Prinzipien der Karate-Kata

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Artikel aus: Lexikon der Kampfkünste<br.>Nachbearbeitet von: Werner Lind

Die untenstehenden Prinzipien (aufgeschrieben von Funakoshi Gichin als 19. Regel in seinen shōtō nijūkun) sind zum Verständnis der kata von wesentlicher Bedeutung. Sie beziehen sich auf die geistig-körperlichen Aspekte der kata, wie Umgang mit der Energie (ki - chin. ), Zusammenspiel zwischen Spannung und Entspannung (shinshuku), Aktiv und Passiv (yin und yang ), Gebrauch der Atmung (kokyū) usw. Sie wurden nie in ihren Einzelheiten erläutert, sondern galten stets als Geheimlehren (okuden), die nur in persönlichen Lehrer/Schüler Beziehungen (shitei) übermittelt wurden.

Verschiedene Meister des karate haben immer wieder versucht, die Übung der kata differenzierter zu erklären, aber ebenso wie in der dōjōkun gibt es eigentlich nur die drei unten genannten klassische Regeln. Sie reichen aus, um den karateka dazu anzuleiten, den Sinn in seiner Übung zu suchen.

Chikara no kyōjaku

die Kraft ist hart und weich

Die Kraft wird weder in den Techniken der kata noch im kumite mit immer gleichem Wirkungsgrad eingesetzt. Krafteinsatz ist zweckgebunden. Eine übermäßige Kraft in einer Abwehr reduziert z.B. die Kraft des nachfolgenden Konters und ist daher unangebracht. Über das Ziel hinausschießen, ist kein Treffen. Zur Regulierung der Kraft wird u.a. das Volumen der Ausatmung verwendet. In den meisten Fällen wird in den Abwehrtechniken ca. 20% ausgeatmet, während der Rest der Atmung ohne Unterbrechung dem Konter zur Verfügung gestellt wird. Im Falle eines aus zwei Techniken kombinierten Konters ist das Atemverhältnis 20% Ausatmung bei der Abwehr, 20% Ausatmung beim ersten Konter und 60% Ausatmung beim zweiten Konter. Die Ausatmung wird ununterbrochen weitergeführt und erst am Ende des zweiten Konters gestoppt (evtl. mit kiai). In manchen Fällen (z.B. bei durchdringendem kime) fließt die Atmung auch nach dem zweiten Konter weiter.

Karada (tai) no shinshuku

der Körper ist gespannt und entspannt

In der Bereitschafts- und Deckungsposition (yōi und kamae) verbleiben Körper und Geist stets in einer völlig entspannten Haltung. Entsprechend fließt die Atmung im Ein und Aus gleichmäßig und entspannt. Nur in dieser Haltung ist eine gute Reaktion möglich. Ist der Körper gespannt, vom Willen dominiert und der Geist auf eigenes Handeln bedacht, werden Angriff und Konter vom Vorurteil geleitet, was dem Prinzip des budō widerspricht. Bleibe in der Haltung soweit entspannt, dass du das Vorhaben des Gegners im Ansatz erkennst (yōmi), und reagiere mit einer Technik, die sich von der Entspannung hin zur Spannung entwickelt.

Waza no kankyū o wasaru na

die Technik ist langsam und schnell

Die kata bildet eine in sich geschlossene Einheit. Sie besteht aus einzelnen Techniken, die man in der Grundschule lernt. Diese Techniken in grundschulmäßig genauer Ausführung und im richtigen Rhythmus miteinander zu verbinden, ist einer der wichtigsten Aspekte der Kata-Übung. In den kata unterscheidet man zwischen direkt kampforientierten Techniken und passiven Bewegungen, die meist zwischen den einzelnen Kampfkombinationen liegen. Letztere sind - übertragen in den tatsächlichen Kampf - jene Bewegungen, durch die man die eigene Deckung verändert, sich in körperliche oder psychische Bereitschaften begibt, Richtungen oder Distanzen korrigiert, die Aufmerksamkeit des Gegners lenkt. Man nennt sie „Zwischenbewegungen“.

Als Beispiel für erweiterte Erläuterungen über die Übung der kata hier die Empfehlungen von sensei Kanazawa Hirokazu, die sehr zutreffend sind:

  1. yōi no kishin (den Geist bereit machen)
  2. inyō (aktiv und passiv)
  3. chikara no kyōjaku (das Maß der Kraftanwendung)
  4. waza no kankyu (langsam und schnell)
  5. tai no shinshuku (Spannung und Entspannung)
  6. kokyū (Atmung)
  7. tyakugan (Angriffspunke)
  8. kiai (Kampfschrei)
  9. keitai no hoji (Stellung und Bewegung auf dem enbusen)
  10. zanshin (Wachheit des Geistes, Geistesgegenwart)

Die Rolle des Lehrers in der Übermittlung der Kata

Es gibt nur einen authentischen Übungsweg der kata des karate. Derjenige, der über die Jahrhunderte überliefert wurde und den Übenden dazu anhält, sich selbst in der Übung zu entdecken, sich zu verbessern und letztlich ganzheitlich zu vervollkommnen. Diese Methode der kata ist nach wie vor die eigentliche Herausforderung an seine Fähigkeiten und die einzige Möglichkeit, budō als Arbeit am Selbst und Weg zu Selbsterkenntnis und Selbstverständnis zu betreiben.

Für jeden, der karate in seiner Tiefe verstehen will, bleibt die kata ein zentrales Medium. Schüler, die mit karate einen Weg (Dō (Weg)|dō) gehen wollen, müssen dabei ihrem sensei vertrauen. Wenn sie einen Lehrer haben, der sie auf die rechte Weise anleiten kann, werden sie mit der Zeit verstehen, dass es gute Gründe dafür gibt, die kata genau so zu üben, wie sie ist - sie zu verändern, bedeutet das Rad neu zu erfinden.

In der Tradition des karate ist ein erster dan lediglich ein Schüler. Erst mit dem Erreichen des 5. dan darf er eigenständig unterrichten. Heute gründen viele Schüler, die den ersten oder zweiten dan erhalten haben, ihre eigene Schule oder unterrichten in einem Verein. Sie sind „unfertige Lehrer“. Sie haben die Kampfkunst und vor allem die Bedeutung der kata nicht wirklich verstanden und gründen aus Mangel an Wissen ihr eigenes System. Darin erklären sie die kata auf der Grundlage ihrer unreifen Meinung und versuchen, die Tiefe des traditionellen Studiums der kata zu umgehen und durch Äußerlichkeiten zu gelten. Dieser Umstand hat viele Gründe, vor allem aber ist dabei der durch die modernen Föderationsstrukturen freigegebene Lehrerstatus zu nennen, in dem ein Lehrer sich selbst ernennen und ohne die Erlaubnis seines eigenen Lehrers unterrichten darf.

Dadurch wurde ein zweiter unorthodoxer Weg des Lehrertums ins Leben gerufen, der nicht mehr vom persönlichen Meister, sondern von Funktionären bestätigt wird. Dieser Weg ist insoweit problematisch, als dass jemand mit vielen Zertifikaten oder Wettkampferfolgen noch lange kein guter Lehrer sein muss. Ein guter Lehrer ist jener, der seine Schüler auf den Weg () bringen und ihnen die Inhalte der kata erläutern kann.

Die oberflächliche Betrachtungsweise der kata führt dazu, dass Lehrer oft daran gemessen werden, wieviele Abläufe von kata sie kennen. Doch dies ist in einer Budō-Lehre ganz und gar unwichtig. Einzig wichtig ist, wie tief ein Lehrer mit dem Studium seiner kata gegangen ist und ob er darin die Hintergründe (ura) unterrichten kann. Die Abläufe kann jeder schnell lernen, aber das Verständnis der Hintergründe dauert viele Jahre. In der Regel hat ein echter sensei in seinem Leben drei bis fünf kata inhaltlich gemeistert, kann aber den Ablauf vieler weiterer kata unterrichten.


Studien Informationen

Siehe auch: Karate | Kata | Geschichte der Karate-Kata | Kata bunkai | Studium der Karate-Kata | Bedeutung der Karate-Kata | Methoden der Karate-Kata | Philosophie der Karate-Kata | Kata-Liste (Karate) |

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste, BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Budo - der geistige Weg der Kampfkünste, Scherz 1991.
  • Werner Lind: Okinawa Karate, Sportverlag Berlin 1998.
  • Werner Lind: Karate Grundlagen, BSK 2005.
  • Werner Lind: Karate Kihon, BSK 2007.
  • Werner Lind: Karate Kumite, BSK 2010.
  • Werner Lind: Karate Kata, BSK 2011.
  • Shoshin Nagamine: The Essence of Okinawan Karate, Tuttle 1976.
  • Richard Kim: The Weaponless Warriors, Ohara 1974.
  • Morio Higaonna: Okinawa Goju ryū, Minamoto Research, 1985.
  • Mark Bishop: Okinawan Karate, A & B Black 1989.
  • Pierre Portocarrero: Tode les origines du Karate do, Sedirep.
  • George W. Alexander: Okinawa Island of Karate, Yamazato 1991.
  • Kenji Tokitsu: Histoire du Karate do, SEM 1979.
  • Hokama Tetsuhiro: Timeline of Karate history, 2007.

Weblinks