Mosshōseki

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Artikel von: Werner Lind

Mosshōseki (jap.: 没蹤跡) ist ein philosophisches Prinzip aus dem zen und Leitsatz (kaisetsu) der Budō-Philosophie und bedeutet: „lass keine Spur hinter dir“.
Menschliches Leben kann nur auf einem zweigleisigen Weg zur Persönlichkeit reifen: es muss im Streben gestalten und durch Achtung bewahren. Wächst es nur auf einem dieser Wege, schadet es sich selbst. Im budō wird diese Philosophie durch das Leitprinzip mosshōseki (lass keine Spur hinter dir) verdeutlicht.

Inhaltsverzeichnis

Erklärung

So wie „ein Vogel keine Spur am Himmel und ein Fisch keine Spur im Wasser hinterlässt“, soll nach der Lehre des budō ein Mensch leben, der wahres Bewusstsein verwirklicht hat. Gemeint ist damit ein Leben, in dem ein natürliches Gleichgewicht zwischen aktivem Wirken (Selbstwerdung) und passivem Dulden (Abhängigkeit) besteht.
Menschliches Leben ist sich selbst erkennendes Leben und strebt daher nach Selbstverwirklichung durch Wirken. Es nimmt die Welt nicht als Gegebenheit an, sondern gestaltet sie nach eigenen Vorstellungen. Das Tier hingegen denkt nicht in Vergangenheit und Zukunft und weiß nicht um Ursache und Wirkung. Deshalb ist es dem Dulden preisgegeben und kann sich aus seiner natürlichen Unterworfenheit nicht befreien.
Doch auch bewusstes Leben unterliegt letztendlich dem Dulden und hängt vom natürlichen Rhythmus des Werdens und Vergehens ab. Selbstverwirklichung im Streben und Unterworfenheit im Sein durch alltägliche Bewusstwerdung im Sinn zu tragen und sie als Lebensmaxime in sich selbst zu verwirklichen, ist die Grundlage aller Philosophien, Dialektiken und Religionen, die das Heil des Menschen im Auge haben. Denn gleich wie der Mensch sein Leben gestaltet, er kann sich weder aus seinem natürlichen Ursprung herauslösen noch auf sein erkennendes Gestaltungspotential verzichten, ohne in seinem Selbstverständnis erheblichen Schaden zu nehmen: je mehr er gestaltet, desto mehr zewrstört er; je mehr er verzichtet, desto mehr verhindert er sich selbst.
Welchen Mächten soll also der Mensch dienen, damit er in seiner Persönlichkeitsentwicklung zwischen Himmel und Erde er selbst sein darf? Alle weltlichen Dialektiken, Philosophien und Religionen liefern seit Jahrtausenden dafür immer wieder dieselbe Antwort und fordern stets aufs Neue den Ausgleich zwischen Geben und Nehmen, zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Anspruch und Pflicht - letztendlich zwischen Glauben und Intellekt. Durch die gesamte Menschwerdung kann diese Philosophie als zentrale Methode zur Evolution und Kultivierung des Menschen betrachtet werden.
Mosshōseki meint eine Lebensführung, in der der Mensch das Gleichgewicht seiner beiden Bestimmungspole durch eine Übung im eigenen Selbst verwirklicht. „Keine Spur hinter sich lassen“ bedeutet, zusammenhängend zu erkennen und angemessen zu handeln. Unüberwundene Tendenzen des Ego zur Überschwänglichkeit und Extravaganz, unangemessene Ansprüche und achtungslose Haltungen gegenüber dem Leben verwehren ihm nicht nur den Blick in die Wirklichkeit, sondern gefährden im übergeordneten Zusammenhang alles Leben auf der Welt. Der Mensch, der seine Selbstsucht nicht diszipliniert, nimmt sich aus dem natürlichen Gleichgewicht, was ihm nicht zusteht, und verwendet seinen Geist als Waffe, wodurch er anderes Leben schädigt. Statt sich selbst zu verwirklichen, erhebt er sich in unkontrollierter Selbstsucht in den Mittelpunkt seiner persönlichen Welt, in der er die Tragweite seiner Handlungen nicht erkennt oder nicht erkennen will. Abhängig von seinen persönlichen Wünschen und Vorstellungen nimmt er sich, was anderen gehört, oder tut, was andere gefährdet. Er „lässt eine Spur hinter sich“ (goseki) und schädigt durch den Mangel an Achtung die Grundvoraussetzungen des Lebens.
Seit jeher suchen die Menschen Antworten auf die Fragen des Seins. Sie fanden sie nie in der haltlosen Freiheit des Ich, sondern stets in dessen Disziplinierung auf einem Weg (). Dieser Wege gibt es viele in allen Kulturen der Welt. Immer waren es jene, die auf einem dieser Wege fortschritten, die den Menschen geistige Evolution und Frieden brachten.

Studien Informationen

Siehe auch: Kaisetsu |

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studien 2010.

Weblinks