Chintō

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Artikel aus: Lexikon der Kampfkünste<br.>Nachbearbeitet von: Stephanie Kaiser

Chintō (jap.: 鎮東) auch chintōu, ist eine okinawanische kata und Ursprungsform der späteren japanischen gankaku.

Wie Meister Funakoshi Gichin in seinem Buch Ryūkyu Kempō Karate erläutert, stammt die chintō ursprünglich aus den chinesischen Schulen und wurde von einem Schiffbrüchigen in Tomari unterrichtet. Dieser war ein chinesischer Kampfkunstexperten namens Chintō (in anderen Annalen Anan), der um 1850 in Tomari gestrandet war und dort die gleichnamige kata an Gusukuma Shiroma, Matsumora Kōsaku, Oyadomari Kōkan, Matsumura Sōkon und an einige weitere Meister des shōrin ryū weitergegeben haben soll.

Bedeutung

Die Übersetzung des Begriffes chintō bedeutet „Kämpfen gegen Osten“, „Kranich in der Nacht“ oder „wo die Sonne aufgeht“. Die okinawanische chintō ist eine der unaufgeklärtesten Karate-Kata und seit Jahrhunderten von Mythen umgeben. Im chinesischen Daoismus ist der Kranich (chin. ) ein Symbol der Unsterblichkeit und der Weisheit. Oft wird er zusammen mit einer Kiefer und einem Stein abgebildet. Nach der Legende steigen diejenigen, die Unsterblichkeit erlangt haben, auf einen Kranich auf, der sie in den Himmel bringt. Es gibt Darstellungen, auf denen ein Kranich auf einen im Meer gelegenen Felsen zufliegt. Sie stehen als Symbol für die Insel der Unsterblichkeit (pénglái), die die Chinesen bereits zur Zeit des Gelben Kaisers gesucht haben und bei den Ryūkyu-Inseln vermuteten. Kranichpaare deutete man als Symbole des Glücks.

Chinesischer Chintō-Ursprung

Die Verwandtschaft der chintō mit den inneren Systemen (nèijiā) des chinesischen quánfǎ ist nicht zu übersehen. Als Zhāng Sānfēng (Gründer des wǔdāngpai) sein Selbstverteidigungskonzept entwickelte, gründete er dieses auf der Beobachtung eines Kampfes zwischen einer Schlange (shé) und einem Kranich. Diesen ersten Stil nannte er „Vögel und Schlangen“. Das Schlangenprinzip bestand im Ausweichen und das Kranichprinzip in schnellen Fußbewegungen. Das Prinzip des Kranichs überlieferte sich darauffolgend in mehrere Stile des chinesischen quánfǎ vor allem aber im hèquán („Kranichstil“). Die wichtigste Variante des hèquán war báihèquán („Stil des weißen Kranichs“), der sich vor allem im chinesischen Gebiet von Fújiàn (Fuzhou) verbreitete und dort sehr viele Unterstile entickelte. Báihèquán war eine der wichtigsten Quellen der Beeinflussung für alle weiteren okinawanischen Stile.

Zu Ende des 19. Jahrhunderts gründete Cai Yong Ming im Fújiàn-Gebiet Quánzhōu und Shamen den chinesischen Quánfǎ-Stil wuzuquán („Fünf-Ahnen-Faust“), der eine Kombination aus báihèquán, dashengquán, lúohànquán und dazungquán ist. In seiner Kreation war unter anderen die Form chen tou (in Mandarin chintō – „den Körper absenken“ oder „den Kopf schützen“) enthalten. Diese chinesische Form hat viele ähnliche Techniken mit der chintō aus Tomari (z.B. die letzte Bewegung der chinesischen Form ist identisch mit der ersten Bewegung der chintō).

Chintō-Überlieferung nach Okinawa

Die chinesische chin tou ist sicher der Ursprung der in Tomari aufgetauchten chintō. Es ist heute jedoch unmöglich zu sagen, wer der eigentliche Überlieferer dieser kata nach Okinawa war. In manchen geschichtlichen Abhandlungen wird der Überlieferer Chintō genannt (doch die Bezeichnung ist identisch mit der gleichnamigen Form aus China), in anderen Texten nennt man ihn Anan (Annan ist die Bezeichnung für ein Gebiet in Fújiàn, in dem diese Form sehr verbreitet war). Auch der Name Shionja wird erwähnt, doch im Ergebnis unserer Forschungen hat der Name mit der Chintō-Überlieferung nichts zu tun.

Maßgebliche Meister in der Übertragung der Chintō

Wahrscheinlich ist, dass zuerst die Meister des tomarite, Gusukuma Shiroma, Matsumora Kōsaku und Oyadomari Kōkan die chintō von einem auf Okinawa gestrandeten Chinesen lernten (heute tomari no chintō). Dieser versuchte in den Gruften des Friedhofes von Tomari zu überleben und fiel durch nächtliche Raubzüge in der Umgebung auf. Offensichtlich hatten die Meister aus Tomari Kontakt zu dem Chinesen und lernten von ihm die kata chintō. Ihn selbst nannte man ebenfalls Chintō. Manche Geschichtsforscher setzen ihn gleich mit Anan und behaupten, dass er auch die kata Chanan überlieferte (geschichtlich unbestätigte Theorie).

Die Legende berichtet, dass Matsumura Sōkon, seinerzeit der oberste Polizeichef des Königshauses von Shuri, vom okinawanischen König den Auftrag bekam, den plündernden Chinesen zu stellen und der Justiz zu überführen. Matsumura aber konnte ihn im direkten Kampf nicht besiegen und lernte darauffolgend von ihm die chintō und vielleicht die chanan.

Heute fragt man sich, warum ein so hoch gestellter Beamte und berühmter Kampfkunstexperte wie Matsumura Sōkon einen solch niedrigen Auftrag direkt vom König bekam. Vermutungen liegen nahe, dass Matsumura Sōkon die chintō von Matsumora Kōsaku aus Tomari lernte, sie aber Kraft seines Amtes mit einem anderen Ursprung belegte. Die Politik der damaligen Gesellschaft ist heute nicht mehr durchschaubar. Ob Matsumura aus Shuri Matsumora aus Tomari beinflusst hat oder umgekehrt, lässt sich heute nicht mehr nachweisen.

Gefragt über die Herkunft der chintō, schreibt Meister Funakoshi Gichin 1914 in einem japanischen Zeitungsbericht:

„Zu jenen, die von einem Schiffbrüchigen aus Annan (Fuzhou) Unterricht erhielten, gehörten: Gusukuma und Kanagusuku (chintō), Matsumura und Oyadomari (Chinte), Yamasato (Ji´in) und Nakazato (Jitte) - alle aus Tomari, die diese Kata getrennt voneinander lernten. Der Grund dafür war, dass es ihr Lehrer eilig hatte, wieder in sein Heimatland zurückzukehren.“ (Shoto, 1914). Kinjo Hiroshi glaubt (1999), dass Matsumura in diesem Text mit Matsumora verwechselt wurde.

Das alles kann heute nicht endgültig bestätigt werden. Als sicher gilt, dass es in Tomari einen mysteriösen Chinesen gab, der eine oder mehrere Formen aus seiner Heimat unterrichtete, die heute als wichtige kata des okinawanischen karate gelten. Kōsaku Matsumora und andere aus seiner Übungsgruppe wurden Schüler des Chinesen und lernten von ihm die Methoden der chintō, der chinte und der ji´in. Auf Okinawa gibt es heute drei große Chintō-Systeme, die der Initiative verschiedener okinawanischer Meister entsprechen:

  1. Tomari no chintō (Embusen auf einer seitlichen Linie)
  2. Matsumora no chintō (Embusen auf einer 45 Grad Linie)
  3. Matsumura no chintō (Embusen geradlinig vor und zurück).

Die drei großen Chintō-Systeme auf Okinawa

Tafel der Chintō-Kata
  • Tomarite no chintō - (Gusukuma no chintō) – nennt man die ursprüngliche nach Tomari überlieferte Grundversion der chinesischen Chintō. Sie wird grundsätzlich auf einer seitlichen Linie ausgeführt. Als Ihr Überlieferer gilt Gusukuma Shiroma.
  • Matsumora no chintō - ist eine Ableitung oder Neugründung aus der vorausgegangenen Version. Es ist unklar, ob Matsumura aus Shuri sie beeinflusst hat, oder ob sie von Matsumora aus Tomari selbst stammt. Auf jeden Fall wurde Matsumoras Version unverändert von Kyan Chōtoku weitergegeben. Diese Weitergabe (kiyatake no chintō oder Kyan no chintō) gilt als authentisch und überlieferte sich ins matsubayashi ryū, sukunai Hayashi ryū, shobayashi ryū, seibukan ryū, chitō ryū und shōtōkan ryū. Ankichi Aragaki (aragaki no chintō) lehrte sie in leicht abgewandelter Versionen, indem er Tsumasaki geri (Tritt mit den Zehen) verwendete. Hirokazu Kanazawa führte sie auch in Japan ein und bezeichnet sie dort als gankaku sho. Ihre Techniken sind ähnlich jenen aus der Tomarite no chintō, man führt die Kata jedoch auf einem Embusen von 45 Grad aus. Aragaki lernte von Kyan und veränderte seine Version (Aragaki no chintō) nur dahingehend, dass die Fußtechniken mit tsumasaki (Zehenspitzen) ausgeführt werden. Das Bunkai dieser Kata enthält viele Nahkampftechniken, Hebel, Immobilisationen und Würfe. Folgende Versionen dieser Kata gibt es:
    • Kiyatake no chintō - Chintō-Version von Chotoku Kyan, direkte Weitergabe von Kosaku Matsumora
    • Aragaki no chintō - Chintō-Version von Ankichi Aragaki, gilt als naheliegende Kiyatake no chintō
    • Gankaku sho - Chintō Version von Hirokazu Kanazawa, abgeleitet aus dem isshin ryū
    • Yabu no chintō - kombinierte Version aus Tomari und Matsumora.
  • Matsumura no chintō - es ist unklar, woher die in Shuri geübte Chintō-Version stammt, die sich doch wesentlich von der Tomari-Chintō unterscheidet. Anzunehmen ist, dass Sōkon Matsumura sie entweder von Kosaku Matsumora lernte oder selbst aus China mitbrachte. Auf jeden Fall veränderte sie ihre Techniken und überlieferte sich über Yasutsune Itosu (itosu no chintō) vor allem ins kobayashi ryū (Chibana), wo sie heute in geringfügig unterschiedlichen Versionen bewahrt wird. Alle Versionen der matsumura no chintō werden auf einem geradlinigen Embusen vor und zurück ausgeführt. Die itosu no chintō wurde 1922 von Gichin Funakoshi nach Japan gebracht und verbreitete sich dort im shōtōkan-, shito- und wadō ryū. Im shōtōkan wird sie Gankaku genannt. Die beiden Schriftzeichen, mit denen ihr Name geschrieben wird, sind die chinesischen Ideogramme für einen Felsen (jap. Gan) und einen Kranich (jap. Kaku). Sie verweisen auf den Kranich, wie er in seiner charakteristischen Weise auf einem Bein steht. Shinpan Shiroma, ein Schüler Itosus, gründete ebenfalls eine Chintō-Version, die eine Kombination zwischen itosu no chintō und kiyatake no chintō ist. Manchmal wir sie auch tomiyabu no chintō genannt. Man findet sie im shiroma shitō ryū und im gensei ryū.
    • Matsumura no chintō- Chintō-Version von Sokon Matsumura
    • Itosu no chintō - Chintō-Version von Yasutsune Itosu
    • Gankaku - japanische Version von Gichin Funakoshi
    • Shiroma no chintō - Chintō-Version von Shinpan Shiroma

Chintō / Gankaku Varianten

Studien Informationen

Siehe auch: Karate | Karate-Kata | Kata bunkai | Studium der Karate-Kata | Geschichte der Karate-Kata | Übung der Karate-Kata | Kata-Liste (Karate) |

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. BSK-Studien 2010.
  • Christian Lind: Gankaku & Chintō. BSK 2004.
  • Javier Martinez: Isshinryū Chintō Kata. 1998.
  • Nagamine Shoshin: Okinawa Karate do. Tuttle.


Weblinks