Selbstverteidigung

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Artikel von: Werner Lind
Nachbearbeitet von:

Die Fähigkeit zur Selbstverteidigung kann das Resultat einer Kampfkunstübung sein, ist jedoch auf keinen Fall ein automatisch stattfindender Prozess. Grundbedingung dafür ist, dass das Training nach einem klassischen Selbstverteidigungskonzept aufgebaut ist.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines zur Selbstverteidigung

Selbstverteidigung geht darüber hinaus, einen Agressor mit physischen Mitteln abzuwehren. In der heutigen Zeit sind ..


Aber auch ein klassisches Konzept führt zur Selbstverteidigungsfähigkeit nur unter bestimmten Bedingungen, die ein Übender erfüllen muss, wenn er diese Seite der Kampfkunst anstrebt. Denn die Selbstverteidigung alleine ist nicht das Wesen der Kampfkünste, sondern die Werte der Kampfkunstübung erstrecken sich über viele Bereiche. Daher suchen nicht alle Kampfkunstübenden die Selbstverteidigung, weil ihnen die Übungsverfahren und Aufwände dazu zu schwierig und kompliziert sind.
Doch wenn die Absicht eines Übenden die Fähigkeit zur Selbstverteidigung ist, muss er einige zusätzliche Aspekte in Betracht ziehen, die für eine ansonsten gute Kampfkunstqualität nicht dringend notwendig sind. Ich möchte auf einige dieser Aspekte ausführlicher eingehen.

Geist und Intellekt

Jede Technik wird vom Geist bestimmt

Der Geist ist wichtiger als die Technik

Man wird nie von einem Körper angegriffen, sondern von dessen obersten Kontrollinstanz - von seinem Geist. Mit genau derselben Instanz begegnet man aber auch einem Angriff. Daher darf man die vielen Geist-Übungen des Kampfkunsttrainings nicht unterschätzen und nicht versäumen, sich intensiv mit ihrem Sinn auseinanderzusetzen. Wenn man einen Angreifer mit reiner Technik abwehren will, hat man den Kampf schon im Vorhinein verloren, gleich wieviele Wettkämpfe man gewonnen hat.
Oft kann man beobachten, dass exzellente Techniker in den Kampfkünsten jeden Trainingskampf gewinnen, aber in der Realität selbstverteidigungsunfähig sind. Eine echte Konfrontation mit einem Agressor ist kein sportliches Kräftemessen unter Dōjō-Bedingungen, sondern enthält das Element der Gefahr.
Das Empfinden von Gefahr ist eine lebenserhaltende Maßnahme und bei Mensch und Tier gleich angelegt. Jedes Lebewesen reagiert darauf mit Angst und hat im Grunde genommen zwei Möglichkeiten, der Gefahr zu begegnen: Flucht oder Kampf. In der Natur überwiegt das Fluchtverhalten, denn Tiere greifen nur dann an, wenn die Fluchtwege versperrt sind. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen funktionieren die Mechanismen des Gehirns, welche beide Formen der Selbsterhaltung beim Tier steuern, eng und harmonisch zusammen, d.h. die beste Methode wird spontan und intuitiv gewählt.
Der Mensch aber ist in seiner Verhaltensweise von den vielen Facetten seiner Bewusstwerdung getrübt und verkompliziert die Entscheidung zu seiner Selbsterhaltung. Auch bei ihm überwiegt naturgemäß die Tendenz zur Flucht, aber eine solche Entscheidung steht seinem Ich-Empfinden oft im Weg. Aus diesem Grund kann Kampf und Kampf für ihn zwei verschiedene Maßstäbe haben: in der Situation, in der das Element Gefahr wegfällt (Dōjō-Kämpfe, Wettkämpfe usw.), kann er seine erlernten Fähigkeiten ohne Blockaden abrufen und überlegen sein. In der Gefahr reagiert er atypisch zu allem Erlernten und ist in seinen Reaktionen blockiert.
Es gibt keine andere Möglichkeit, dieses Dilemma auszuräumen als die verschiedenen Methoden des Psychotrainings aus den klassischen Kampfkünsten. Ich werde darauf noch eingehen. Doch vorab wichtig zu wissen ist, dass der Mensch in der Selbstverteidigungssituation nicht über seine Technik nachdenken, sondern ein klare Entscheidung zu seiner Verhaltensweise treffen muss: Flucht oder Kampf. Beides muss mit äußerster Konsequenz entschieden sein, jede halbe Entscheidung führt zur Niederlage. Die klassische Kampfkunstphilosophie des ikken hissatsu ist darauf aufgebaut.
Hat der Mensch in der Selbstverteidigungssituation sich nicht für die Flucht, sondern für den Kampf entschieden, braucht er zweifellos Mut. Das häufig zu beobachtende Versteckspielen des Ego, das aus Prestigeverlust die Flucht ablehnt, aber aus Mangel an Selbstvertrauen auch den Mut nicht findet, funktioniert nur bei halbherzigen Agressoren. Bei einem entschlossenen Gegner führt dies zur Niederlage. Hier wird der Mensch zum Opfer seines Ich-Empfindens.
Mut ist ein Gefühl und kann gelenkt werden. Menschen sind von Natur aus verschieden damit ausgestattet, doch in einer darauf angelegten Kampfkunstübung ist das Potenzial zum Mut veränderbar. Nicht aber durch Sportttraining, sondern durch das Ausüben einer Kampfkunst. Auch die Perfektion der Technik (nicht Taktik und Virtuosität, sondern Qualität), steigert den Mut durch das Erlangen von Selbstvertrauen. Auch der Schläger übt sich darin, indem er seine Art von Kämpfen bestreitet.

Die richtige Haltung

Die Grundvoraussetzung dafür ist das Verwirklichen der Etikette (im budō: saho) und das Studium der kontemplativen Philosophie des Karate (dōjōkun). Es gibt viele Haltungen, die das Verständnis des budō verhindern: manche sind zu laut (sie drängen sich vor), manche sind zu leise (sie halten sich aus allem raus), andere haben ewige Sonderwünsche und wieder andere wollen immer alles besser wissen...
Wenn man mit einer Gruppe in ein Trainingslager fährt, kann man den wahren Fortschritt der Teilnehmer sehr genau feststellen: Wer ist für den anderen wertvoll und wer nur für sich selbst? Wer integriert und wer spaltet? Wer stört und wer verbindet? Wer überschätzt und wer unterschätzt sich? Wer verantwortet und wer will nur recht haben? - man kann dies unendlich fortsetzen. Ein wirklicher sensei wird seinen Schüler nicht nur nach der Technik, sondern vor allem nach seiner Haltung beurteilen.

Intuition und Logik

Der „komplette“ Mensch verwirklicht beides im Gleichgewicht. Bekennt er sich durch seine Haltung mehr zu der einen oder zu der anderen Haltung, erscheint er seinem Gegenüber als unglaubwürdig. Dasselbe gilt auch in der Selbstverteidigung - wenn das Gleichgewicht der Persönlichkeit fehlt, vermitteln wir unbewusst falsche Signale, die von einem Angreifer als Schwäche verstanden werden. Er wird uns angreifen, denn er empfindet unsere Haltung und unsere gesamte Darstellungsweise als unglaubwürdig. Als reiner Techniker im dōjō kann man kaum einem gegnerischen Angriff eines Agressors entgehen - es ist immer die zum Ausdruck gebrachte Persönlichkeit, die einen Angreifer von Agressionen abhält.

Erweiterung der Persönlichkeit und des Bewusstseins

Alle Menschen sind geprägt durch Glauben, Geschichte und philosophische Überzeugungen. Diese Standards bestimmen auch heute unser Sein, unser Denken und Verhalten.
Die westliche Welt hat sich spätestens sei Newton und seiner prägenden Behauptung „ich denke also bin ich“ in eine Richtung des überdominanten Wissenschaftsdenkens entwickelt und bestimmt maßgeblich die Mentalität aller westlichen Kulturen. Die ostasiatische Welt hingegen ist im Zeichen gesamtzusammenhängender Betrachtungen des Lebens gewachsen und lehnt die rein intellektuelle Betrachtung des Seins ab. Jemand, der „nur weiß“ gilt in dieser Mentalität nicht als Meister, sondern nur jemand, der „in sich verwirklicht hat, was er weiß“. In der ostasiatischgen Mentalität wurden Meister der bloßen Erkenntnisse nie akzeptiert - ein Meister war immer nur jener, der in seiner Lebenshaltung zeigte, das er dass, was er unterrichtet auch verwirklicht hat.

Ein häufiges Orientierungsproblem

Der Tiger streitet sich nicht mit dem Elephanten darüber, wer die bessere Kampfkunst ausübt und er standardisiert auch nicht seine Techniken, um sie seinem Nachwuchs beizubringen. Das machen nur die Menschen, weil sie den Anspruch haben, vorab alles verstehen zu wollen, was im nachhinein dabei herauskommt. Ein asiatischer Lehrer sagte einmal: „Wenn ich meinen asiatischen Schülern sage, „tu das“, dann tun sie es, wenn ich meinen europäischen Schülern sage, „tu das“, fragen sie „warum“.“

Konzentration und Aufmerksamkeit

In der richtigen Konzentration und mit der richtigen Aufmerksamkeit kann man erkennen, „was weniger Geübte nicht erkennen“. Oft werde ich gefragt „Was ist denn nun der Unterschied zwischen einem Fortgeschrittenen und einem Anfänger?“ Meist ist dies gar nicht die Technik, sondern der Selbstumgang, in dem der Fortgeschrittene intuitiv versteht, wie er in einer Angelegenheit Teil des Ganzen sein kann, sich entsprechend hineingibt und ebenso herausnimmt, und in den Einzelsituationen mehr sieht, besser entscheidet und weniger fehlt. Wird dieses Thema mit Argumenten behandelt, geht es immer um „richtig“ und „falsch“ und intellektuelle Anfänger wissen ihr Verhalten stets zu begründen. Doch in einer ernsten Selbstverteidigungsituation würden sie mit all ihren Begründungen wahrscheinlich sterben. Es ist sehr schwer, einem Anfänger klar zu machen, dass die Art seines konventionellen Verhaltens in ihm Schwäche erzeugt und dass er seine Haltung betrachten muss, um als Persönlichkeit zu wachsen.

Das richtige Training

Wenn ein echter Lehrer das Training leitet, unterrichtet er nicht nur die Technik, sondern immer auch die rechte Haltung gegenüber dem Leben, denn nur diese Methode führt zum Fortschritt. Dies geschieht im Training und außerhalb des Trainings. Selbstverständlich bleibt die Genauigkeit der Technik ein oberstes Gebot. Aber sobald ein Schüler seine generelle Aufmerksamkeit, Konzentration und sein Verhalten zugunsten der reinen Technik aufgibt, verliert er den Kontakt zur Realität. In dieser Haltung ist weder Selbstverteidigung noch persönliches Wachsen möglich.

Mut als Übung

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Formen des Muttrainings

Die ausschließliche Bekenntnis zum Intellekt erlaubt keinen Mut. Die gesamte Psychologie der Kampfkünste strebt nach einem Ausgleich zwischen intellektuellem und intuitiven Empfinden, um dadurch den Zugang zum Mut zu öffnen und auf denselben einen Einfluß durch verschiedene Methoden des Trainings zu haben.
Diese Methoden sind in den klassischen Übungsverfahren festgeschrieben, werden aber allzuoft als esoterische Subkultur abgetan. Der intelligente Vernunftsmensch versucht es lieber auf seine Weise. Doch nachdem er sich sämtliche rechtliche Konsequenzen, die eine mutige Handlung haben könnte, ausgerechnet hat, entscheidet er sich immer zur Flucht oder zum Dulden. Nicht nur in der Selbstverteidigung, sondern auch im Alltag ist der ausschließlich Intellektuelle immer auf der Flucht vor seinem Mut und kann deshalb keine eigenständige Persönlichkeit entwickeln.
In den modernen Gesellschaften bezeichnet man dies als „vernünftiges Handeln“. Aber der auf diese Weise "Vernünftige" ist immer lau, schmal und kleinkarriert - über die Selbstverteidigung sollte er nicht nachdenken, gleich wieviel Technik er übt. Solche Menschen sind gut funktionierende Zahnräder der Gesellschaft, doch außer Wortgefechten fechten sie nie etwas aus.
Die Kampfkünste erziehen nicht den von den Regeln zum Dulden aufgeforderten und durch gefühlsmäßige Inkompetenz brav gewordene Bürger, sondern die Persönlichkeit. Sie mahnen zur Eigenverantwortung und Integration durch die Reife. Nicht die Regel steuert diesen Menschen, sondern sein gesamtmenschliches Rechtsempfinden. Auf keine andere Weise ist Persönlichkeit verwirklichbar.

Intelligentes Denken zerstört den Mut

Der sich durch ein Training der Selbstbetrachtung im Lot befindende Mensch ist in der Lage, all seine inneren Kompetenzen auf eine natürliche Weise abzurufen. Ohne spezielle Muttraininge kann er (vorausgesetzt er hält seinen Gleichgewichtszustand) an seinen von der Natur gegebenen Mut appellieren, im gleichen Maß, wie er auch seine natürliche Angst empfindet. Doch der immer mehr zu „vernünftigen“ Verhaltenschablonen gedrängte Mensch verliert auch seine Beziehung zu seinen inneren Gefühlen, also auch zum Mut. Er wird vom Puls des Lebens isolliert und erlebt alles durch die vernünftigen Betrachtungen des Intellekts.<br.Die in den Kampfkünsten geforderte Unabhängigkeit von Normen und Formen beanstandet diesen Fakt. Die Freiheit des Erlebens schafft den Zugang zu einer natürlichen Form des Mutes. Dieses Kapitel der Kampfkunstübung wird aber wenig verstanden.
Ohne spezifische Übungen steht der Mut zum kultivierten Intellektvermögen eines Menschen umgekehrt proportional (Kernspecht). Kann man sagen „Je blöder, umso mutiger?“ Ja, und ein einziger Blick in die Sozialstrukturen unserer Gesellschaft reicht aus, um das zu bestätigen. Allerdings kann man nicht sagen, welcher der beiden Typen dem „ganzen Menschen“ näherkommt. Erst durch richtiges Üben der Kampfkünste kann man dies erreichen. Mut, aufgebaut auf Gefahrenblindheit, ist vom reifen Menschen ebensoweit entfernt, wie die intellektuelle Versklavung der Persönlichkeit.

Mut durch Meditation

Die Philosophie der asiatischen Kampfkünste beruht auf den drei Eckpfeilern des asiatischen Denkens: Konfuzianismus, Daoismus und Zen. Aus dem Konfuzianismus stammten die Etikette und die sozialen Beziehungsverhältnisse, aus dem Daoismus kommt die Lehre von der Nachgiebigkeit und Harmonie der Gegensätze, und aus dem Zen stammen alle geistigen Strukturen für das Kämpfen. Speziell für die Selbstverteidigung ist die Zen-Lehre von größter Bedeutung, denn durch sie schafft der Übende die nötigen Voraussetzungen für Geistesgegenwart (zanshin) und Kampfgeist (kihaku).
Jeder kann an sich selbst erfahren, dass er nicht jeden Tag gleich gut drauf ist, obwohl er die alltäglichen Routineangelegenheiten vielleicht mit gleicher Wirksamkeit erledigt. Doch die Fähigkeit zur Selbstverteidigung kommt aus einer ganz bestimmten antrainierten psychischen Haltung. Diese erreicht man nur durch eine Übung des „mit sich einig Seins“, von der ausgehend die psychologischen Fähigkeiten der Selbstverteidigung entstehen. Vergißt man sie, ist man sofort schwach, angreifbar und kann leicht besiegt werden.

Mut durch Autosuggestion

In den Kampfkünsten gibt es unzählige Übungen der Autosuggestion. Eine der Wirkungsvollsten ist es, daß man sich Selbstverteidigungssituationen vorstellt und darin verschiedene Aufgaben mental löst. Kreativität und Vorstellungskraft sind hier sehr gefragt. Man schreibt sich im Geist sein eigenes Drehbuch und versetzt sich in diese Scheinwelt. Dadurch kann der Geist auf Gefahrensituationen vorbereitet werden und lernt durch Training, sich in realen Situationen richtig zu verhalten. Ein untrainierter Geist wird in Streßsituationen immer versagen.

Entscheidung zur Handlung

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Jeder Kampf wird vorher im Geist entschieden

Die Verhaltensmethoden vor dem Eintritt der Selbstverteidigung sind verschieden und hängen von vielen Kleinigkeiten ab. Doch es gibt, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, vorher immer eine Konfrontation zwischen dem Willen der beiden Kontrahenten. Bevor dieser psychologische Kampf sich nicht deutlich zu Gunsten des einen neigt, gibt es kaum eine Tätlichkeit. Nachdem der Willensstärkere dominiert, greift er an. Der Willensschwächere wird kaum Gegenwehr leisten.

Was passiert vor einem Kampf?

Schlägereien beginnen mit Einschüchterungsversuchen und Überlegenheitssignalen über die Körpersprache. Dies ist ein psychologisches Wettrennen, das solange anhält, bis es einen Überlegenen gibt. Diese Taktik wird nicht nur in Straßenkämpfen, sondern auch bei Boxkämpfen und sogar in der Kriegsführung verwendet. Auch Tiere greifen darauf zurück.
Wenn einer der beiden dem anderen psychologisch überlegen ist, wächst sein Mut im gleichen Verhältnis wie die Angst seines Gegenübers. Nachdem der Aggressor durch seine eigene Propaganda das nötige Selbstvertrauen gefunden hat und merkt, dass sein Opfer eingeschüchtert ist, kommt es zu Tätlichkeiten. Diese beginnen mit Anrempeleien, und erst wenn der andere dies widerstandslos über sich ergehen lässt, ist er reif für weitere Aktionen. Das ist in der Regel der normale Verlauf von Schlägereien.
Der eigentliche Kampf hat schon lange vorher auf psychologischer Ebene stattgefunden. Wer aus solchen Situationen heil herauskommen will, muss den psychologischen Kampf gewinnen. Verliert er diesen, hilft ihm keine Technik mehr. Die Angst lähmt seine Instinkte, und seine Handlungen werden dem Willen nicht mehr gehorchen.

Wie reagiert man auf Bedrohungen?

Natürlich gibt es viele Möglichkeiten, solche Situationen zu meistern. Der Kampfkunstexperte kann sich hier vielleicht gewagtere Methoden erlauben als der Familienvater auf einem Volksfest. Aber für alle gilt das Gleiche: sobald sie die Kontrolle über die Situation verlieren, werden sie angegriffen und auch wahrscheinlich den Kürzeren ziehen. Das Umstellen der Psychologie von Niederlage auf Sieg ist nicht in der Situation, sondern nur vorher möglich. Auch in vielen Sportveranstaltungen kann man das erkennen.
Für alle Unerfahrenen, die in Selbstverteidigungssituationen geraten, sei hier gesagt: Entscheide dich so früh wie möglich für Flucht oder für Verteidigung. Je entschlossener dein Auftreten ist, umso sicherer entgehst du einer Prügelei. Bedenke, dass dein Gegner sich keinesfalls sicher ist und das Vorspiel dazu verwendet, psychologische Grenzen abzustecken. Dass er auf eine Schlägerei aus ist, steht fest, doch ob er es mit dir versuchen kann, testet er gerade. Vom Ergebnis dieses Tests hängt es ab, ob er dich angreifen wird.

Wie kann man den Kampf verhindern?

Es gibt keine Patentlösung für das persönliche Verhalten vor einem Selbstverteidigungsfall. Sicher ist nur, dass Fehler im Ausdruck und in der Körpersprache vom Gegner als Unsicherheit gedeutet werden und zum Kampf führen. Manchmal hilft auch gutes Zureden oder Einlenken, aber das ist nur bei unentschlossenen Gegnern wirksam. Vielleicht hat man auch die Möglichkeit wegzugehen, doch auch das ist nicht immer möglich. Menschen, die mit solch defensiven Methoden einen Schläger von seinem Vorhaben abbringen können, sind meist starke Persönlichkeiten, deren unbewusste Körpersprache eine Gefahr signalisiert. Sie sind auf jeden Fall selten.
Die sicherste Methode ist nach wie vor, den psychologischen Kampf eindeutig und klar für sich zu entscheiden. Damit verkehrt sich die Absicht des Angreifers in ihr Gegenteil, und wenn er nicht von allen guten Geistern verlassen ist, wird er von einem Angriff absehen. Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass man Unsicherheit oder Angst zeigt, denn man muss bedenken, dass kein Straßenschläger an einem echten Kampf, sondern höchstens an einer Prügelaktion interessiert ist.
Die notwendige innere Haltung in solchen Situationen kommt nicht von allein, sie muss pausenlos trainiert werden. Selbst dann ist es, bedingt durch unsere verweichlichte Lebensweise, nur sehr schwer möglich, sie zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Durch das bloße Trainieren einer Kampfkunst ohne echte Bekenntnis zu den vielen Komponenten der Budō-Philosophie ist natürlich keine Annäherung an die Kunst der Verteidigung möglich. Immer wieder wird gefragt, warum die Kampfkünste eine solch umfangreiche Hintergrundphilosophie haben und warum man sich zum „Kämpfen können“ in der Philosophie üben muss. Das ist ein schwierig zu verstehendes Problem, das dem modernen, verweichlichten Menschen für alle Zeiten vorenthalten bleiben wird.
Die alten Samurai lebten beständig in dem asketischen Gehäuse ihrer Kodex-Vorschriften und übten sich zu 80% in diesem Geist und nur zu 20% in der Technik. Heute bieten schlecht ausgebildete Schwarzgurte, Selbstverteidigungskurse für Frauen an und lehren sie an drei Wochendenden, wie man einen Aggressor abwehrt. Das ist natürlich Betrug, doch es passt in das Denken unserer Zeit: Hüllen ohne Inhalt.
Wir wollen heute Kriege durch eine Demokratie verhindern, die den Menschen zur Habgier und Selbstsucht auffordert und ihn gleichermaßen in seiner natürlichen Anlage zum geistigen Wachsen und Verantworten sterilisiert. Statt Bewusstseinsbildung durch Kultur zu fördern, ersetzen wir Ehre und Anstand durch ein überzogenes Regelsystem des Rechts, das dem Einzelnen persönliche Würde und Selbstachtung verweigert. Statt menschliche Tugenden anzustreben, leben wir immer mehr jene niedere Grundhaltung der Selbstsucht und Gier, die seit Menschengedenken zu Kriegen geführt hat. Nicht durch den Rechtsstaat, sondern durch die Besinnung zum Rechten können Menschen zu Menschen werden. Doch davon sind wir heute weit entfernt. Die Kampfkünste haben in dieser Lebenshaltung keinerlei Wirkung.

Zusammenfassung

Es reicht nicht, nur Technik zu trainieren. Um die Kampfkünste verstehen zu können bedarf es einer intensiven Beziehung des Übenden zu seinem Lehrer und zu seinen Mitübenden. Nur in dieser Beziehung kann er feststellen (wenn er aufmerksam genug ist), welches seine inneren Probleme sind und lernen (wenn er Mut zu sich selbst hat), diese zu beheben. Die Kampfkünste kann jeder lernen. Es gibt niemand, der am Handwerk scheitert, alle die scheitern, scheitern an ihrer inneren Unzulänglichkeit.
Die Selbstverteidigung ist kein Wettkampf, sondern bindet nahe an einen realistischen Kampf um Leben und Tod an. Ohne einen durch Aufmerksamkeit, Intuition und Mut geschulten Geist kann sie nicht erfolgreich bestritten werden. Allein die Technik hilft hier überhaupt nicht. Allein der Geist ist die Kontrollinstanz unserer Handlungen.
Doch wie kann er die Handlungen in der Selbstverteidigung lenken, wenn er nicht bereit ist, sich im Alltag selbst zu lenken und dazu keine Lehrer-Kritik annimmt?

Studien Informationen

Literatur

Weblinks