Shisei

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Artikel von: Werner Lind
Nachbearbeitet von:

Shisei (jap.: 姿勢) bedeutet „Körperhaltung“, „Positur“, „Psychische Haltung“, „Einstellung“. Neben kinchō (Spannung) und kokyū (Atmung) ist shisei das wichtigste Prinzip in der Verwiklichung des hara.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Mit shisei bezeichnet man die Einheit der physischen und psychischen Haltung (mi gamae und ki gamae) in den Wegkünsten (). Shisei ist neben der Körperspannung (kinchō) und der Atmung (kokyū) eine der drei Grundsäulen aller Übungen in den Kampfkünsten. Im Japanischen steht shi für eine Form oder Gestalt und sei für die Kraft, die zum Einnehmen dieser Form / Gestalt notwendig ist. Die Korrektheit der Form ist wichtig, doch eine Haltung ist unvollkommen, wenn sie keine Kraft und keine Energie hat. Erst die Einheit der beiden Elemente macht die wahre Haltung aus. Shisei steht für die Gesamthaltung (physisch und psychisch) und meint die Haltung eines Menschen gegenüber allen Situationen des Lebens.

Psychische Bedeutung

„So sehen wir die Menschen das harmonische Verhältnis zu Himmel und Erde verfehlen, indem sie - im Stehen, Sitzen und Gehen - entweder übertrieben und einseitig nach oben gereckt sind oder aber in einer Weise nach unten absacken, die alle Gerichtetheit von oben nach unten auslöscht. Im letzten Fall tritt an die Stelle eines lebendigen Getragenseins von der Erde der Eindruck lebloser Trägheit oder Herabgedrücktheit. Das Gegründetsein in den Wurzeln erscheint als lastende Schwere, das Basishaben als Kleben am Boden. Solche Menschen gehen nicht, sondern schleppen sich dahin; sie sitzen nicht, sondern sacken zusammen; sie stehen nicht, sondern fallen nur eben nicht um.
Gewinnt die Richtung nach oben überhand, dann wirkt der Mensch in einer Weise „nach oben gezogen“, die alle Beziehung zum Unten verleugnet. Solche Menschen gehen, stehen oder sitzen mit hochgezogenem Leibe. Sie fassen beim Gehen nicht Fuß, sondern wippen, trippeln und tänzeln. Sie verneinen ihre natürliche Schwere. Sie richten sich nicht in organischer Weise auf, sondern sind mit hochgespannten Schultern nach oben „verzogen“. So wirken sie je nachdem verkrampft, aufgeblasen oder „verstiegen“.
In beiden Fällen fehlt die oben und unten verbindende Mitte, der richtige Schwerpunkt. Ist er vorhanden, dann finden sich die zum Himmel weisenden und die die Erde bejahenden Kräfte zur Harmonie des Ganzen zusammen. Was oben ist, wird von unten getragen. Was unten ist, hat eine natürliche Strebung nach oben. Es wächst die Form von unten nach oben wie beim Baum, und die Krone ruht auf einem lotrechten Stamm, der breit und tief verwurzelt ist. So bekundet die rechte Haltung ein Ja des Menschen zu seiner zwischen Himmel und Erde gespannten, bipolar beheimateten Ganzheit. Er klebt nicht an der Erde, aber er hat Vertrauen zu ihr. Er strebt himmelwärts, aber er vergisst die Erde nicht.“

(Hara, die Erdmitte des Menschen - K.G. Dürckheim)

Physische Bedeutung

Shisei ist eine der Ausdrucksformen von hara und bezieht sich als solche auch auf die Haltung des Körpers. Aus der in ihrem Mittelpunkt verankerten Gestalt erwächst der obere Körper auf seiner vertikalen Achse in vollkommenem Gleichgewicht nach oben. Der Nacken ist gerade, die Schultern entspannt, während sich die Schwerkraft nach unten senkt und im Bauch versammelt. Man entwickelt das Gefühl einer schweren Kugel in der Bauchgegend, deren Eigengewicht den Stand verankert und die den Oberkörper trägt. Sowohl im Stand als auch in der Bewegung geht es darum, dieses körperliche Gefüge zu erhalten, um die Kraft der Mitte (naka) voll zur Geltung kommen zu lassen. Die Mitte ist das Zentrum der Kraft und das Zentrum des Gleichgewichtes. Durch den Einsatz der Hüfte kommt diese Kraft zur Geltung, indem durch den richtigen Umgang mit dem Schwerezentrum das Gleichgewicht im Stand und in der Bewegung gewahrt wird. Die Haltung hängt also von der Kontrolle des Gleichgewichts und des Schwerezentrums ab:

  • Gleichgewicht und Standfestigkeit 平衡 (heikō) - Die Übung des karate führt unter Berücksichtigung der rechten Körperhaltung zu einem harmonischen Verhältnis aller Körperteile zueinander und gewährleistet dadurch ein einwandfreies Gleichgewicht des Körpers in der Bewegung und im Stand. Nur wenn dies zutrifft, ist es möglich, maximale Kraft in eine Technik zu übertragen, sich sicher zu bewegen und wenn nötig sofort eine stabile Stellung einzunehmen.
  • Schwerezentrum 重心 (jūshin) - Der Umgang mit der Schwerkraft des Körpers muss besonders geübt werden, denn er ist der ausschlaggebende Punkt für die Entwicklung der Ganzkörperbewegung. Man stelle sich dazu eine schwere Kugel in der Bauchgegend vor, die man vor, zurück, seitlich oder in der Drehung bewegen muss. Durch ihre eigene Schwere ist die Kugel träge und deshalb schwer zu bewegen und schwer zu stoppen. Kommt sie jedoch ins Rollen, entwickelt sie eine ungeheure Kraft. Die Extremitätenbewegung hingegen ist schnell, jedoch vergleichsweise schwach. Durch den richtigen Umgang mit dem Schwerezentrum kann man es lernen, eine Bewegungsform zu verstehen, in der die Vorteile der Rumpf- und Extremitätenbewegung miteinander verbunden werden und so eine große Kraft in der Technik ermöglichen. Die erste Voraussetzung dafür ist die korrekte Körperhaltung. Sie gewährleistet die Kontrolle des Schwerezentrums, wodurch es möglich wird, die Kraft zu lenken und zu steuern.

Die rechte Haltung

In alltäglichen Situationen geschieht dasselbe. Menschen verlassen sich auf ihren scheinbar unbeirrbaren Verstand, übersetzen die diesem zugänglichen Wahrnehmungen und Informationen in eine Teilwirklichkeit und streiten dann um die Richtigkeit ihrer Meinung. Doch in Anbetracht einer übergeordneten, analytisch nicht fassbaren Wirklichkeit können alle objektiv wahrnehmbaren Widersprüche verschwinden. Teilaspekte sind keine absoluten Wahrheiten. Die Verabsolutierung des Intellekts zu ungunsten der intuitiven Wahrnehmungsfähigkeiten des Menschen führt in die Irre. Diese allgemein menschliche Erkenntnis manifestiert sich im östlichen Denken im Prinzip von yīn und yáng (...„die Wirklichkeit enthält alle Gegensätze“), im westlichen z.B. im Konzept der Theodizee des deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibnitz. Sowohl in den Weg-Künsten als auch im Alltag definiert sich Persönlichkeit durch den Grad der menschlichen Reife, die durch Übung verwirklicht werden kann. Darin geht es immer um eine Übung der Mitte (naka), um den Ausgleich zwischen Intuition und Logik.
Jeder Mensch weiß mehr über das intuitive Spüren, als er rational zu begreifen und auszudrücken vermag. Auch wenn ihm dieses nicht bewusst ist, hat dennoch jede logische Schlussfolgerung ihre Wurzeln in diesem tieferen Erkennen. Würde es nicht existieren, wäre der rationale Mensch eine intelligente Maschine, die ohne Fremdbedienung nicht funktioniert. Wir alle richten unser rationales Wissen nach der intuitiven Wirklichkeitserfahrung aus. Je mehr wir der Intuition vertrauen, umso effektiver wird unser rationales Denken.
Die rechte Haltung im budō ist daher etwas anderes als das logisch begründbar Richtige. Sie ist fest in einem intuitiven Wissen um den Sinn einer Angelegenheit verankert, um den sich alles objektive Erkennen dreht. Die rechte Haltung bezeichnet einen Zustand des rechten Befindens und Wirkens in der Welt und ist ein Zustand höchster Aktivität. Dieser ermöglicht dem Menschen aufgrund der erkannten Wirklichkeitszusammenhänge in der rechten Weise in seiner unmittelbaren Umgebung zu handeln.

Studien Informationen

Siehe auch: Kinchō | Kokyū | Hara | Shingitai | Meditation

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studien 2010.
  • Karlfried Graf Dürckheim: Hara, die Erdmitte des Menschen. O.W. Barth Verlag.