Tegumi

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Artikel von: Werner Lind
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Tegumi (jap.: 手組) bedeutet wörtlich „sich bewegende Hände“ und ist noch heute ein ringähnlicher Volkssport auf Okinawa. Historisch gesehen ist tegumi eine Ableitung aus den antiken asiatischen Ringformen (shuǎi, sumō) und wurde wahrscheinlich von Minamoto Tametomo, dem 8. Sohn von Minamoto Yoritomo (1146 - 1199) von Japan nach Okinawa gebracht. Die Schriftzeichen sind die gleichen, die heute benutzt werden, um die kanji für kumite zu schreiben.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Die ersten okinawanischen Kontakte mit dem Festland fanden bereits während der chinesischen Sui-Dynastie (581 - 618) statt. Der chinesische Kaiser, Yang Jian (541 - 604), wollte die Geheimnisse des „ewigen Lebens“ (chángshēng bùsǐ) ergründen, und entsandte im Jahre 605 eine Expedition auf die Suche nach der „Insel der glücklichen Unsterblichen“ (pénglái), die der Sage nach im ostchinesischen Meer liegen sollte. Auf ihren Seefahrten entdeckten die Chinesen die Insel Okinawa und etablierten erste Zeugnisse der chinesischen Kultur.
Doch auch Japan meldete Ansprüche auf die Ryūkyū-Inseln an. Infolge der machtpolitischen Auseinandersetzungen im japanischen heian jidai (794 - 1192) wurden diese Ansprüche intensiviert. Zwischen 698 und 743 wurde Okinawa von japanischen Expeditionen besucht und schließlich zu Tributzahlungen verpflichtet.
Zwischen Japan und China bestanden jedoch für beide Seiten wichtige Handelsabkommen, die von keiner Seite aufs Spiel gesetzt werden konnte. China, das keinen Krieg mit Japan riskieren wollte, zog sich daraufhin politisch zurück. Doch im Zuge des Handels fuhren häufig Schiffe zwischen Japan und China hin und her. Manche verloren die Orientierung und landeten auf Okinawa. Auf den gestrandeten chinesischen und japanischen Schiffen befanden sich oft Gesandtschaften aus Kriegern, kampferprobten Wanderpriestern, Beamten und Gelehrten die einen erheblichen Einfluss auf die primitive Kultur der Insel nehmen sollten.

Entstehung des Tegumi (1165 - 1350)

Minamoto no Tametomo, der sich zum entscheidenden Angriff auf die Taira wappnete, hielt sich ab 1165 mit seinen Truppen auf Okinawa auf, um seine Soldaten auszubilden und seine Armee auf den bevorstehenden Genpei-Krieg vorzubereiten. Er heiratete ein okinawanisches Mädchen, und sie bekamen einen Sohn, den sie Shunten (1186 - 1237) nannten. Dieser sollte mit der Unterstützung der Minamoto der erste einer fähigen Herrscherlinie (tensonshi) über die Ryūkyū werden.
Durch Tametomos militärische Aktivitäten auf Okinawa übertrugen sich auch viele japanische Kriegsmethoden auf die einheimischen Aristokraten (anji). Auf Shuntens Weg zur Macht gab es so manchen Rivalen gegen den er sich in kriegerischen Auseinandersetzungen behaupten musste. Zur Verteidigung errichtete er nach dem Vorbild entsprechender japanischer Kriegsführung (chikujōjutsu) mehrere befestigte Burgen, sein Nachfolger (Shun Bujanki, 1238 - 1248) errichtete das Schloss von Shuri. Die tensonshi unterhielten Armeen nach japanischem Vorbild, die japanische Kampftechniken und Kriegsstrategien verwendeten.

Anfänge des Tegumi - ein Stil des Ringens

Man vermutet, dass im Zuge dieser Entwicklung das okinawanische tegumi entstand. Im japanischen Militär wurden zu jener Zeit kriegerische Nahkampftechniken unter dem Begriff chikara kurabe (später sumai / 'sumō') geübt, die sich in Japan zum kumi uchi, yawara und jūjutsu entwickelten. Es ist anzunehmen, dass dieselben Techniken auch die Grundlage des okinawanische tegumi waren.
Okinawanische Mythen berichten über Begebenheiten, laut denen zwei Kämpfer in einen räumigen Bambuskorb stiegen und mit allen Mitteln bis zum Tod kämpften. Diese Berichte bezeugen, dass tegumi in seiner Anfangszeit durchaus aus Kriegstechniken bestand. Offensichtlich entwickelte sich das System über die Jahrhunderte in unterschiedlichen Interpretationen. Unter anderen Vorzeichen als in Japan nahm das tegumi Einfluss auf die spätere Entwicklung der okinawanischen Systeme.
In seiner Urform enthielt das tegumi Techniken des Ringens, Schlagens und Immobilisierens. Diese technische Bandbreite beeinflusste die Entstehung des späteren te. Doch irgendwann in der okinawanischen Geschichte haben sich die Ringtechniken verselbstständigt. Heute gebraucht man auf Okinawa den Begriff tegumi für einen dem Ringen ähnlichen Volkssport, in dem Techniken des Schlagens verboten sind.

Entwicklung des Tegumi zum Te (ab ca. 1350)

Zu Anfang des 14. Jahrhunderts bestand Okinawa noch aus vielen kleinen Fürstentümern, die in Rivalität zueinander um Einfluss und Macht rangen. Auf der Insel befanden sich sowohl Chinesen als auch Japaner, die jeweils versuchten, ihren Einfluss auf die zukünftige Gestaltung der Ryūkyū geltend zu machen. Sie brachten beide religiöse, kulturelle und kriegerische Elemente mit ein.

Drei okinawanische Staaten (ab 1350)

Ab 1350 begannen die okinawanischen Stammesfürsten (anji) ihre kleinen Herrschaftsbereiche effektiver zu organisieren. Durch Zusammenschlüsse entstand zunächst das „Zeitalter der drei Gebirge“ (sanzan jidai), in dem drei größere Gebiete die Landschaft Okinawas kennzeichneten: Chūzan (中山, Gebirge in der Mitte), Nanzan ((南山, Gebirge im Süden) und Hokuzan (北山, Gebirge im Norden).
Die Herrscher dieser Fürstentümer (Sato von Chūzan, Ugusato von Nanzan und Hanaji von Hokuzan) warben getrennt voneinander um die Gunst der Chinesen, um mit ihrer Unterstützung den gegenseitigen Konkurrenzkampf zu gewinnen.

Gründung des Ryūkyū-Königreiches (1372)

Im Jahre 1372 erhielt Sato von Chūzan (1350 - 1395) die Unterstützung der Chinesen und vom Ming-Kaiser die Königswürde und Regierungserlaubnis über das gesamte Inselreich der Ryūkyū. Die Insel, die bereits seit mehreren Jahrhunderten an China Tribut zahlte, erfuhr durch Satos Vereinbarungen vorteilhafte Beziehungen und Handelsprivilegien zum chinesischen Reich. Durch ein weiteres Abkommen, laut dem in einem zweijährigen Rhythmus chinesische Delegationen nach Chūzan reisen und Tributzahlungen überführen sollten, wurde der Kontakt zu China weiter ausgebaut. Im Jahre 1392 entstand in der Umgebung von Naha die chinesische Siedlung Kumemura, in der die chinesischen Delegationen gastierten. Die erste chinesische Delegation (36 Familien) sollte in der zukünftigen Geschichte Okinawas eine zentrale Rolle spielen.
Doch die Situation Okinawas blieb nach wie vor über mehrere Jahrzehnte unverändert. In Chūzan folgte auf Sato 1404 Bunei (1396 - 1405) und 1421 Shishō (1406 - 1421). Erst durch seinen Sohn Hashi (1422 - 1439) sollte das Königreich Ryūkyū entstehen.

Entstehung der ersten Shō-Dynastie (1429 - 1468)

Die nach wie vor uneinigen okinawanischen Fürstentümer vereinigten sich erst im Jahre 1429 nach mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen unter dem Chūzan-Fürsten Hashi zum Königreich Ryūkyū. Hashi unterwarf 1416 Hokuzan und 1429 Nanzan.
Um das Ryūkyū-Königreich zu stabilisieren ernannte Shō Hashi zunächst seine engsten Familienmitglieder zu Fürsten (anji) und verbot dem okinawanischen Volk den Besitz von Waffen. Dieses erste Waffendekret[1] führte in Folge zur Entwicklung des okinawanischen kobujutsu.
König Shō Hashi etablierte Shuri als Hauptstadt und lernte von den in Kumemura ansässigen Chinesen Regierungspraktiken und Staatsangelegenheiten. Zusätzlich nahm er Kontakte zu den Philippinen, Malayen, Indonesiern, Thailändern und Arabern auf. Neben Shuri entwickelte sich auch Naha und die Hafenstadt Tomari zu bedeutenden Verkehrszentren im Pazifik.
Durch die vielfältigen Einflüsse wurde die kleine Insel Okinawa zum Schmelztigel mehrerer asiatischen Kulturen. Sie beeinflusste die gesamte okinawanische Kultur und veränderte schließlich das tegumi zum te.

[1] Waffendekret - das erste Waffendekret erfolgte unter König Shō Hashi (1429), ein zweites wurde 1477 von König Shō Shin erlassen. Ein drittes Waffenverbot wurde 1609 nach der Eroberung Okinawas durch die Satsuma verhängt. Die Waffenverbote förderten die Entwicklung des okinawanischen kobujutsu.

Studien Informationen

Siehe auch: Okinawanische Kampfsysteme | Te | Okinawate | Tōde | Karate

Literatur

  • Werner Lind: Okinawa Karate, Sport Verlag Berlin 1997.
  • Werner Lind: Karate Kumite. BSK-Verlag 2040.
  • Shoshin Nagamine: The Essence of Okinawan Karate, Tuttle 1976.
  • Richard Kim: The Weaponless Warriors, Ohara 1974.
  • Morio Higaonna: Okinawa Goju ryū, Minamoto Research, 1985.
  • Mark Bishop: Okinawan Karate, A&B Black 1989.
  • Pierre Portocarrero: Tode les origines du Karate do, Sedirep.
  • George W. Alexander: Okinawa Island of Karate, Yamazato 1991.
  • Kenji Tokitsu: Histoire du Karate do, SEM 1979.
  • Pat McCarthy: Bubishi, Tuttle 1995.
  • Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste, Sportverlag.

Video

  • Toshihiro Oshiro - Uchinadi (2.vol.) Tsunami 1998,

Weblinks