Kokyū

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Artikel von: Werner Lind
Nachbearbeitet von:

Kokyū (jap.: 呼吸) bedeutet in Japan „Atmung“, und setzt sich zusammen aus „Ausatmen“, ko und "Einatmen", kyū. Neben shisei (Haltung) und kinchō („Spannung“) ist kokyū ein wichtiges Prinzip in der Verwirklichung des Konzeptes hara.

Inhaltsverzeichnis

Über die Atmung

Die Atmung spielt in allen traditionellen Künsten Asiens eine bedeutende Rolle. Die große Wirksamkeit der Atmung entdeckten bereits die alten Chinesen und kultivierten den Umgang mit ihr in alten Qìgōng-Übungen. Man ging davon aus, dass alles Leben in der Natur auf irgendeine Weise atmet und das Leben überhaupt mit Atmung zusammenhängt. Gleichfalls bemerkte man, dass der Mensch in seinem Erwachsenwerden sich nach und nach von der natürlichen Atmung entfernt und sich unbewusst Atemmethoden angewöhnt, die seiner Gesundheit schaden.
Ein neugeborenes Kind atmet natürlich und ungezwungen. Sein Bauch hebt und senkt sich in leichtem Rhythmus. Wenn der Mensch erwachsen wird, atmet er häufig zu schnell, die Frequenzen sind zu hoch, und der Atem verflacht. Deshalb wird die verbrauchte Luft aus dem unteren Teil der Lunge nie vollständig ausgestoßen. Durch eine oberflächliche Einatmung füllt er bestenfalls ein Drittel seines Lungenvolumens mit frischer Atemluft. Dies verhindert eine volle Entfaltung der Zirkulation von ki. Der Vorgang des Gasaustausches ist nicht ausreichend, das Blut wird vom Kohlendioxyd nicht gereinigt, und die Versorgung des Gehirns und des Nervensystems mit Sauerstoff ist unzulänglich. Die Wirkungen zeigen sich sowohl im körperlichen als auch im emotionalen Bereich.
Wenn einem Menschen eine Prüfung bevorsteht oder er vergleichbar anspruchsvolle Leistungen vollbringen muss, sollte er sich auf seine Atmung konzentrieren. Wird er ein Opfer seiner Aufregung, siegt die Angst, und er wird wahrscheinlich falsch entscheiden und falsch handeln. Konzentriert er sich jedoch auf seine Atmung, wird er mehr innere Kraft und Ausgeglichenheit entwickeln. Dies ist ein einfaches Prinzip, und es zu praktizieren, ist sehr wirkungsvoll. Jeder Mensch kann sich darin üben, durch Atmung ausgeglichener, vitaler, wirkungsvoller und gesunder zu sein. Er sollte sich daran erinnern, was er als Neugeborener „wusste“, und dies erneut in sich entdecken.

Psychische Bedeutung

In den erweiterten asiatischen Philosophien ist die Übung der Atmung eng mit der Entwicklung, der Kontrolle und dem Gebrauch der vitalen Lebensenergie ki (chin.: ) verbunden. In den Kulturen der Welt passte sich die Atmung den verschiedenen Mentalitäten an und erzeugte entsprechende Variationen.

  • Überbetonte Einatmung: „Das Fehlen des rechten Verhältnisses zur Welt zeigt sich in einem Verhalten, darin der Mensch entweder die auf ihn zukommende Welt nicht zulässt und sich gegen sie abschließt oder ihr haltlos ausgeliefert erscheint. Ist das erste der Fall, dann wirkt der Mensch nicht geschlossen, sondern verschlossen, nicht lebendig konturiert, sondern in seinen Zügen verhärtet, erstarrt, unbeseelt. Er ist kontaktlos wie eine leblose Figur. Sein Verhalten ist nicht Ausdruck eines natürlichen freien Abstandes, sondern abweisender Krampf. Insgesamt wirkt er nicht mehr als eine von lebendigen Atem durchpulste Gestalt, sondern als eine in sich festgezogene unbelebte Form. Er schwingt nicht in einem lebendigen Bezug von Ich und Du. Er atmet nicht in einem lebendigen Rhythmus von Halten und Lassen, von Hingabe und Zurückhaltung, von Hereinlassen und Hergeben. Es fehlt das Vermögen zu der sich der Welt zuneigenden und sich ihr öffnenden oder mit ihr verbindenden Gebärde.
  • Überbetonte Ausatmung: Das entgegengesetzte Bild zeigt die Erscheinung, der jegliche Verhaltenheit fehlt. Die Gebärden solcher Menschen bekunden eine Preisgegebenheit an die Welt, in die sie hemmungslos hineingehen oder die sie gleichsam zu verschlucken droht. Nichts hält die Gestalt zusammen. Es fehlt die Kraft zum Abstand und Widerstand. Der Mensch verströmt sich in sein Umfeld, ja erweckt den Eindruck bevorstehender Auflösung. Menschen dieser Art bewegen sich, als hätten sie keine Knochen im Leibe, als hielte sie nichts bei sich selbst. Sie sind meist auch taktlos, es fehlt ihnen an „Distanz“.
  • Gleichgewicht von Ein- und Ausatmung: Hier wie dort fehlt die rechte Mitte. Es fehlt der Schwerpunkt, dessen Vorhandensein sowohl die rechte Eigenständigkeit als auch die rechte Verbundenheit mit sich selbst und mit der Welt ermöglicht. Die dem Menschen eigentlich zugedachte Beziehung zur Welt verwirklicht sich nur im schöpferisch ausgeglichenen Spannungsverhältnis der Pole. Selbst und Welt müssen je für sich stehen können und doch aufeinander bezogen und miteinander verbunden sein. Sie müssen sich trennen können, um sich wieder zu finden und einswerden können, um sich im Einswerden neu zu gewinnen. Das rechte Verhältnis, d.h. das rechte Sich-Verhalten des Menschen zur Welt liegt erst dort vor, wo die ihn wahrende Gebärde der Hinneigung, Verbundenheit und Aufgeschlossenheit nicht Preisgabe bedeutet. In seinem Verhältnis zur Welt erscheint der Mensch also dann „in seiner Mitte“, wenn seine Verfassung unstörbar das Aus und Ein des Atems zulässt, darin er sich in die Welt hineingibt, ohne sich zu verlieren, bei ihr verweilt, ohne verschlungen zu werden, sich zurücknimmt, ohne sich zu trennen und bei sich selbst bleibt, ohne sich zu verhärten.“ (Hara, die Erdmitte des Menschen - K.G. Dürckheim)

Physische Bedeutung

Die Kampfkunstatmung verläuft langsam und ruhig, verstärkt jedoch die Ausatmung in der Ausführung der Technik zum Ende hin, wodurch die Muskelkontraktion (kinchō) unterstützt und die Energieübertragung im kime der Technik erhöht wird. Durch die Atmung wird der Rhythmus (hyōshi) der Aktion geregelt, das Timing der Bewegungen aufeinander abgestimmt und die Einheit zwischen Geist und Körper hergestellt. Die Atmung ist das alles verbindende Element und führt die Bewegungen zu einem harmonischen Ganzen zusammen.
Die Verwendung verschiedener Formen des Atmens in der Technik hängt von der Art der beabsichtigten Energieübertragung im kime ab, allgemeiner ausgedrückt vom Zweck der beabsichtigten Handlung. Doch gleich zu welchen Zwecken man die Atmung übt, kann sie ihre fördernde Wirkung nur bei einer aufrechten und entspannten Haltung des Körpers entfalten.
In den Kampfkünsten stehen deshalb die Prinzipien der Haltung (shisei), der rechten Spannung (kinchō) und der Atmung (kokyū) in beständiger Relation zueinander. Wenn man entspannt und aufrecht ist und das Zwerchfell während der Einatmung nach unten zieht, drückt sich der Bauch ganz natürlich nach vorne. Wenn wir ausatmen, drückt das Zwerchfell nach oben, und die Luft strömt heraus. Der Atem strömt in den Bauch, in das Zentrum der Kraft (hara).


Bild aus BSK-HP in den Text

1. Normale Bauchatmung - Standard-Atmung für alle Methoden des Zen und des budō: in der Einatmung wird die Luft in den Bauch gedrückt, die Bauchdecke öffnet sich nach außen.
2. Umgekehrte Bauchatmung - diese Atemmethode wird in mehreren asiatischen Kampfkünsten praktiziert: während der Einatmung wird die Bauchdecke eingezogen. Im gōjū ryū entwickelte sich daraus die Ibuki-Atmung.
3. Brustatmung - herkömmliche Atmung von Ungeübten; die Luft füllt nur den oberen Bereich der Lungen.

Anwendung der Atmung im Budō

In allen Techniken des karate ist die Atmung von entscheidender Bedeutung. Im unmittelbaren Handlungsvorgang bestimmt sie das „Geben und Nehmen“, das „Spannen und Entspannen“ und den psychologischen Aspekt der Technik. Die Atmung ist nicht nur ein körperlicher Vorgang, sondern kommuniziert mit den psychologischen Strukturen des Menschen: so heißt Einatmen grundsätzlich „Nehmen“ und Ausatmen grundsätzlich „Geben“. Auch ungeübte Menschen verwenden unbewusst dieses Prinzip (z.B. beim Holzhacken - niemand spaltet einen Holzklotz, während er einatmet).

Bild aus Kihon nach rechts in den Text

1. Atmung - in den modernen Kampfkünsten werden die Atmungsmethoden häufig unterschätzt oder aus Unwissenheit falsch geübt. Dabei sind sie ein wesentliches Element in der psycho-physischen Ausbildung eines Übenden auf dem Weg.

  • Einatmen / Energie aufnehmen - einatmen heißt grundsätzlich „nehmen“. Nehme Energie über den Punkt laogong auf.
  • Ausatmen / Energie abgeben - ausatmen bezeichnet immer „geben“. Gebe Energie über den Punkt laogong ab.


Bild aus Kihon nach rechts in den Text

2. Übertragung der Atmung in die Technik - versuche diese Übung einmal umgekehrt zu machen, und du wirst feststellen, dass sie nicht funktioniert: die nach innen gewendeten Handflächen, die sich mit dem Einatmen auf uns zu bewegen, bedeuten in unserer Psychologie immer „nehmen“, ein „Geben“ ist nicht möglich. Dasselbe gilt auch umgekehrt.

  • Einatmung / Bewegung zurück - atme ein und sammele dich im hara. Nehme Energie über die Punkte baihui, laogong und yonquan auf und konzentriere sie im tanden. Sei dabei verhalten, abwartend und aufmerksam auf deine Umgebung konzentriert (zanshin).
  • Ausatmung / Bewegung vorwärts - atme aus und gebe Energie aus dem hara über laogong ab. Führe die Technik langsam aus, beschleunige im letzten Drittel und begleite den Energiefluss und die Bewegung mit deiner Aufmerksamkeit (chūi). Sei zwingend in deiner Handlung.

Ein Umkehrprozess dieser beiden Prinzipien ist nicht möglich und widerspricht unserer inneren Organisation. Entsprechend wird der Rhythmus unserer Handlungen durch die Atmung bestimmt. Unsere Handlungen sind in der Einatmung passiv und in der Ausatmung aktiv.

Studien Informationen

Siehe auch: Atmung | Kokyū hō | Waza | Shisei | Kinchō/Kanwa | Hara | Shingitai |

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Budo, der geistige Weg der Kampfkünste, O.W.Barth Verlag 1992.
  • Karlfried Graf Dürckheim: Hara, die Erdmitte des Menschen, O.W. Barth Verlag