Te

Aus Budopedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
120px-Qsicon Ueberarbeiten.svg.png Der Inhalt dieser Seite ist nicht vollständig und muss überarbeitet werden.

Artikel von: Werner Lind
Nachbearbeitet von:


Te auch de / ti / di (jap.: 手) ist die Bezeichnung für eine alte Selbstverteidigungsmethode auf Okinawa, die sich ab dem 14. Jahrhundert aus dem tegumi zu entwickeln begann. De ist eine phonetische Verzerrung von te und bedeutet sowohl im Chinesischen, als auch im Japanischen und im Okinawanischen „Technik“, „Kunstgriff“ bzw. „Hand“, „Arm“.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung des Te (1350 - 1609)

Man glaubt, dass dem frühen te zunächst noch die japanischen Tegumi-Techniken nahe standen. Doch die aus China importierten Atemi-Techniken sollten im Laufe der Zeit das System verändern. Auf jeden Fall wurden die atemi (Schlagen, Stoßen, Treten) durch den Einfluss der Chinesen aus Kumemura intensiviert und gewannen zunehmend mehr Inhalt. Aber auch andere Elemente aus dem gesamten asiatischen Raum beeinflussten das System.

Ryūkyū Odori - okinawanische Volkstänze

Bemerkenswert ist, dass sich all diese Einflüsse zu einer okinawanischen Eigenheit verbanden, in der sie verschmolzen und sich eigenständig entwickelten.
Man vermutet, dass die klassischen Volkstänze (jap.: odori, okinaw.: udui) dabei eine erhebliche Rolle spielten. Die ryūkyū odori enthalten noch heute in Bewegungen ausgedrückte Bräuche aus dem okinawanischen Volks- und Bauernleben, wozu auch die Benutzung ihrer Werkzeuge und Geräte gehören. Es ist anzunehmen, dass die frühen Krieger des te durch diese Tänze veranlasst wurden, ihre kämpferischen Methoden in den Tänzen zu verschlüsseln. Daher waren die ryūkyū odori vermutlich das erste Medium in der Entwicklung einer eigenständigen okinawanischen kata.
Trotzdem ist das japanische tegumi die Basis und das chinesische quánfǎ die wichtigste Quelle der Weiterentwicklung. Der Einfluss aus China nahm immer mehr zu, besonders nachdem sich die chinesischen Delegationen in Kumemura etabliert und bewährt hatten.

Kumemura - und die „36 Familien“ (1392)

Der Ming-Kaiser Zhū Yuánzhāng beabsichtigte bereits 1372 einen intensiven Handelsaustausch mit den Ryūkyū und vereinbarte mit König Sato, auf Okinawa eine Niederlassung für chinesische Delegationen zu gründen. Daraufhin entsandte er 1392 eine erste chinesische Delegation aus Fújiàn (Fukien) nach Okinawa, die dauerhaft auf der Insel leben und dem unterentwickelten Land zum Aufbau und Fortschritt verhelfen sollte.
Diese Gruppe von Chinesen (Diplomaten, Kaufleuten und Militärs), bekannt unter der Bezeichnung „36 Familien“, siedelte sich im Viertel Kumemura (okinawanisch Kuninda) in Naha (okinawanisch Nāfa) an. Ihre Nachfahren stellten auch in den folgenden Generationen die wichtigsten Regierungsbeamten und verhalfen dem Inselstaat zu neuem Aufschwung nach chinesischem Beispiel. Sie sollten die okinawanische Kultur, Gesellschaft und Politik nachhaltig beeinflussen.Mit dem Einzug der chinesischen Delegationen, entwickelte sich Kumemura zu einem Zentrum der chinesischen Kultur auf Okinawa und zur bedeutendsten Bildungsstätte für aristokratische Okinawaner. Diese lernten dort die chinesische Sprache, Staatswesen, Kultur und Religion aber auch praktische Künste wie Schiffsbau, Navigation und Verwaltung.
Im Zuge der kaiserlichen Delegationen, übersiedelten auch viele chinesische Privatleute nach Okinawa, die sich in Kumemura oder in umliegenden Gebieten niederließen. Unter ihnen befanden sich Experten, die die Landwirtschaft, das Handwerk, die Religion, die Kunst und Kultur, das Gesundheitswesen und vieles mehr nachhaltig beeinflussen sollten. Manche von ihnen waren im chinesischen quánfǎ ausgebildet und nahmen Einfluss auf das okinawanische te, das sich dadurch später zum tōde entwickeln sollte.

Tàolù - die chinesischen Formen auf Okinawa vor 1500

Wie bereits erwähnt, gab es bereits vor 1500 chinesische Quánfǎ-Formen (tàolù) auf Okinawa. Sie wurden über die vielfältigen Kontakte zu China überliefert, man vermutet, dass es bereits im 14. Jahrhundert frühe Formen der passai (koryū no passai) auf Okinawa gab, ein weiterer Überlieferer der chinesischen tàolù war Wanshū[1].
Die tàolù waren in sich geschlossene Botschaften über komplexe Zusammenhänge der chinesischen Kultur, die weit mehr als nur die Praxis des Kämpfens vermittelten. Doch die Okinawaner waren nicht in der Lage, ihre codierten Botschaften zu entziffern und erkannten nur den für die Praxis verwendbaren kämpferischen Teil. Ebenso wie viele weitere Kampftechniken aus den südostasiatischen Ländern übernahmen sie aus den tàolù nur die kämpferischen Komponente und übertrugen sie in ihrer Volkstänze (odori).
Die Okinawaner hatten zu jenem Zeitpunkt noch kein Verständnis für die hochentwickelte Kultur der Chinesen und wussten nichts über in Bewegungen verschlüsselte Philosophien. Doch sie kopierten den technischen Bereich aus den tàolù und gründeten damit eigene Formabläufe, die als Grundlagen zur den späteren okinawanischen kata angesehen werden. Daher war das auf Okinawa entstandene Kata-Konzept gewiss keine Kopie der chinesischen tàolù, sondern ein Sammelsurium chinesischer und südostasiatischer Kampftechniken, interpretiert nach okinawanischer Lebensart. Erst viel später waren die Okinawaner in der Lage auch die Inhalte der chinesischen tàolù zu übernehmen.

Das okinawanische Te - ein rein okinawanisches Kampfsystem

Trotz der vielen fremden Einflüsse entwickelte sich das te im 15. Jahrhundert in einem eigenständigen Rahmen, der auf die damalige Mentalität der Inselbewohner zugeschnitten war. Das okinawanische System enthielt zu jener Zeit keine hintergründigen Philosophien, es kannte keine Vitalpunkte und keine ethischen Lehren. Es war ein praxisbezogenes Kriegssystem, das allein in der Selbstverteidigung seine Anwendung fand.
Diese Grundzüge haben sich in allen folgenden okinawanischen Systemen erhalten und sind auch im heutigen karate noch erkennbar. Obwohl die okinawanischen Kampfsysteme der späteren Zeit immer mehr durch das quánfǎ beeinflusst wurden, behielten sie trotzdem ihre okinawanischen Eigenheiten.

Veränderung des Te zum Tōde (ab ca. 1470)

In den folgenden Jahrhunderten standen die meisten Te-Konzepte unter einem starken Einfluss des quánfǎ, entwickelten sich aber nur langsam zum tōde. Zunächst hauptsächlich über die in Kumemura ansässigen Gesandtschaften aber auch über so manche gestrandete See- und Kaufleute, die immer neue Techniken des chinesischen quánfǎ nach Shuri, Tomari und Naha brachten.
Doch eine Notwendigkeit, das te zu wirkungsvolleren Kriegstechniken zu entwickeln, bestand zunächst nicht. Im Land herrschte Frieden und das schwer arbeitende Volk hatte weder Zeit noch Interesse am Training von Kampftechniken. So wurde es weitgehend in den Adelsfamilien der anji bewahrt, die es beruflich verwendeten.
Der okinawanische Adel war hauptsächlich für den Schutz des Königs, für die Wachen des königlichen Palastes und für die Verteidigung des Königreiches zuständig. Innerhalb ihrer Klans, entstanden familieneigene Te-Stile, die sich als Tradition bewahrten und teilweise bis heute überlieferten.
Sicherlich haben die Jahrhunderte auch in diesen Stilen ihre Eindrücke hinterlassen, und sicherlich wurden seine Meister auch von fremden Systemen beeinflusst. Trotzdem kann man heute erkennen, dass in manchen okinawanischen Stilen die Grundzüge des te erhalten blieben. Dies hauptsächlich von Motobu Chōyu, der seinen Familienstil über Uehara Seikichi zum uehara motobu ryū und in Abstrichen zu Nakamura Shigeru (okinawa kenpō karate) überlieferte.
Doch die meisten okinawanischen Te-Stile veränderten sich durch den Einfluss des quánfǎ allmählich zum tōde. Diese Veränderungen gehen eng mit der Geschichte Okinawas einher und können erst in Betrachtung der historischen Ereignisse verstanden werden.

Zweite Shō-Dynastie (1470 - 1879)

Der okinawanische Finanzminister Kanamaru Uchima (1470 - 1476) putschte 1470 gegen seinen König Shō Toku (1461 - 1468), stürzte die Erste Shō-Dynastie, und errichtete unter dem Namen Shō En eine Zweite Shō-Dynastie. Die Zweite Shō-Dynastie sollte sich mit vielen politischen Turbulenzen über 19 Generationen bis 1879 erhalten.
Zunächst aber kam 1477 König Shō Shin an die Macht und verordnete ein striktes Waffenverbot, sowohl für Adelige als auch für Bauern. Als Konsequenz intensivierten sich neben dem te erste Formen des kobujutsu, in dem Bauern und Fischern ihre Arbeitsgeräte zur Selbstverteidigung benutzten. Gerade durch die Chinesen wurden entsprechende Techniken auf die Insel gebracht und es entstanden Kobujutsu-Systeme wie bōjutsu, saijutsu, tonfajutsu, nunchakujutsu u. a.
Unter den Königen der zweiten Shō-Dynastie erblühte Okinawa bis 1609 sowohl kulturell als auch wirtschaftlich vor allem durch den Einfluss der Chinesen. Das verhängnisvolle Datum Okinawas sollte der 5. April 1609 sein, als der japanische Satsuma-Klan die Insel eroberte.

Satsuma-Besatzung auf Okinawa (1609 - 1879)

Der Satsuma-Klan von Kyūshū, angeführt von der Shimazu-Familie, unterlag 1600 in der Schlacht von Sekigahara den Streitkräften von Tokugawa Ieyasu, durfte aber als tozama daimyō (Fürst von außerhalb) seine Hoheitsgebiete behalten. Da der Klan dem Tokugawa-Shōgun nach wie vor bedrohlich erschien, wurde ihm zum Ausgleich für die Niederlage erlaubt, die Insel Okinawa zu erobern. Im Jahre 1609 beendete die Satsuma-Invasion die Unabhängigkeit Okinawas und beanspruchte gleichzeitig die Vorherrschaft über alle Ryūkyū-Inseln.
Shimazu Iehisa erließ mit sofortiger Wirkung eine ganze Reihe von beschränkenden Verordnungen für das Inselreich, u. a. ein erneutes Waffenverbot für alle okinawanischen Bürger. Der amtierende okinawanische König Shō Nei (1589 - 1620) wurde festgenommen und als Geisel nach Japan gebracht. Das Ryūkyū-Königreich wurde den Satsuma mit sofortiger Wirkung tributpflichtig.
In der Gesellschaft herrschte Anarchie und Gesetzlosigkeit. Die Satsuma-Samurai zogen durchs Land und plünderten die Bevölkerung. Die Bauern konnten die hohen Tributforderungen an Reis, Korn und anderen Waren nicht erbringen, die von den Japanern gefordert wurden. Gleichzeitig mussten sie auch noch den Chinesen Tribut zahlen. Willkürliche Plünderungen, Vergewaltigungen und Selbstjustiz beherrschten das Land. Zum ersten Mal stand das okinawanische Volk einer feindlichen Besatzungsmacht gegenüber, gegen die es sich verteidigen musste.
Diese Umstände intensivierten den Widerstand der Okinawaner gegen die japanischen Satsuma-Samurai. Doch sie waren weder organisiert, noch hatten das te die erforderliche Kraft, gegen einen kampferprobten samurai zu bestehen.
Doch überall auf der Insel fanden zunehmlich mehr tätliche Auseinandersetzungen zwischen okinawanischen Bürgern und japanischen samurai statt. Die Okinawaner mussten sich einzeln gegen professionelle samurai zur Wehr setzen, die ständig ihre Existenz und Familie bedrohten.
Die auf Okinawa stationierten Chinesen störte die Invasion der Satsuma zunächst nur wenig. Politisch geschwächt, war China damals nicht in der Lage, einen Krieg gegen Japan zu führen. Doch zunehmend mehr unterstützten sie die Okinawaner in ihrem Widerstand gegen die Satsuma.
Schließlich wurden 1629 Geheimbünde gegründet, die zu einer gemeinsamen Front gegen die Satsuma mobilisierten. Darin vereinigten sich verschiedene Gemeinschaften des quánfǎ und des te, um den Widerstand gegen die Japaner zu organisieren. Doch es kam nie zu einem organisierten Aufstand gegen die Japaner.
Durch die Verbindung mit dem quánfǎ wurde die Effizienz des te wesentlich gesteigert. Aus der Kombination der beiden entstand das tōde, dessen Ansatz auf der tatsächlichen Fähigkeit zum Kämpfen beruhte. Das tōde musste sich in realistischen Auseinandersetzungen bewähren und verwendete tödliche Techniken, die gegen die japanischen Invasoren angewendet wurden.

Studien Informationen

Siehe auch: Okinawanische Kampfsysteme | Tegumi | Tōde | Okinawate Karate

Anmerkungen und Verweise

[1] Wanshū (Wansu, Wangji, jap. Oshu) 汪楫 oder 晩愁 - chinesischer Kampfkunstexperte (1621 - 1689) der nördlichen Systeme (beitui) des quánfǎ. Wanshū kam 1683 als einer der ersten Chinesen nach Tomari, blieb 6 Monate (nach Sakagami, 1978) und brachte (nach unbestätigten Theorien) die Kata wanshū mit, die später im shōtōkan ryū als enpi bezeichnet wurde.

Literatur

  • Werner Lind: Okinawa Karate. Sport Verlag, Berlin 1997.
  • Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste. Sport Verlag.
  • Werner Lind: Karate Kumite. BSK-Verlag 2040.
  • Shoshin Nagamine: The Essence of Okinawan Karate. Tuttle 1976.
  • Richard Kim:The Weaponless Warriors. Ohara 1974.
  • Morio Higaonna: Okinawa Goju ryū. Minamoto Research, 1985.
  • Mark Bishop: Okinawan Karate. A & B Black 1989.
  • Pierre Portocarrero: Tode les origines du Karate do. Sedirep.
  • Kenji Tokitsu: Histoire du Karate do. SEM 1979.


Weblinks