höhepunkt erfuhr sie in der Heian-Zeit (794-1185) mit der Herausbildung der in der Gesellschaft angesehenen Klasse der Krieger (bushi). Im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung erlangten die Militärgeneräle (shōgun) und die Kriegeraristokratie (buke) im Verhältnis zum Kaiser (tennō) und zum Hofadel (kuge) immer mehr an politischem Einfluss, nicht zuletzt durch eine Vielzahl innerjapanischer Kriege zwischen wechselnden Allianzen verfeindeter Familienklans was schließlich dazu führte, dass die Krieger eine gesamtgesellschaftliche Führungsposition einnahmen. Dies spiegelte sich unter anderem darin wieder, dass der soziale Aufstieg eines Mannes und seiner Familie meist abhängig von dessen kämpferischen Vermögen war, das er in die Waagschale eines Familienclans werfen konnte. Im Gegenzug sicherte das Klanoberhaupt als Lehnsherr (daimyō) die Existenz seiner Gefolgsleute (samurai). Die Höhe der Besoldung der bushi richtete sich nach ihrem jeweiligen Kampferfolg und reichte von Reisrationen bis zur Zuteilung von Ackerland. Die Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung und Verbesserung der materiellen Situation motivierte den Einzelnen, sich intensiv dem Studium militärischer Technik und Taktik zu widmen. Diese Bestrebungen wurden von den daimyō nach Kräften gefördert, da sich durch die Erhöhung der Kampfkraft ihrer Truppen die Chancen erhöhten, ihr Territorium und ihren politischen Einfluss auszuweiten.

Die Vorherrschaft der Kriegerklasse in Japan währte fast 700 Jahre, beginnend 1192 mit dem Kamakura-Shōgunat und endend mit der von außen erzwungenen Öffnung des Landes und Abdankung des letzten Tokugawa-Shōgun im Jahr 1867. Die dauerhafte Einigung und Befriedung des Landes ab dem frühen 17. Jahrhundert ist auch auf den Umstand zurückzuführen, dass die gesellschaftliche Position der buke unangetastet blieb, obwohl es nach dem Kriegsende dafür keine militärische Notwendigkeit mehr gab. Nach wie vor schulten sich die bushi im Kriegshandwerk und führten die Schwerter als Statussymbol jederzeit bei sich.

Über die Organisation der militärischen Übung und der Vermittlung taktischen Wissens im vormittelalterlichen Japan ist nur wenig bekannt. Spätestens ab dem 15. Jahrhundert begannen sich im allgemeinen Streben nach militärischem Erfolg Kampfkunstschulen bzw. -stile (ryū) zu etablieren, die in der Regel einem bestimmten Familienclan (uji) zugeordnet und auch intern nach einem Familiensystem organisiert waren. Basis der Ausbildung war der vom Gründer eines ryū festgelegte Lehrplan, nach dem seine Erfahrungen, sein Wissen und seine Erkenntnisse systematisch von Generation zu Generation weitergeben wurden. Diese Einweihung (den) in die kämpferische Tradition eines Meisters geschah hauptsächlich in der praktischen Übung, wurde aber durch theoretische Unterweisungen in mündlicher (kuden) und schriftlicher Form (densho) ergänzt. Während der Unterricht in den meisten ryū bis Ende des 16. Jahrhunderts primär auf den militärischen Sieg durch die Beherrschung vieler Methoden, bewaffnet (buki no bu) und unbewaffnet (toshu no bu) zu kämpfen, ausgerichtet war, gab es danach in der Zeit der Tokugawa-Shōgune durch die veränderte Situation der bushi unterschiedliche Akzentverschiebungen. Manche ryū spezialisierten sich auf den Umgang mit nur wenigen oder gar nur einer Waffe, andere ryū stellten den unbewaffneten Kampf ins Zentrum ihrer Lehre, wieder andere betonten mehr und mehr spirituelle Aspekte. Jeweils ein Meister stand einem ryū quasi als Familienoberhaupt (soke) vor, wozu ihn in der Regel sein Vorgänger in dieser Position bestimmte. In vielen ryū war dies tatsächlich der eigene Vater, es gab aber auch Schulen, die den Stilerben prinzipiell aus den besten eigenen Schülern ohne Ansehen verwandtschaftlicher Bindungen auswählten. Der soke lenkte die Geschicke eines ryū, indem er dessen Lehrinhalte weitergab und dadurch bewahrte, sie aber auch nach seiner persönlichen Auffassung revidierte oder ergänzte. Er legte fest, wer zu welchen Bedingungen dem ryū als neuer Schüler (nyūmonsha) beitreten durfte, und bescheinigte den Mitgliedern seines ryū ihre jeweilige Fortschrittsstufe innerhalb des Ausbildungssystems oder die erlangte Meisterschaft. Letzteres geschah in der Edo-Zeit (1600 -1868) vornehmlich durch die Vergabe von Lizenzen (menkyo).

Art der Menkyo

Von ryū zu ryū variierten zwar die Anzahl und die Bezeichnungen für die Lizenzen, gleichwohl bezogen sie sich alle auf den Grad der Einweihung (den) des Schülers in die jeweilige Kampfkunst. Die Entscheidung, wann und unter welchen Voraussetzungen ein Schüler eine Lizenz erhielt, oblag der Einschätzung des soke beziehungsweise des von ihm eingesetzten Hauptlehrers (shihan) und war vom Schüler nur insofern zu beeinflussen, als dass er sich seinem Lehrer gegenüber stets loyal verhielt und lernbereit zeigte. So war es keine Seltenheit, dass Novizen lange Zeit geprüft wurden, bevor sie überhaupt Unterricht erhielten, und dass Jahre des Trainings vergingen, bevor sie die erste Lizenz erhielten, die ihnen lediglich bescheinigte, als Schüler angenommen worden zu sein. Die Methoden, technische Fertigkeiten, geistige Fähigkeiten und Verhaltensqualitäten als Voraussetzung für eine Lizenzierung zu überprüfen, waren dabei von Meister zu Meister unterschiedlich und wurden von diesen auch individuell für den jeweiligen Schüler ausgewählt.
Ein transparentes Prüfungsprogramm, wie es heute in vielen modernen Kampfkünsten existiert, gab es nicht. In einigen wenigen der gegenwärtig noch praktizierten alten Stile (koryū) wird das Menkyo-System nach wie vor unverändert verwendet.

Beispiele für Menkyo

Als Beispiele für solche mehrstufigen Systeme von Zertifikaten sei hier das des kashima shin ryū, dessen Kampfkunsttradition bis ins 15. Jahrhundert reicht, und das des honmon enshin ryū angeführt:

Lizenzsystem des kashima shin ryū

  1. Kirigami - sinngemäß: „Anwartschaft“, wörtlich: „geschnittenes Papier“ (abgeleitet von dem Papierstreifen, auf dem das Zertifikat geschrieben wurde)
  2. Shomokuroku - „erstes Zertifikat“
  3. Shoden - „erste Einweihung in die Tradition“
  4. Chūden - „mittlere Einweihung in die Tradition“
  5. Okuden - „Einweihung in die innere Tradition“
  6. Kaiden - „vollständige Einweihung in die Tradition“
  7. Menkyo kaiden - „offizielle Lizenz über die vollständige Einweihung“

Lizenzsystem des honmon enshin ryū

  1. Ten no maki - „Schriftrolle des Himmels“ (entspricht shoden)
  2. Chi no maki - „Schriftrolle der Erde“ (entspricht chūden)
  3. Jin no maki - „Schriftrolle des Menschen“ (entspricht okuden)
  4. Betsuden no maki - „Schriftrolle der separaten Überlieferung“ (entspricht menkyo kaiden)

Studien Informationen

Siehe auch: Graduierungssystem | Kyūdan | Dankyū seido |

Literatur

  • Werner Lind: Karate Grundlagen, Kihon, Kata, Kumite. BSK 2005.
  • Francis Didier: Karate dō - L´Esprit Guerrier. Sedirep 1988.
  • Werner Lind: Budo - Der geistige Weg der Kampfkünste. O.W. Barth 1993.
  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK 2010.

Weblinks