Übung der Karate-Kata

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Artikel aus: Lexikon der Kampfkünste<br.>Nachbearbeitet von: Werner Lind

Es gibt nur einen authentischen Übungsweg der Karate-Kata. Jenen, der über Jahrhunderte überliefert wurde und den Übenden dazu anhält, sich selbst in der Übung zu entdecken, sich durch die Übung der kata zu verbessern, letztendlich in seiner Persönlichkeit zu wachsen und sich ganzheitlich zu vervollkommnen. Sowohl der Lehrer (sensei) als auch der Schüler (deshi) erfüllen in diesem Prozess wichtige Bedingungen.

Die Übung der Kata

Die Karate-Kata sind die Essenz aller okinawanischen Kampfkünste des karate. Die Übungssysteme der Karate-Stile (karate ryū) begründen sich auf ihren kata, da sie stets den Code konstituieren, der den Zugang zum Verständnis ihrer inneren Stilstruktur liefern. Nur durch ihre genaue Analyse (bunkai) lassen sich die spezifischen Elemente der jeweiligen Stile feststellen.<br.>Diese Art, die kata zu betrachten, nennt man kata bunkai. Damit bezeichnet man die Aufgliederung, die Analyse und das Studium eines Stils (ryū), basierend auf der Entschlüsselungen seiner kata. Weder ihr Ablauf (genkyo) noch ihre Anwendung (ōyō) sind dabei formell relevant. Es ist lediglich das „Wie“ in der Lehre eines sensei und die Absicht des Schülers, zur inneren Vervollkommnung zu streben.<br.>Das geschlossene System eines Stils ist unsichtbar für den Nichteingeweihten in den kata enthalten. Gelehrt wird es heute (anders als früher, als es nur kata gab), indem es zuerst in seine Bestandteile (kihon und kumite) auseinandergenommen und zum besseren Verständnis in seinen Einzelteilen (waza) geübt wird. Die Begriffe kihon und kumite entstanden also, indem man die kata in ihre Einzelteile zerlegt und diese als isolierte Trainingskomponente zu üben begann. Die Einzeltechnik der kata wird zu kihon (Grundschule), während man dieselbe Technik in der Anwendung mit dem Partner als kumite (Partnerübung) bezeichnet.<br.>Die kata ist immer der Ausgangspunkt. Sie enthält sowohl kihon als auch kumite. Durch die Isolation des kihon aus der kata und dessen Wiederholung als Einzeltechnik fließen die in einer solchen Übung möglichen Erfahrungen erneut in die kata zurück und erheben diese auf ein höheres Niveau. Durch die Wiederholung der einzelnen Technik mit dem Partner (kumite) fließt die Erfahrung dieser Übung als besseres Verständnis der Kampfprinzipien in die kata zurück (Distanz, Timing, Kampfgeist usw.). Das auf beiden Seiten neu Erfahrene (kihon und kumite) wird in der kata wieder zusammengefügt und erhebt das Niveau der Kampfkunst. Dieser Kreislauf hat kein Ende. Die Schüler der Kampfkünste, gleich ihrem Niveau, kehren immer wieder zu ihren kata zurück und entwickeln von dort aus ihren weiteren Fortschritt.<br.>Das traditionelle Studium einer kata (bunkai) enthält drei Schwerpunkte:

  1. Übersetzung der kämpferischen Methoden -
  2. Kontrolle des Geistes und der vitalen Energie -
  3. Gesundheitliche Wirkung - Der bloße Formaspekt der Kata spielt angesichts dieser Schwerpunkte nur eine untergeordnete Rolle, bzw. richtig oder falsch im Formaspekt werden nicht nach den Maßstäben des Sportes (schneller, höher, stärker) entschieden, sondern danach, ob er den oben genannten Prinzipien Rechnung trägt.

Nur wenn die Kata als Weg () geübt wird, können auch ihre Hintergründe sichtbar werden. Doch als Vorbedingung zum Verständnis dessen, was kata jenseits ihrer Form bedeutet, wird sie in allen traditionellen Systemen des karate wie gesehen in ihre Bestandteile zerlegt, um auf diese Weise wichtige Voraussetzungen, wie korrekte Form, Entwicklung von Kraft, Timing, Distanz usw. zu schulen. Aus diesen Überlegungen entstand die Übung der Grundtechniken (kihon) und die Übung mit dem Partner (kumite). Diese werden nach stilspezifischen Maßstäben erneut unterteilt, doch ihr Ursprung ist die kata. Die höchste Form des kihon ist daher die kata selbst und die höchste Form des kumite ihre recht verstandene Anwendung.

Kata-kumite nennt man die in den Kampf übersetzte Selbstverteidigungsmethode der Karate-Kata. Auf der ersten Stufe dieser Übungen gibt es in jeder Kata-Anwendung eine Grundform, in der die kämpferischen Prinzipien der kata noch verschlüsselt sind, die aber notwendig ist, um kihonmäßige Basisprinzipien (starke Abwehrtechniken, gute Stellungen, starkes Kime, richtige Distanz usw.) zu erarbeiten. Um dieses grundlegende Kata-kumite besser verstehen zu können, kann es zu verschiedenen Kumite-Übungsformen aufgesplittet werden (kihon sanbon-kumite, kihon ippon-kumite, jiy- ippon-kumite usw.). Man übt darin die Beispiele aus den kata als Abwehr gegen Angriffe, als Befreiungstechniken gegen Halten und als Würfe. Mit dem weiteren Fortschritt darin werden neue Möglichkeiten sichtbar. Wenn diese Techniken korrekt und realitätsnah ausgeführt werden können, kann man mehrere zusammenfügen und sie als kombinierte Folgen üben (kaeshi-kumite, okuri-kumite, happo-kumite usw.).

Das Kata-kumite ist der Ausgangspunkt für alle Formen des kumite, die auf den jeweiligen Stufen geübt werden. Das Kata-kumite ist das Beispiel, auf dem sich die anderen Formen des kumite begründen. Auch zeichnet das Kata-kumite die charakteristische technische Linie durch den gesamten Stil. Ohne Kata-kumite gibt es zwischen den kämpferischen Aspekten des Stils und den kata des Stils keine Verbindung. Um einen Stil verstehen zu können, ist es deshalb wichtig, die Anwendung der kata zu erforschen, zu übersetzen und in den Ippon-Formen zu üben.

Um eine kata zu meistern, ist jedoch der Weg durch das gesamte bunkai notwendig. Jede kata hat ihre eigenen Methoden, einen Angreifer zu besiegen, und erst wenn man diese im Zusammenhang mit ihren vielfältigen anderen Aspekten verstanden hat, kann man von einem höheren Kataverständnis sprechen. Die Form der kata ist vergleichbar mit einem unausgefüllten Kreuzworträtsel, nur dass die Inhalte viel tiefer versteckt sind. Man muss sich viele Jahre lang bemühen, um die Lösungen zu finden. Der Weg () des karate vollzieht sich in der anhaltenden Suche nach Tiefe, in der Hingabe an das Ideal, und oft dauert es sehr lange, bis man dies wirklich versteht.

Manchmal hört man, dass sich ein höheres Niveau mit dem Beherrschen mehrerer Kata-Abläufe beweisen soll. Sicherlich ist für den Meister, der die kata wirklich studiert, auch die neue Form von Wert, doch dieses kann man nicht auf jene übertragen, die nur an der Form interessiert sind. Für manche führt der Weg zum Fortschritt über 25 Formen direkt zur unsu, und wer diese erreicht, gilt als Experte. Dies ist naiv und zeugt von einem schlechten Kampfkunstverständnis. In den kata gibt es keine Rangordnungen, ebensowenig wie derjenige, der 25 Kata-Abläufe kennt oder eine Meisterschaft gewonnen hat, ein Meister sein muss. Die alten okinawanischen Meister beschäftigten sich im Schnitt mit drei bis fünf Kata ein ganzes Leben lang und haben nie eine Meisterschaft gewonnen. Entscheidend für den Fortschritt im budō ist nicht die Quantität, sondern die Qualität der Übung.

Wenn in den modernen dōjō überhaupt Kata-Anwendungen geübt werden, sind es bestenfalls die elementaren Grundformen. Das jiy-kumite baut nicht darauf auf, sondern wird parallell dazu in eigener Version geübt und beachtet keine der traditionellen Kata-Grundlagen. Unter kumite versteht man daher lediglich die vom traditionellen budō abgesplitterte Variante des Wettbewerbs. Eine Beziehung zwischen diesem kumite und der kata gibt es nur in sehr wenigen dōjō. Die Überbetonung der Jiyu-Formen entwickelte in den letzten Jahren eine Kampfauffassung, die für die Selbstverteidigung weitgehend untauglich ist. Zwischen dem modernen jiy-kumite und dem Kampfstil einer kata gibt es einen grundlegenden Unterschied, den zu verstehen eine wichtige Aufgabe des Fortgeschrittenen sein sollte.

Doch in der Bemühung um tiefgreifendere Katainhalte reichen technische Experimente allein nicht aus, denn sie enthalten die Gefahr, im Vorurteil zu enden. Jeder, der es mit ausreichender Selbskritik auf diese Weise versucht hat, weiß um die weiten aber vergeblichen Wege, die hier gegangen werden können. Der Weg zur kata führt über das Studium ihrer Tradition und über die Perfektion der eigenen Haltung (shisei). Diese in Verbindung mit der hingebungsvollen Suche nach Tiefe in der Technik liefert den Schlüssel zur wahren kata, denn aus der rechten Haltung erwächst eine innere Kontrollinstanz für den eigenen Weg. Die kata ist ein Objekt des Studiums und keine Kür, die man benoten kann.

Die kämpferische Botschaft einer kata lehrt Angriffen aller Art richtig zu begegnen und durch entsprechende Abwehren oder Konter auf die gegnerischen Vitalpunkte den Kampf auf dem schnellsten und einfachsten Weg zu beenden. Darin miteinbegriffen sind nicht nur die technischen Methoden, sondern viele psychologische und physiologische Kampfkunstgrundlagen, die im einzelnen nicht erklärbar, aber in der Unterrichtsweise eines erfahrenen Meisters „zwischen den Zeilen“ enthalten sind. Manche Bewegungen der kata sind dazu gedacht, die eigenen Energiezentren zu stimulieren und die psychischen Grundstrukturen zu stabilisieren. Durch viele Übungen, die für den Uneingeweihten unsichtbar sind und ihm daher nutzlos erscheinen, lehrt die kata durch Atemkoordination und Energiekontrolle gegnerische Schläge zu neutralisieren, sich selbst in einem perfekten körperlichen und seelischen Gleichgewicht zu erhalten und durch geistiges Training Problemsituationen beherrschen zu lernen. Die körperliche Technik, die über die kata für die Selbstverteidigung ausgebildet wird, unterscheidet sich sehr von der Technik des jiyu-kumite. Sie erfordert kürzere Distanzen, eine hochpefektionierte Kraftübertragung und eine stärkere Verbundenheit mit dem Stand. In ihr ist ein Studium der Entwicklung, der Konzentration und der Art der Energie nötig, denn diese ist von dem kime, das in den Techniken des jiy-kumite verwendet wird, sehr verschieden.

Kata üben heißt nicht nur ihre Form zu wiederholen. Kata üben heißt, das Wesen der Kampfkünste zu studieren. Man kann die Formen vieler kata üben, doch um nur eine einzige in der Tiefe zu perfektionieren, braucht man ein ganzes Leben. Jede kata ist ein in sich abgeschlossener Kampfstil, d.h. jede kata ist ein System - eine eigene Schule. Wenn in den modernen Karatestilen viele kata enthalten sind, bedeutet das nicht, dass Fortschritt darin besteht, sie alle zu lernen. Eine größere Anzahl von kata bietet durch die Vielfalt ihrer Formen wohl erweiterte Möglichkeiten, doch allein die Formen zu kennen, ist kein Fortschritt. Die vielen kata in den Stilen dienen ihrer Erhaltung und Überlieferung, doch Tiefe in der Kampfkunst erreicht nur jener, der sich auf wenige konzentriert.

Die kata ist ein durchs ganze Leben begleitender Lehrer. Dies kann sie aber nur dann, wenn der Übende ihr mit der richtigen Haltung begegnet. Doch die Haltung ist keine Angelegenheit des körperlichen Trainings allein, sondern eine Sache der Bekenntnis zum Weg (), in der die dōjōkun, die Lehrer/Schüler Beziehung (shitei) und die gesamte psychologische Grundlagenstruktur des budō ausschlaggebend sind. Dieser wesentliche Teil der Kampfkunstübung wird häufig übersehen, und daher führt die Übung der kata statt zur Freiheit manchmal in die Gefangenheit ihrer Form. Das, was den Fortgeschrittenen vom Anfänger wirklich unterscheidet, sind nicht die gewonnen Wettbewerbe und nicht die Anzahl der gelernten Kata-Abläufe, sondern die sich heranbildende Perfektion im Umgang mit sich selbst. Diese hängt nicht von den Formen, sondern von der inneren Haltung (shisei) ab.

Die kata ist ein Weg zur Vollkommenheit. Sie hat einen eigenen Geist, der aber von jenem nicht erkannt werden kann, der nichts anderes als ihre Form im Auge hat. Jedes darüber hinausgehende Verständnis erfordert die Perfektion der inneren Haltung. Diese anzustreben, ist die wichtigste Aufgabe jedes Budō-Übenden. Bloße Formen gibt es in allen Wegkünsten, doch keine von ihnen hat einen Wert, wenn der Übende ihr keinen Inhalt und sich keinen Sinn gibt. Ohne Sinn und Inhalt bleibt nur die Jagd nach neuen Formen. Die Kampfkünste enthalten viele Aspekte, doch ein Schritt über die Form hinaus ist nur auf dem Weg () möglich. Die kata kann auf den Weg führen, doch sie tut es nicht als Form, sondern als Ideal. Das Ideal zu erkennen und ihm selbstlos zu dienen, ist der Weg der Kampfkünste.

Entschlüsselung der Stilstrukturen

Die Übersetzung und Perfektionierung der Kata-Methode, sowohl vom technischen, psychologischen und therapeutischen Standpunkt aus gesehen, unterliegt in allen klassischen Schulen strengster Geheimhaltung. Die meisten der modernen Schulen haben daher überhaupt kein kataorientiertes Unterrichtssystem, sondern entwickeln neben den formalen Kata-Übungen ein eigenes Stilkonzept. In den alten Schulen wurden die Ausbildungkonzepte immer aus den kata abgeleitet. Die Methoden, wie dies zu geschehen hatte, waren geheim und nicht selten in Mandala (geometrische Bildkonstruktionen) verschlüsselt oder sind als densho (verschlüsselte Geheimdokumente) überliefert worden. Dies sind Papierrollen (makimono), die für den Uneingeweihten Symbole oder nicht entschlüsselbare Texte enthalten. In vielen Stilen gibt es noch heute solche makimono, von denen einige sogar öffentlich bekannt sind, aber der Schlüssel zu ihrer Übersetzung liegt in den Händen der Großmeister.

Was in den traditionellen Schulen als „geheimes Ausbildungssystem“ gilt, darf nicht mit dem modernen Trainingskonzept der Wettkampfausbildung verwechselt werden. In den klassischen Stilen gibt es eine esoterische Hintergrundstruktur, die das „ Wie“, „Wann“ und „Warum“ aller Einzelkomponenten in der Weg-Ausbildung definiert. Die Techniken können durchaus bekannt sein, ohne dass aber der Zusammenhang, der verschlüsselt in der kata liegt, sichtbar wird. Solche Zusammenhänge werden in allen klassischen Schulen vor der Öffentlichkeit geschützt. Selbst wenn das Technik-System des Stils in die Öffentlichkeit gelangt (was sehr selten passiert), bleibt immer noch das unlösbare Problem, wie sich der Gesamtkomplex der vielen Hintergründigkeiten in der praktischen Übung zusammensetzt. Auf welche Weise z.B fließt der esoterische oder psychologische Aspekt, ohne den kein Wegfortschritt () möglich ist, in die Ausbildung ein, mit welchen technischen Strukturen kommuniziert er und wo bewirkt er was?

Solche Konzepte wurden allesamt auf den Uchi-Linien (innere Linien) der Stile von Meister zu Schüler vererbt oder auf neu entstandenen Soto-Linien (äußeren Linien) von einem besonders fähigen Experten gegründet. Sie sind nach wie vor die Essenz aller klassischen Systeme, durch die die Wegausbildung () gewährleistet wird. Die Meisterschaft eines Stilkomplexes ist nur auf dem Weg () möglich und nicht identisch mit dem ausschließlichen Training der Technik. Im Laufe der Kampfkunstgeschichte sind viele großartige Stile mit ihrem Meister gestorben, weil der Meister keinen würdigen Nachfolger unter seinen Schülern fand und deshalb die hintergründige Stilzusammensetzung nicht preisgab. Selbst die fortgeschrittensten Schüler, die viele Jahre unter seiner Anleitung geübt hatten, waren nicht in der Lage, den Stil zu definieren. In solchen Fällen verflachte der Stil in der Oberflächlichkeit und veränderte sich zu einem reinen Formsystem.

Die Überlieferung der Stilerbschaften geschah immer auf einem geradlinigen System der Weitergabe vom Meister zum Schüler. Viele Stile haben sich auf diese Weise über Jahrhunderte auf einer geraden Linie vererbt. Diese Linie nannte man Uchi-Linie (innere Linie), während der offizielle Erbe uchi-deshi (innerer Schüler) hieß. Nur selten gelang es einem soto-deshi (äußerer Schüler) ein gleichwertiges Konzept zu gründen. Doch wo dies geschah, entstand ein neuer Stil mit einer eigenen Uchi-Linie.

Alle traditionellen Lehren bestehen aus einer dreiteiligen Methode, in der waza (die technischen und taktischen Verfahren), shin (Schulung des Geistes, der inneren Haltung und der Selbsterkenntnis) und ki (Kontrolle der vitalen Energie, Vitalpunktlehre, Therapie und Gesundheitslehre) miteinander verbunden sind und sich bildlich als ein überdimensionales Liniennetz darstellen. Darin ist jede einzelne Linie genau determiniert. Wurde diese Struktur nicht in vollem Umfang auf einen Nachfolger übertragen (menkyo-kaiden - Zeugnis vom Meister), bewirkte der Mangel an Wissen über die Bedeutung und den Zusammenhang der einzelnen Komponente entweder das Ableben des Stils oder seine Neustrukturierung durch einen besonders fähigen Meister der Soto-Linie. Gegenwärtig praktizieren die meisten Stile eine marktorientierte Verbreitungspolitik und arbeiten auf zwei Ebenen: auf einer stilspezifisch korrekten, die im engsten Kreis um den Stilvorstand existiert und auf einer oberflächlich massenorientierten, die mit den wahren Inhalten des Stils überhaupt nichts zu tun hat.

Dem in der Tafel dargestellten Technik-System (waza) fehlen die netzartigen Verbindungslinien zwischen den Teilen, die die gegenseitigen Abhängigkeiten ausweisen und die Zuordnung der darin verwendeten Termini zu den spezifischen Übungen. Hinzu kommen noch die Systeme shin (Geist) und ki (Energie), die in sich erneut strukturiert sind und miteinander kommunizieren. Es lässt sich jedoch unschwer erkennen, wie vielschichtig die Übungskomplexe der klassischen Schulen waren und noch sind und wie wertvoll jene Makimono waren, die ein solches System entschlüsselten.

Aber man darf nicht vergessen, dass die kata der Systeme selbst den Code enthalten, der die innere Struktur einer Schule jederzeit preisgeben kann. Daher ist es verständlich, dass sie bis zur Unkenntlichkeit verschlüsselt wurden und dass es einen enormen Aufwand an Arbeit kostete, sie zu übersetzen. Doch die Geschichte der Kampfkünste weist viele Fälle auf, wo dies geschah. Auf allen bedeutenden Soto-Linien entstanden neue Stilkomplexe, die den alten oft jahrhundertealten Uchi-Systemen gleichziehen konnten. Chojun Miyagi gründete als soto-deshi von Meister Higashionna das goju ryū, Yasutsune Itosu beeinflußte als soto-deshi von Matsumura das gesamte okinawanische shuri-te und Kenwa Mabuni, ebenfalls ein soto-deshi, gründete das shito-ryū. Diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen.

Jeder klassische Stil besteht aus einer lückenlosen Konstruktion von übereinandergeschichteten Bausteinen, die immer in der Reihenfolge waza, shin, ki angeordnet sind und jeweils eigene Verfahren enthalten, die sich bis hin zur Meisterschaft ineinanderfügen. Wird ein Baustein entfernt, gerät der Komplex ins Wanken. Jede unscheinbare Kleinigkeit in diesem Komplex hat ihre Bedeutung und wenn sie aus Unwissenheit verändert oder nicht beachtet wird, gefährdet sie die Kettenreaktion der Entwicklungen zur Meisterschaft. Meisterschaft in einem klassischen Stil wird nie allein am Technik-System gemessen, sondern am Fortschritt auf dem Weg ().

Das Lehrbuch der Kampfkunstnormative dafür war immer die kata. Aus diesem Grund die Empfehlung aller Meister, die kata unverändert und unverfälscht zu üben. Sie birgt die Erfahrung von Jahrtausenden in sich und kann dort, wo ein Übender sich gewissenhaft in ihre Tiefe konzentriert, große Weisheit vermitteln. Doch um daran teihaben zu dürfen, verlangt sie die volle Bekenntnis, denn nach der Überzeugung der alten Meister „ beginnt die kata erst zu flüstern, dann spricht sie leise und erst am Ende lässt sie ihre verborgene Stimme ganz ertönen“.

Gokuhi - die geheime Lehre

Hauptartikel: Gokuhi

Den Begriff gokuhi übersetzt man mit „strenges (goku) Geheimnis (hi)“. In den Kampfkünsten steht der Begriff für die oben erwähnte hintergründige Lehre, die dem Übenden - wenn er die Kampfkünste als Weg () übt - mit der Hilfe eines Meisters, zugänglich werden kann. Diese Geheimnise wurden nur innerhalb persönlicher Vertrauensbeziehungen vom Meister auf den Schüler überliefert. Daher nennt man sie auch noch hiden (überlieferte Geheimnisse).

In den okinawanischen Kampfkünsten ist die kata der Bewahrer dieser Geheimnisse und enthält die verschlüsselten gokuhi in ihrer inneren Struktur. Die kata zu verstehen, ist deshalb ein Prozess, der viele Jahre - oft das ganze Leben dauert. Die Schüler müssen die kata stetig wiederholen, unter verschiedenen Gesichtspunkten studieren (bunkai) und in ihre Tiefe forschen. Doch das Wichtigste ist, dass sie nicht nur die Techniken (waza), sondern auch ihren Geist (shin) und ihre Energie (ki) üben. Nur dann können sie erfahren, in welche Bereiche sich eine solche Übung entwickeln kann.

Der Weg des budō enthält nach alter Tradition zwei Etappen:

  1. Omote - die grundlegende Ausbildung in der offensichtlichen Technik, zu der jeder Schüler Zugang hat, der ins Training geht.
  2. Okuden - der hintergründigen Aspekte der versteckt überlieferten Verfahren für Geist und Energie, zu dem nur jene Schüler Zugang haben, die in einer budomäßigen Lehrer/Schüler Beziehung (shitei) stehen.

Die Stufe der Meisterschaft. Diese Stufen nennt man auch noch shu (das System befolgen), ha (das System zerreißen) ri (sich vom System trennen). Jede Schule, der ein wirklicher Meister vorsteht, hat über die körperlichen Trainingsverfahren (omote) hinaus auch ihre Hintergründe (okuden), in denen jene Schüler ausgebildet werden, die in einem Vertrauensverhältnis zum Meister stehen und die in ihrer Haltung bereit sind, die Wegmeisterschaft anzuzielen. Über die Ausbildungsysteme dieser Stufe (erst die Ha-Stufe wird als „Weganfang“ bezeichnet) wurde von den Meister der Vergangenheit manchmal auch schriftliche Anleitungen (densho) überliefert.

Diese Anleitungen sind, wie weiter oben beschrieben, Geheimdokumente über komplexe Ausbildungsverfahren, genauer gesagt über die hintergründige Zusammensetzung des Stilkomplexes, die nötig zu verstehen ist, um einen Schüler zur Meisterschaft zu führen. Sie wurden in den Familien der Meister aufbewahrt und von Generation zu Generation weitervererbt. Diese „geheimen Anleitungen“ wurden, ähnlich der kata, in verschlüsselter Form aufgeschrieben (densho) oder aufgezeichnet (mandala), so dass sie vor Missbrauch geschützt waren. Die isolierten Techniken (omote) werden auch heute in allen dōjō der Welt unterrichtet, die Zusammenhänge (okuden) aber hängen von der persönlichen Beziehung des Schülers zum Meister ab.

Diese Stufe (ha) ist erst möglich, wenn die Körpertechnik (shosa) in einem ausreichenden Maß gemeistert ist und ein persönliches Vertrauensverhältnis (shitei) zum Meister zustandekommt, durch das die Lehre übertragen werden kann. Erst hier beginnt der Übende die psychologische Struktur des budō durch seine innere Haltung zu erfahren, was etwas vollkommen anderes ist als das Training der bloßen Technik.

Die Grundvoraussetzung zu diesem Niveau besteht in der Perfektion der inneren Haltung. Die gokuhi sind keine geheimen Tricks, durch die man lernt, einen Gegner zu besiegen. Sie beruhen fast ausschließlich auf der Kontrolle der inneren Haltung, die in einem langjährigen Prozeß durch den Lehrer beständig korrigiert werden muss. Das Erreichen der rechten inneren Haltung ermöglicht letztendlich den Schritt zu den „Geheimnissen“ der Kampfkunst.

Wenn die Kampfkünste auch darauf abzielen, die individuelle Persönlichkeit zu entwickeln, hängt der Weg zur Meisterschaft doch von der Zuerkenntnis des Einzelnen zum Kampfkunstideal ab. Durch die Übung verschiedener Tugenden, wie Respekt, Loyalität, Zuverlässigkeit, Hingabe, Bekenntnis u.a. beweist der Schüler seine rechte Haltung. Zu allen Zeiten und in allen Stilen mussten sich jene Übende, die den Weg zur Meisterschaft gehen wollten, vor allem vom Egoismus, von der Überheblichkeit und von der Selbstdarstellung befreien. Erst im Zustand des reinen Geistes konnten sie sich einer forgeschrittenen Übungsgemeinschaft anschließen und in ihr wachsen.

Das Schwierige am Beschreiten dieses Weges ist die Unfähigkeit vieler Schüler zu erkennen, welch große Bedeutung die innere Haltung in den Kampfkünsten hat. Mit einer schwachen Haltung ist kein Fortschritt möglich, gleich wie sehr man sich um die Technik bemüht. Um ein höheres Kampfkunstniveau zu erreichen, braucht der Schüler ein ausreichendes inneres Potenzial und einen Meister, der ihn über viele Jahre hinweg zu führen bereit ist. Die traditionellen Meister ließen sich auf ein solches Beziehungsverhältnis erst dann ein, wenn der Schüler in der Lage war, die Bedingungen der Lehrer/Schüler Beziehung zu erfüllen: Verantwortung (giri), Eifer (nesshin) und Lernbereitschaft (jitoku).

Die gokuhi der Kampfkünste liegen im psychologischen Bereich und erfordern ein hohes Maß an inneren Fähigkeiten. Sie sind nicht „lehrbar“ im herkömmlichen Sinn und hängen intensiv mit der Bereitschaft des Schülers, in sein eigenes Selbst zu sehen, zusammen. Um diesen Weg zu gehen, bedarf es eines echten Schülers und eines echten Meisters. Beide sind nur selten zu finden.

Die ersten Anleitungen zu den gokuhi gibt es (in den klassischen Schulen) bereits in den Trainingen für Anfänger. Doch sie müssen vom Schüler erkannt und wahrgenommen werden, damit sie in langjähriger Übung auf seine Haltung wirken können. Der Übende muss sich durch Bekenntnis zum Kampfkunstideal für einen solchen Weg in seinem Inneren vorbereiten und in seinem Verhalten bewähren. Das Ideal vor das Ich zu stellen, ist hierfür die beste Übung.

Die Fähigkeit, die gokuhi sehen zu können, liegt in der Bekenntnis zur rechten Haltung (shisei). Die meisten modernen Schüler aber versuchen es mit dem „kritischen Geist“. Aus diesem Grund gibt es in den Kampfkünsten so wenig wirkliche Meister. Dem Anspruch der meisten Menschen „mit dem Kopf zu verstehen“ können die Kampfkünste nicht gerecht werden. Aus diesem Grund kann man auch über die gokuhi nicht sprechen. Selbst wenn dies unsere Absicht wäre, würde niemand, der nicht selbst auf dem Weg ist, es verstehen. Wir müssten über die Technik des Handauflegens zur Heilung des Kranken sprechen und würden damit den Eindruck erwecken, dass es in den Kampfkünsten irgendetwas Übernatürliches gibt. Doch in den Kampfkünsten gibt es nur den Weg () und dieser besteht aus der Übung von waza (Technik), shin (Geist) und ki (Energie). Jeder Schritt kostet Arbeit, Überwindung und Hingabe.

Kämpferische Aspekte

Hauptartikel: Ōyō

Bevor wir dieses Thema erläutern, muss erwähnt werden, dass alle Aspekte im Grunde genommen nicht einzeln zu betrachten sind, sondern voneinander abhängen und sich gegenseitig bedingen. Das heißt, dass der kämpferische Aspekt einer kata nicht getrennt von der vitalen Energie (ki) oder der inneren Haltung (shisei) gesehen werden kann. Erst aus der Einheit aller entsteht Fortschritt. Den kämpferischen Aspekt nur aufgrund der Entschlüsselung der technischen Methoden ableiten zu wollen, würde daher den Sinn der kata verfehlen. Aus der Lehre über die Vitalpunktstimulationen und aus der Psychologie der kata fließen wichtige Erfahrungen mit ein, die für das umfassende Verständnis der kata unerlässlich sind.

Unsere Erläuterungen über dieses Thema erfordern gezwungenermaßen eine lineare Betrachtungsweise und behandeln die einzelnen Aspekte so, als würden sie getrennt existieren. Doch in Wirklichkeit gibt es keinen einzigen Aspekt, der nicht von der Gesamtheit dessen, was kata ist, abhängt. Gute Lehrer betonen diesen Gesamtaspekt der kata immer wieder und vergessen dabei vor allem nicht, ihre Schüler auf das Ideal hinzuweisen, denn der Weg der kata ist ohne Liebe zum Ideal nicht nachvollziehbar.

Der Weg der kata ist daher kein anderer, als jeder Weg zum Ideal. Die Voraussetzungen dazu sind im Lern- und Lehrprozess des budō enthalten, der sich über viele Jahre erstreckt und schließlich zur Meisterschaft des Budo führen kann, wenn der Fortschritt in der inneren Haltung und der Fortschritt in der äußeren Form in einem gleichen Maß beachtet wird. Obwohl diese sich gegenseitig bedingenden Zusammenhänge sich dem logischen Bewusstsein wie ein überdimensionales Netz präsentieren, möchten wir darin einige grundlegende Linien, die dem Verständnis der traditionellen kata dienen können, sichtbar machen.

Jede kata ist ein in sich abgeschlossener Kampfstil. Manche von ihnen führen über ein Jahrtausend in eine Urform zurück, die sich durch die Zeiten in ihrem Grundkonzept erhalten und durch die Beiträge tausender von Kampfkunstexperten verbessert hat. Der Meister brachte sie dem Schüler bei und dieser wiederum seinem Schüler. Jeder dieser Kampfkunstexperten hatte seine eigene Vorstellung vom Kämpfen und verschlüsselte sie in der kata. Was in der Realität untauglich war, wurde nicht überliefert, denn es ging nicht um Formen, sondern ums Überleben. Die Zeit wirkte wie ein Sieb und brachte nur vielfach bewährte Experimente in unsere Gegenwart, die aber als Formen verschlüsselt sind und uns den Zugang zu ihrer Bedeutung nur mit Bedingungen an unsere innere Haltung erlauben.

Der hauptsächliche Grund, warum dem heutigen Schüler das Verständnis der Kata-Methode so schwerfällt, ist eine gesellschaftsbedingte innere Ablehnung gegenüber einem zum Dienen auffordernden Ideal, ohne das kein einziger Schritt auf dem Weg () möglich ist. Das Denken der meisten Schüler ist in einer konsumorientierten Oberflächlichkeit gefangen, in der sie der reinen Technik und sich selbst eine zu große Bedeutung beimessen und nicht bereit sind, ihre innere Haltung zu betrachten. Daraus entsteht auch die aus dem Blickpunkt der Tradition gesehen falsche Kampfkunstmentalität. In den modernen dōjō werden keine Budō-Schüler, sondern Wettkämpfer ausgebildet, die lernen, dass ein Punktesieg über einen Gegner ein großes Ziel ist. Meister Funakoshi sagt in einem seiner Leitsätze: „Denke nicht darüber nach, wie du siegst, sondern konzentriere dich darauf, dass du nicht verlierst.“ Dies mag für den Wettkämpfer dasselbe sein, doch für einen Budō-Schüler ist es der Leitgedanke des Kämpfens schlechthin. In einem echten Kampf gibt es keinen Sieger auf dem zweiten Platz. Das höchste Prinzip des Kämpfens dort ist das Überleben, nicht das Kämpfen ums Gewinnen. Im Budō-Prinzip ist die Überwindung der menschlichen Tendenz zum Kämpfen, durch Korrekturen in der inneren Haltung (karate ni sente nashi) enthalten, also das Gegenteil von jener Tendenz, die in den Wettbewerbsrichtungen angestrebt wird. Die letztendliche Fähigkeit zum Kampf ist in den beiden Richtungen auf sehr verschiedenen inneren Haltungen aufgebaut.

Jenseits aller Spekulationen, ob die menschliche Tendenz zum Kämpfen durch Ausreizen oder Überwinden gezügelt werden muss (neuerdings behaupten einige, der moderne Mensch müsse, im Gegensatz zu bisher, seine Agressionen abreagieren und nicht überwinden), gibt es in der Wirklichkeit keine Sieger-Rangordnungen. Weder im Krieg zwischen Völkern noch in der persönlichen Selbstverteidigung ist dies der Fall. Nun lehren die traditionellen Kampfkünste aber keine Methoden, mit denen man jemanden besiegt, sondern sie lehren in erster Linie die Alternative zum Kämpfen und in zweiter Linie die Mittel, sich zu verteidigen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Dies ist etwas vollkommen anderes als das, was man in manchen dōjō heute sieht und hört. Wer die Kampfkünste dazu missbraucht, zu lehren, wie man in Auseinandersetzungen Erster wird, statt zu unterrichten, wie man seinen Geist diszipliniert, um Auseinandersetzungen zu vermeiden, ist eine Gefahr für den Frieden und sollte als Budō-Lehrer ignoriert werden.

Was die traditionelle kata lehrt, kann daher nicht mit dem verglichen werden, was auf Wettkämpfen geschieht. Die Kampfkünste waren nie zu dem Zweck gedacht, einen Gegner nach Punkten zu besiegen, sondern um die Tendenz zum Kämpfen durch Disziplinierung des Selbst zu überwinden. Wenn aber der Kampf unvermeidbar ist, lehren die Kampfkünste, einen Angreifer in kürzester Zeit unschädlich zu machen.

Daher ist das kämpferische Grundkonzept der kata sicher kein Nährboden für die Verbesserung der Wirkungen im Wettkampf. Deshalb darf man der kata dann, wenn man sie verstehen will, nicht mit dem Geist des Wettkämpfers begegnen. Vielmehr ist es notwendig, den Weg () des budō zu beachten, denn dieser unterscheidet sich grundlegend von den modernen Methoden des Sporttreibens.

  • Wirkung der Technik. Die Kampfkünste sind nicht als Sport gedacht, sondern als Selbstverteidigungsmethode im Ernstfall. Außerhalb der Wettkämpfe gibt es keinen Kampf um Punkte, sondern der Gegner meint es ernst und ist häufig bewaffnet. In einem Kampf auf Leben und Tod ist es unwichtig, wer nach Punkten führt. Aufs Überleben bedacht, übten die alten Kampfkunstexperten daher nicht die virtuose Technik, sondern die Wirkung. Durch jahrelanges Training waren sie schließlich in der Lage, in den Einzeltechniken eine ungeheure zerstörerische Kraft (kime) zu entwickeln, die in allen karatemäßigen Selbstverteidigungsmethoden der eigentliche Kernpunkt des Kämpfens ist. Dieses Prinzip im Training anzustreben, ist etwas vollkommen anderes als die Übung technischer und taktischer Fertigkeiten.

Die körperliche Methode, durch die eine Technik zur Wirkung gebracht werden kann, setzt auch innere Stärke voraus. Sie liegt in der Disziplin und Stetigkeit einer langjährigen Übung der grundlegenden einfachen Techniken (kiso-kihon). Die Grundlagen des kime liegen in einer sich heranbildenden Fähigkeit, durch die schließlich die gesamten physischen und psychischen Kräfte in einem Punkt konzentriert werden können. Dies erfordert ein vollkommen anderes Denken als im Sport, wo viel zu früh die Freiheit in den Kampfübungen gesucht wird, statt die Feinheiten (kakuchi) der Grundtechniken zu meistern. Das kime einer Karatetechnik ist das Thema eines langjährigen Studiums, das sich nicht im Jiy-kumite lösen lässt. Die in den Kata üblichen bodenverankerten Stände, die das kime der zumeist kurzen Technik nicht aus den Muskeln, sondern aus einer Kombination zwischen Geist und Körper beziehen (ki), sind nur ein Teil von den enormen Möglichkeiten der Kimeentwicklung im traditionellen budō.

Entgegen der herkömmlichen Meinung, dass Kopftreffer die größere Wirkung hätten, lehren die Kampfkünste zum größten Teil den Körpertreffer. Dies hat seinen Grund in den Vitalpunktstimulationen, die am menschlichen Körper möglich sind. Doch diese Technik erfordert ein langjähriges Studium des Verhältnisses zwischen Angriffskraft, Auftreffläche, Timing und Distanz. Das Verwenden von „Schockkime“ mit seiken (Vorderfaust) ist nicht die einzige, sondern nur eine der vielen Möglichkeiten, die es im karate gibt. Jeder Übende, der schon einmal versucht hat, einen Experten in der Neutralisation gegnerischer Treffer mit Schockkime auf den Bauch zu schlagen, konnte feststellen, dass dieses wenig Wirkung hat. Noch schwieriger wird es, wenn sich dieser Gegner im Abwehrverhalten bewegt. Einen Gegner nach Punkten zu besiegen, ist etwas anderes als eine entscheidende Technik in der Selbstverteidigung. Das Meistern des kime erfordert einen Blick in den eigenen inneren Zusammenhang, eine Übung, die die formelle Technik weit übersteigt.

  • Neutralisation gegnerischer Angriffe. Der nächste wichtige Punkt der traditionellen Kampfkünste ist es, durch spezifische Übungen eine Fähigkeit zu entwickeln, durch die gegnerische Treffer schadlos hingenommen werden können. Auch dies ist ein schwierig zu erläuterndes Thema, das nicht damit abgetan ist, dass man im Training lernt, gegnerische Fauststöße auf den Bauch abzufangen. Jeder Kampfkunstexperte der Vergangenheit konnte davon ausgehen, dass das Training des Gegners ebenso wie sein eigenes darin bestand, tödliche Treffer (ikken hissatsu) durch Vitalpunktstimulationen zu entwickeln, und die Neutralisation solcher Techniken ist nicht allein durch Muskelanspannungen möglich.

In der Vergangenheit wurden vituose Techniker mit wirbelnden Fußtritten, aber unfähig zur entscheidenden Technik, nicht zu den Kampfkunstexperten gezählt, denn sie waren keine ernstzunehmenden Gegner. Wenn ein Angreifer seinen Gegner zwar oft, aber nicht entscheidend treffen kann, kann er den Kampf gegen einen Experten in der Neutralisation nicht gewinnen. Die kata lehrt eine Methode der Neutralisation gegnerischer Angriffe, während durch die Kombination mehrerer physiologischer und psychologischer Momente eine Entscheidung durch kime herbeigeführt wird.

Über dieses Neutralisieren kann ebenso wie über das kime viel gesagt werden. Der Körper spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die Grundbedingung dafür ist eine durch jahrelange Übung möglich werdende Koordination der eigenen vitalen Energie (ki), ein Gleichgewichthalten zwischen aktiv und passiv im inneren Kräftehaushalt und eine durch geistige Konzentration (zanshin) und Atmung (koky) möglich werdende Isolation des getroffenen Körperpunktes, wodurch eine Kettenreaktion der Wirkungen im Körper verhindert wird. Viele Karatetechniken zielen auf Vitalpunkte und stören durch eine sich fortpflanzende Wirkung einen inneren Kreislauf. In den Kampfkünsten gibt es Methoden (kuatsu), solche Wirkungen durch die Mobilisation innerer Kräfte zu neutralisieren und durch Gegenmaßnahmen auszugleichen. Dies ist Teil der esoterischen Wissenschaft in den Kampfkünsten und konkreter Bestandteil der Kata-Übung. Er liegt zumeist in der physiologischen und psychologischen Beschaffenheit der Zwischenbewegungen (kamaekata), deren Bedeutung darin besteht, ein Gleichgewicht zur Aktivität zu schaffen, das sich nach innen übertragen und kontrollieren lässt.

Der Versuch, die Esoterik der Kampfkünste auf logischer Ebene sichtbar zu machen und ihre Maßstäbe und Bedingungen zu einem objektiven Verstehen zusammenzutragen, ist aussichtslos und soll auch hier nicht unternommen werden. Der Zweck unserer Ausführungen in diesem Bereich liegt nicht in der Bemühung, einen wissenschaftlich nachweisbaren Kernpunkt zu treffen, da sich dieser in Anbetracht einer Angelegenheit, die keine objektive Betrachtungsweise erlaubt, gar nicht treffen läßt. Vielmehr soll sichtbar werden, dass es den esoterischen Hintergrund der kata gibt und dass sie selbst weit mehr ist als reine Formperfektion.

  • Kontrolle des Geistes. Auch dieser bedeutende Aspekt des Kata-Übens kann hier nur unzulänglich beschrieben werden, weil der Einfluss der Kampfkünste auf den Geist (und umgekehrt) sich auf einen enormen Umfang erstreckt. Aus dem Blickpunkt der Selbstverteidigung lassen sich dennoch einige Schwerpunkte herausgreifen, die in der kata hintergründig versteckt sind und oft in der Übung der Form untergehen.

Seit der Entstehung der Kampfkünste ist all jenen, die sich in einer Kampftechnik üben, bekannt, dass in einer Ernstfallsituation die höchstperfektionierteste Technik versagt, wenn der Geist die Situation nicht beherrscht, weil er Gefühlen, Vorstellungen oder Wünschen preisgegeben ist. Nicht nur bezogen auf die Handlungsweise ist der unkontrollierte Geist eine Gefahr, sondern die Entwicklung der enormen Wirkungskraft einer Karatetechnik, die - wie wir gesehen haben - keineswegs allein über eine gute Muskelarbeit möglich ist, erfordert einen hochgrädig disziplinierten Geist, da jede innere Fehlhaltung die Entwicklung und Koordination der vitalen Kraft (ki) verhindern würde. Die Körperprinzipien (waza) der Selbstverteidigung (goshin) werden in allen Kampfkünsten auf den Geistesprinzipien (shin) aufgebaut, wohlwissend, dass jede Fähigkeit, die ohne Geisteskontrolle erarbeitet wird, bestenfalls im Spiel, aber nie im Ernstfall abrufbar ist.

Seit Anbeginn der Kampfkunstgeschichte wird das System der kata als Methode zur Disziplinierung des Geistes verwendet. Dem Anspruch des modernen Kampfkunstübenden entgegen, der die Verantwortung für seine Übungsmotivation häufig auf den Lehrer schiebt, wird in den traditionellen Kampfkünsten diese oberflächliche Haltung mit dem strengen System der kata durchbrochen, um jenseits ihrer auf die innere Grundbeschaffenheit des Schülers zu stoßen und dort eine Fähigkeit zu entwickeln, die den Weg der geistigen Disziplin zu gehen erlaubt. Die richtig verwendete kata zwingt zur Genügsamkeit, zur Überwindung des Ich und zur Verbeugung vor dem Ideal. Sie erlaubt dem Übenden nicht die vom Ich beabsichtigte Freiheit im Konsumieren (auch die Übung des budō kann ein Konsumieren sein) und enthält auch nicht das zum Modebegriff gewordene „Spaßhaben“, mit dem manche Dōjō-Vorstände ihre Mitglieder werben. Die richtige kata ist erstmals streng, zwingend und unbeugsam. Sie erzieht zur psychischen Stabilität in der inneren Grundstruktur und nicht zum Freisein im Missverständnis.

Alle Wegkünste erstreben die Disziplin des Geistes auf einem hohen Niveau. Sie erziehen mit Strenge und nicht, wie manche glauben, durch ein esoterisches Wunder, das sich schon im bloßen Dabeisein erfüllt. Sie berufen sich auf ein jahrtausendealtes System der Selbstperfektion, in dem die Verbeugung vor dem Ideal, die Strenge gegen das eigene Ich und die Achtung vor dem Sinn im Zentrum der Übung stehen. Sie fordern jeden Übenden dazu auf, dem Ideal zu dienen. Der ewig junge Traum der Menschen von unbesiegbarer Stärke ist nicht durch „Spaßhaben“ und unverbindlichem Dabeisein zu erreichen, sondern eben nur durch Arbeit an sich selbst.

  • Perfektion der Technik. Jede kata enthält ihre eigenen Methoden. Diese sind aber in der Form verschlüsselt, und oft ist es schwierig, sie zu verstehen. Außerdem ist es wichtig zu wissen, dass alle technischen Methoden der kata auf den oben genannten Prinzipien aufgebaut sind und deshalb nicht isoliert geübt werden können. Die Übung der inneren Haltung ist für die Perfektion der Technik ebenso wichtig wie die Übung ihrer Form.

Die im karate verwendete Körpertechnik muss durch viele Wiederholungen automatisiert werden. Früher bestanden die Meister darauf, dass dies direkt in der Kata-Übung geschah, heute wird sie zerlegt und als kihon und kumite geübt. Über richtig und falsch in diesen Methoden lässt sich streiten. Wir meinen, dass die alte Methode die bessere war, da sie die Entwicklung des Geistes automatisch mitenthielt und die vielen Sackgassen vermied, in die die modernen Trainingssysteme ihre Schüler führen. Doch dabei muss man mit in Betracht ziehen, dass diese Methode extrem streng ist und in den modernen dōjō ganz sicher nicht angewendet werden kann.

Das Perfektionieren der Technik dauert viele Jahre und kann bis zum Lebensende nie ganz abgeschlossen werden. In den ersten Jahren geht es darum, die Technik von den vielen inneren Zwängen zu befreien, die eine karatemäßige Ausführung verhindern. Diese Übungsstufe nennt man in den Kampfkünsten ren-ma, d.h. Schleifen oder Wiederholen. Danach kommt Sh-ch--ryoku (konzentrierte Kraft), eine Stufe, in der die Feinheiten abgestimmt werden und die bis zum Lebensende dauert.

Der Automatisierungsprozess der Einzeltechnik darf nicht unterschätzt werden und muss auf lange Zeit ein zentraler Punkt der Übung sein. Auf keinen Fall darf er von interessanteren Kombinationsübungen (renzoku-waza) oder Kampfübungen (Jiy-kumite) abgelöst werden. Auch wenn das optische Erscheinungsbild eines Karatekampfes oft darüber hinwegtäuscht, ist doch die Qualität der Einzeltechnik der ausschlaggebende Punkt für den nächsten Schritt und nicht die Virtuosität im Kombinieren und Anwenden von formell nachgemachten Bewegungen. In diesem Punkt trägt der Lehrer eine wichtige Verantwortung, denn hier beginnt ein Teil des geistigen Trainings in den Kampfkünsten.

Wenn ein Schüler mit der Übung des karate beginnt, tendiert er natürlicherweise zur Form. Er kann keine Inhalte sehen, und daher ist ihm keine Fußtechnik hoch genug und keine Kombination virtuos genug. Diese Tendenz assoziiert sich mit einer inneren Haltung, die den Fortschritt im budō verhindert und die es zu durchbrechen gilt, denn diese Haltung beinhaltet einen falschen Ausgangspunkt, ein falsches Ziel und eine falsche Motivation. Wenn es dem Lehrer gelingt, die Aufmerksamkeit des Schülers von der Form auf ihren Inhalt umzulenken, entstehen gleichzeitig die richtigen Voraussetzungen zum Fortschritt. Wenn Schüler durch eine schlechte Trainingsmoral den Übungsleiter dazu zwingen, sie mit ewig neuen Formen zu motivieren, wurde dieses Prinzip verletzt.

Die Perfektion der Einzeltechnik ist auch die Grundlage zum Verständnis der Kata-Methode. Noch nie war es üblich, dass der Lehrer dem Schüler die übersetzten Resultate nachträgt, sondern er wacht lediglich darüber, dass der Schüler in eigenständiger Suche (jitoku) selbst übersetzt. Das erfordert Ausdauer im beständigen Suchen nach Inhalten. Übende, die sagen, dass ihnen dieses aus gleich welchen Gründen nicht möglich ist, sollten wissen, dass sie eine wichtige Übungsgrundlage im budō missachten. Der Fortschritt im karate ist nicht durch das Lernen ewig neuer Formen möglich, sondern erfordert Bekenntnis und Hingabe zur traditionellen Form.

Manche Übungsleiter behaupten, ihre Schüler hätten keine Tendenz zum Selbstsuchen. Das kommt daher, dass sie falsch unterrichten, denn sie lehren Form ohne Ideal, ohne persönliche Bindung oder geben selbst ein schlechtes Beispiel. Wenn ein Übungsleiter das Prinzip des budō nicht verstanden hat, führt er die Schüler in Sackgassen, indem er statt der Wiederholung traditioneller Formen, beständig neue Formen gründet. Dadurch werden die Schüler abhängig von den Formen und verstehen den Sinn des Trainings nicht.

Wenn dies der Fall ist, kann kein Schüler sich der korrekten Übersetzung der Katamethode nähern. Die Übung der kata bildet den Körper, festigt den Geist und stärkt die Kraft. Um dies zu verstehen muss man Bescheidenheit und Demut entwickeln. Die Kunst des budō besteht im Geben ohne Eigennutz, und für manche Menschen ist es schwer zu erkennen, dass der Lohn dafür in der eigenen Bereitschaft zum Opfer liegt.

Kontrolle des Geistes und der vitalen Energie

Dieser Punkt ist eine der Grundlagen zur Entwicklung der enormen Kraft (kime) in einer Karate-Technik und zur Neutralisation der gegnerischen Angriffe. Dieses wurde im vorhergegangenen Text bereits erläutert. Doch über den kämpferischen Aspekt hinaus gibt es darin noch eine ganze Reihe von gleichrangigen Bedeutungen.

Wir haben im ersten Kapitel die Geschichte und den traditionellen Hintergrund der Kata erläutert und dabei aufgezeigt, dass die primäre Absicht der alten chinesischen Bewegungsübungen, aus denen auch die kata entstanden ist, die perfekte Kontrolle und Koordination der vitalen Kraft (ki) war. Der esoterische Inhalt solcher Übungen ist eng mit der chinesischen Vorstellung vom Universum verbunden und ist nicht in der Form, sondern über die Form in der eigenen Haltung zu finden. Im reinen Bewegungsaspekt der traditionellen kata liegt daher der Schwerpunkt viel weniger auf der ästhetisch-anschaulichen Formperfektion als auf den Bewegungsgrundlagen der Haltung, Spannung und Atmung. Wir werden uns mit der Haltung, Spannung und Atmung in den kata zu einem späteren Zeitpunkt auseinandersetzen und aufzeigen, dass diese Körperprinzipien keinem oberflächlichen Formaspekt dienen, sondern den Zugang zur Kontrolle und Korrektur der inneren Haltung schaffen, die ihrerseits das Zulassen der vitalen Kraft ermöglicht.

Dies ist ein Kernpunkt im Üben der Budō-Künste, der aber nicht faktisch erklärbar ist. Im Hintergrund aller zu erübenden Formen gibt es in den Budō-Künsten unerklärbare Zusammenhänge, die in den Bereich der Esoterik fallen. Wenn auch die gesamte asiatische Weltanschauung an jeder wissenschaftlichen Beweispflicht vorbeiführt und nicht auf objektiv Erklärbares, sondern auf intuitiv Erspürbares abzielt, ist doch ihre Wirkung auf den, der sich in ihren Methoden übt, nicht zu übersehen. Ähnlich wie beim Kranken, dessen Heilung durch bloßes Handauflegen bewirkt werden kann, wenn er daran glaubt, können auch in den Kampfkünsten ähnliche Kräfte im eigenen Selbst geweckt werden. Doch dies hängt von einer entsprechenden inneren Haltung ab. Die Kata ist diesbezüglich bloß das Handauflegen, und wie sehr man sie auch perfektionieren mag, ohne die innere Haltung bleibt sie immer nur Form. Das, was den wahren Weg () des budō entscheidet, ist nach wie vor der hintergründige Aspekt, der sich nicht in den Formen, sondern im eigenen Selbst abspielt.

Wir erlauben uns heute, die Budō-Künste nur mit dem Verstand zu betrachten und die alte, traditionelle Lehre über die innere Haltung zugunsten der Form zu missachten. Der wissenschaftlich argumentierende Arzt kann dem Kranken den Glauben nehmen, indem er beweist, dass Handauflegen ein Aberglaube ist. Und dennoch weiß er, dass es auch in seiner Seele Tiefen gibt, die jenseits seiner Argumente berührbar sind.

Gesundheitliche Wirkungen

Wir haben versucht aufzuzeigen, dass die primäre Idee der kata nicht aus den Kriegsmethoden stammt, sondern eine Übung zur Gesunderhaltung von Körper und Geist war. Dieser Gedanke zog sich auch weiterhin durch die kata und war mit den späteren kämpferischen Inhalten immer in der Form verflochten.

Die Kampfkunst-Kata ist, unter der Voraussetzung, dass die Übungsprinzipien beachtet werden, anerkannterweise eine der wirkungsvollsten Gesundheitsübungen überhaupt. Sie wirkt in vielfältiger Weise auf den Körper, auf den Geist und auf die Vitalität und erhält dadurch die Gesundheit des Übenden. Fast alle traditionellen Meister der Vergangenheit erreichten ein Lebensalter von 70 bis 90 Jahren und das zu einer Zeit, in der die Lebenserwartung der Menschen recht gering war. Dazu kommt, dass sie alle bis zu ihrem Lebensende sehr vital waren. Meister Funakoshi z.B. übte noch mit 90 Jahren Karate.

Die gesundheitliche Wirkung der kata wird vor allem durch das Beachten der drei Kata-Grundregeln (langsam/schnell, stark/schwach, gespannt/entspannt) und durch das regelmäßige Üben gewährleistet. Die innere Konzentration während der Kata-Übung spielt dabei ebenfalls eine bedeutende Rolle, denn sie ist verantwortlich für das Erhalten des psychischen und physischen Gleichgewichtes. Dazu kommt die tiefe Hara-Atmung, das beständige Spannen und Entspannen des Körpers und das Sichbewegen unter Beachtung der rechten Körperhaltung. Eine solche Übung das ganze Leben lang regelmäßig zu betreiben, hat natürlicherweise seine Auswirkungen auf den ganzen Menschen.

Die innere Absicht, mit der die kata geübt wird, muss ebenfalls berücksichtigt werden, denn die Gesundheitswirkungen werden entscheidend von Suggestionen beeinflusst. Ausschlaggebend ist, dass das Perfektionieren der kata einen Sinn in der Übung selbst erhält und nicht Mittel zum Zweck wird (z.B. um Wettbewerbe zu gewinnen). „ Der Weg ist ein Kreis“ (Übung der Übung zuliebe) sagt man im budō. Die Art der Zielsetzung in der Kataübung ist der Inbegriff für das „Auf-dem-Weg-sein“ und korrigiert als solche entscheidend innere und äußere Fehlhaltungen. Nur die in die Praxis (auch des alltäglichen Lebens) umgesetzte Interpretation der Kata-Übung als „Exerzitium“ trifft das Wesen des budō. Eine solche Übung ist frei von allen Ansprüchen aus dem kleinen Ich.

Auf Okinawa, dem Ursprungsland des karate, gebraucht man für dieses unerreichbare Ideal der kata den Begriff shimeijurasan, womit man ausdrücken will, dass man sich in der Perfektion der kata auf einem Weg ohne Ziel befindet. Auf einem solchen Weg gibt es in der Vorführung einer kata auch die sogenannten „Schlüsselpunkte“ (kukuchi), die darüber Aufschluss geben können, auf welchem Übungsstadium sich jemand befindet. Doch sie bleiben stets dem ewigen „Werden“ untergeordnet und haben für die Übung selbst nur eine geringe Bedeutung. Wenn sie an Bedeutung gewinnen, wird das Prinzip der kata verletzt, und aus einer „Übung der Übung zuliebe“ wird eine „Übung dem Zweck zuliebe“. An diesem Punkt trennt sich das budō vom Sport.

Nur in der richtigen Haltung zur Übung fließen jene Aspekte zusammen, die unter anderem die Gesundheitswirkungen ausmachen. Der Übende darf nicht denken, dass er dies erreicht, wenn er eigennützige Ziele anstrebt. Es gibt keine Gesundheitswirkung in der kata, wenn er den Weg nicht beachtet. Die Kampfkünste bestehen aus hintergründigen Zusammenhängen, die auf intensive Weise mit den Formen verknüpft sind. Werden die Techniken davon abgeschnitten und als Selbstzweck geübt, gibt es kein budō mehr.

Übungsaspekte der Kata

Hara - die Mitte des Leibes

Hauptartikel: Hara | Tanden

Den Begriff hara übersetzt man mit „Bauch“ (auch fukubu oder onaka) und meint damit die ganze Gegend vom Magen bis zum Unterleib. Dabei unterteilt man in i (Magen) und kikai (Gegend unter dem Nabel). Im kikai befindet sich etwa 5 cm unter dem Nabel der Schwerpunkt des Menschen, der tanden.

Hara hat im Japanischen jedoch eine weitreichendere Bedeutung als unser Begriff für „Bauch“. Hara gilt als Zentrum der geistigen und körperlichen Kraft, worauf viele Wortverbindungen und Redewendungen hinweisen. Man spricht von hara no aru (nai) hito d.h. dem „Mann mit (ohne) Bauch“, von hara no dekite (dekite inai) hito, d.h. dem Mann, der „mit dem Bauch fertig (nicht fertig) ist“, von hara no okii (chiisai) hito, d.h. dem „Mann mit großem (kleinen) Bauch“, oder von hara no hiroi (semai) hito, d.h. dem „Mann mit breitem (engen) Bauch“. Doch damit ist nicht der Bauch selbst gemeint, sondern immer ein Wesenszug desjenigen, von dem man spricht. Hara ist der Mittelpunkt des stofflichen Körpers, doch dieser wird als lebendiger Leib verstanden und nicht bloß als Körper. Das Zentrum des Leibes ist in der japanischen Auffassung das Zentrum des Menschen schlechthin, und der Ausdruck von hara ist ein Ausdruck der seelischen Grundbeschaffenheit des ganzen Menschen.

So deuten diese Redewendungen also immer nur darauf hin, ob ein Mensch in seiner „Mitte“ ist oder nicht. Der vollendete hara, d.h. das Sich-Befinden in seiner körperlich-geistigen Mitte (shisei), ist jedoch keine natürliche Veranlagung. Zum größten Teil ist es ein Ergebnis der jahrelangen Übung (geiko) in einer Wegkunst (). Wird dieses Ergebnis in der Haltung sichtbar, spricht man von hara no dekite hito, d.h. dem „Mann mit dem fertigen Bauch“. Das Gegenteil davon, der hara no dekite inai hito (unfertiger Bauch), bezeichnet den Menschen mit einer unreifen Lebenshaltung. Überall dort, wo eine schlechte Haltung sichtbar wird, wo es an Selbsterkenntnis, Selbstdisziplin, Selbstlenkung usw. mangelt, spricht man vom „unfertigen Bauch“. Zu diesem sagt man hara no dekite inai hito wa hito no ue ni tatsu koto ga dekinai, d.h. „ein Mensch, dessen Bauch nicht fertig ist, kann andere nicht führen“.

Hara no dekite hito (der Mann mit dem fertigen Bauch) bezeichnet den Menschen mit Haltung, jenen, der in der Lage ist, sich in der Welt und im Leben auf die rechte Weise zu bewähren. Der fertige Hara erlaubt Wahrnehmungen, die über die fünf Sinne hinausgehen. Ihm spricht man ein autonomes Erkenntnisorgan zu, das jenseits der Sinne intuitiv übergeordnete Zusammenhänge erfassen kann. Diese Fähigkeit befreit das Denken vom Vorurteil und erlaubt eine Sichtweise, die den fixierenden Verstand überschreitet.

Die Lehre über den hara liegt allen Wegkünsten als physische und psychische Übung zugrunde und wird in der japanischen Erziehung als grundlegendes Prinzip gehandhabt. Von klein an wird der Sohn vom Vater zu hara gemahnt. Hara gilt (geistig und körperlich) als die Grundlage des Sich-Verhaltens, des Sich-Bewährens und des Sich-Befindens in der Welt. Fortschritt in den Wegkünsten definiert sich im Grunde genommen im Erreichen einer höheren Verwirklichungsstufe des hara, weshalb Hara das Zentrum jeder körperlichen und geistigen Übung sein muss. Hara wo neru, d.h. „den Bauch üben“, oder hara-gei (Bauchspiel) ist so selbstverständlich in den Wegkünsten enthalten, dass der Japaner es überhaupt nicht mehr gesondert erwähnt. Gleich welche Übung man wählt, ob es die Kampfkunst, Zen, Blumenstecken oder Teetrinken ist, nie wird die Technik ohne hara. Das Ziel ist immer der ganze Mensch (die rechte Haltung). Daher kommt das Sprichwort „ob Teetrinken, Blumenstecken oder Sitzen, es ist immer das gleiche“ oder „was richtig geschieht, muss immer mit Hara geschehen“.

In Japan gibt es den Begriff hara-gei, den man mit „Bauchspiel“ übersetzt. Hara-gei bezeichnet einen stillen Dialog zwischen zwei darin geübten Menschen und ist etwa seit dem 13.Jh. gebräuchlich. Er beruht darauf, eine gegenseitige Verständigung auf der Basis der Intuition zu erlangen. Hara-gei war ein wichtiges Element der alten Samurai-Kultur und ist im budō ein wichtiger Aspekt des Dōjō-Verhaltens, das auf einer intuitiven Verständigung zwischen Lehrer und Schüler beruht.

Die Entwicklung und die Lenkung von ki (Qi) hängt ausschließlich von der Übung des Hara ab, die keinesfalls nur einen körperlichen Aspekt hat. Hara wird innerhalb der Kampfkünste zum zentralen Begriff, ohne den jede Art der Übung ihren eigentlichen Sinn verliert. Meister Funakoshis Grundsätze zum Üben der kata (1. die Art der Kraftentfaltung, 2. das Verhältnis zwischen Spannung und Entspannung, 3. langsam und schnell) sind auf der Philosophie des hara begründet, die sich in der konkreten Übung der Kampfkünste physisch in drei Aspekten verdeutlichen: Haltung, Spannung/Entspannung, Atmung. Die Übung der Techniken im karate-dō führt dazu, dass der Mensch unter diesen drei Aspekten ein harmonisches Verhältnis zu sich selbst und zur Welt verwirklicht, das man allgemein als hara bezeichnet.

Aus diesem Grund betrachtet man den körperlichen Ausdruck des Übenden von hara (Haltung, Spannung, Atmung) als den wichtigsten Aspekt allen Übens in den Kampfkünsten. Keine Bewegung, keine Technik darf ohne die Beachtung dieser Prinzipien ausgeführt werden. Die körperliche Form ist Ausdruck einer sich selbst unbewußten inneren Haltung, die den Menschen nicht nur physisch, sondern auch in jeder alltäglichen Handlung lenkt. Durch das Zurechtrücken der körperlichen Schwerpunktsetzung entsteht ein Einfluss nach innen, durch den der Mensch sich seiner psychischen Barrieren und Grenzen bewusst werden kann. Die Philosophie des wurzelt hiermit direkt in der Übung des hara und schöpft ihre Kraft ausschließlich aus dieser Überlegung.

„Aus der leibhaftigen Erscheinung des Menschen spricht uns jeweils ein Dreifaches an“. (Auszug aus Hara, die Erdmitte des Menschen von Karlfried Graf Dürckheim):

  • Haltung - Ein bestimmter Bezug zu Himmel und Erde: Der Mensch kann nicht fliegen, noch muss er kriechen. Er ist weder Vogel noch Wurm, sondern er bewegt sich als Mensch aufrecht, d.h. zum Himmel erhoben auf der Erde. Ob der Mensch in bezug auf sein Verhältnis zu Himmel und Erde in Ordnung ist, wird vor allem an seiner „Haltung“ sichtbar, d.h. an der Art und Weise, wie er die ihm als Menschen im Unterschied zum Tier zugedachte Vertikale darlebt. Ist er in der rechten Weise „aufrecht“, dann verbindet er in seiner Haltung Himmel und Erde. Seine Gebundenheit nach unten bringt sein Aufgerichtetsein nicht in Gefahr, und in seinem Aufgerichtetsein liegt keine Verneinung seiner Gebundenheit an die Erde. Ja, er erscheint in einer Weise in Kontakt mit dem Unten, die seiner Aufwärtsbewegung nicht nur nicht widerspricht, sondern sie gleichsam mit hervorbringt und sichert. Zugleich hat seine Strebung nach oben nicht den Charakter einer ihn von der Erde weghebenden Bewegung, sondern einer die Wurzelkraft (der Erde) bezeugenden Aufwärtsbewegung. Die mit Bezug auf das Verhältnis zu Himmel und Erde „rechte“ Erscheinung bringt unverstellt und harmonisch zum Ausdruck, dass der Mensch zugleich in der Erde gegründet und auf den Himmel bezogen ist, von der Erde getragen und vom Himmel gezogen wird, an die Erde gebunden ist und zugleich himmelwärts strebt.
  • Atmung - Ein bestimmter Zusammenhang mit der Welt: Der Mensch steht in einem polaren Verhältnis zur Welt, darin er einerseits sich selbst wahrt und andererseits mit ihr verbunden und in lebendigem Austausch ist. Ist die lebendige Gestalt im rechten Verhältnis des Menschen zur Welt, zu Mensch, Ding und Natur gemäß, so besagt sie: Er ist ihr gegenüber sowohl geschlossen wie geöffnet, zugleich klar konturiert und im durchlässigen Kontakt, von der Welt abgesetzt und zugleich mit ihr verbunden, der Welt gegenüber zugleich „verhalten“ und aufgeschlossen. Als in rechter Weise lebendige Gestalt atmet er die Welt gleichsam in sich ein und atmet sich in sie aus.
  • Spannung/Entspannung - Ein bestimmtes Verhältnis zu sich selbst: Immer steht er in seiner jeweilig gewordenen Form in einem bestimmten Verhältnis zu dem Leben, das in ihm selbst auf Bekundung, Entfaltung und Einswerdung drängt. Spannung/Entspannung. Bekundet die lebendige Gestalt das rechte Verhältnis des Menschen zu sich selbst, dann erscheint er in ihr sowohl gehalten als gelassen, sowohl in einer sich bewahrenden Form als auch beseelt von lebendiger Dynamik und im rechten Verhältnis von „gespannt“ und „gelöst“.

Kiai (Yagui) - der Kampfschrei

Der kiai ist bekannt als der Schrei, der beim Angriff gegen einen Gegner ausgeführt wird. Das Schreien aber ist nur ein oberflächlicher Aspekt des kiai. Weit wichtiger ist der psychologische Aspekt, der einen Zustand der Bereitschaft (zanshin) beinhaltet, in dem man unmittelbar auf jeden plötzlichen Angriff reagieren kann. Es ist eine Wachheit auf so hoher Ebene und von so großer Energie (ki), dass der Schrei spontan herausbricht.

Ursprünglich gab es in der kata keine festgesetzten Punkte für den kiai, doch durch die Standardisierung der kata hat man dem kiai bestimmte Stellen zugewiesen, die unter bestimmten Umständen einzuhalten sind: bei Wettkämpfen, im Unterricht oder bei einer Prüfung. Im persönlichen Training jedoch sollte der kiai aus dem Gefühl für die kata heraus natürlich entstehen und spontan hervorgebracht werden.

Der kiai kann auch sehr effektiv genutzt werden, um den eigenen Zustand der Bereitschaft (kamae) und die darin enthaltene Energie zu erhöhen. Wenn der kiai zu seinem vollen Potenzial entwickelt wurde und der damit zusammenhängende hohe Zustand der Bereitschaft erreicht wurde, hat man die optimale Fähigkeit, sich gegen jeden Angriff eines Gegners zu verteidigen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, den Klang des kiai zu verwenden, um den Gegner einzuschüchtern oder sein Selbstvertrauen zu brechen.

Kamae - die Haltung der Bereitschaft

Hauptartikel: Kamae

Mit kamae bezeichnet man die generelle Bereitschaft, die Art der Bereitschaftshaltung. Es gibt eine körperliche Bereitschaft, mi gamae, zu der man die Prinzipien waza (Technik), metsuke (Haltung der Augen), ku (Gleichgewicht), hyoshi (Rhythmus), kokyu (Atmung) und maai (Distanz) rechnet, und eine geistige Bereitschaft, ki gamae, zu der man als die wichtigsten Komponenten zanshin (Geistesgegenwart), yomi (Voraussehen), kihaku (Kampfgeist), sen (Initiative) und kikai (Wahrnehmen der Gelegenheit) zählt. Diese Aspekte sind jedoch nicht voneinander getrennt, sondern sie greifen ineinander und ergänzen sich gegenseitig.

Kamae-Kata ist der Begriff für die Form der körperlichen Bereitschaft und bezeichnet die Haltung des Körpers zusammen mit der Haltung der Arme in der Deckung. Diese Haltungen sind entweder Symbole (M-dra) aus dem esoterischen Buddhismus (z.B. jiai-gamae, manji-gamae) oder Ableitungen aus den Kampfhaltungen verschiedener Tiere (z.B. maebane-gamae).

Maebane-Gamae

1. MAEBANE-GAMAE ist eine der wichtigsten und meist gebrauchtesten Haltungen im karate. Der Körper steht zumeist in einer natürlichen entspannten Bereitschaftsstellung, die Hände sind mit den Handflächen nach vorne ausgestreckt und können in verschiedenen Bewegungsvarianten nach unten schwingen. Man kann die Arme dabei wie Flügel gebrauchen. Diese Kamae-Kata schreibt man dem Chinesen Wan Chun Kun aus den Wudang-Bergen zu, der sie erfunden haben soll, als er den Kampf zwischen einem Vogel und einer Ratte beobachtete. Auf dieser Haltung begründete sich das spätere Konzept der Kank--Kata, die diese Kamae-Kata in stilisierter Form verwendet. Sie drückt durch die erhobenen Hände die Ablehnung gegen einen Kampf aus und vermittelt dem Gegner das Gefühl von Frieden, ohne aber die Geistesgegenwart aufzugeben. Später entstand in dieser Kamae-Kata noch eine Steigerung, indem der Ausführende den Anschein des Betrunkenseins erweckt. In manchen okinawanischen Stilrichtungen wird beim Anfang der Kank- richtig geschwankt (suirakan-gamae - Haltung des betrunkenen Mannes), wodurch versucht wird, den Gegner zu unbedachten Handlungen zu verleiten und ihn die vermeintlichen Blößen angreifen zu lassen.

2. TANSHIN-GAMAE ist eine typische Shaolin-Haltung und führt auf einen buddhistischen Wanderpriester namens Tanshin aus der Sung-Periode zurück. Dieser soll eines Tages von Banditen angegriffen worden sein und, da er seine S-tra unter dem Arm trug, nur eine Faust zur Verteidigung verwendet haben. Das Wesen dieser Haltung ist das Kontern in den Angriff des Gegners hinein, das schnelle Vorstoßen mit der Faust, noch ehe er seinen Angriff durchführen kann. Auch die meisten Techniken des gleitenden Ellbogens (suri-uke) lassen sich darauf zurückführen.

Sagurite-Gamae

3. SAGURITE-GAMAE kommt aus den okinawanischen Richtungen und wurde in den von Japan beeinflussten kata nicht übernommen. Die Kamae-Kata übersetzt man mit „suchende Handkampfstellung“, und sie wurde früher geübt, um zu lernen, wie man z.B. auch bei Nacht den Angriff eines Gegners erkennen lernt. Sie beruht auf einem psychologischen Prinzip der konzentrierten intuitiven Aufmerksamkeit, durch die ein Geübter in der Lage ist, eine innere Erkennungsinstanz zu mobilisieren, ähnlich wie dies ein wildes Tier kann.

Es ist ein Fehler, die auf die kata verteilten kamae als statische Haltungen zu betrachten. Im Kampf sind sie dazu gedacht, für einen Augenblick eingenommen zu werden und einen schnellen und flüssigen Wechsel der Reaktion auf die Handlungen des Gegners zu erlauben. Wenn man sich aber zu sehr auf eine bestimmte kamae konzentriert, gibt man dem Gegner die Gelegenheit, effektiv anzugreifen. Aus diesem Grund ist die psychologische Essenz der kamae wichtiger als ihre Form, womit sie zu einem Konzept wird, das äußerst schwierig zu verstehen und auszuführen ist. Wir werden im Folgenden versuchen, das physiologische und psychologische Konzept der kamae so weit es geht zu erläutern.

Man sollte im Sinn behalten, dass tachi (dachi) sich auf die Fußpositionen in der Stellung bezieht und kamae auf die Haltungen oder auf die gesamte Körperposition. Will man eine bestimmte kamae einnehmen, kann je nach Situation eine beliebige Stellung (dachi) gewählt werden. Dazu gehören Stellungen wie fudo-dachi, kokutsu-dachi, nekoashi-dachi oder zenkutsu-dachi. Es ist jedoch wichtig, eine Stellung zu wählen, die zur Situation und zum eigenen Körper passt.

Unter dem Begriff Kamae-Kata klassifizieren sich jedoch nicht nur die Armhaltungen, sondern auch jene nichtkämpferische Armbewegungen die der Veränderung der Deckung von einer Armhaltung zur anderen dienen. Diese nichtkämpferischen Bewegungen (Zwischenbewegungen), die die Deckung und die Position des Körpers gegenüber dem Gegner verändern, bilden den passiven Teil der Karate-Technik und verstehen sich - sowohl körperlich (mi-gamae) als auch geistig (ki-gamae) - als Gegensatz zu den kampforientierten Angriffs-, Abwehr- und Kontertechniken. Sie sind jene Bewegungen, die das Gleichgewicht in der kata erhalten und den gesundheitlichen Kata-Aspekt gewährleisten.

Viele Formen der Kamae-Kata sind sehr alt und stammen aus dem chinesischen Quanshu. Die meisten von ihnen sind Nachahmungen von Kampfhaltungen und Kampfbewegungen der Tiere, andere sind buddhistische Symbole mit psychologischem Hintergrund. Sie sind eng mit den Ursprüngen der Kampfkünste verbunden und haben die Entwicklung der Kampfkünste, besonders im Bereich der Gesundheit, der Vitalpunktlehre und der Bewusstseinsbildung wesentlich beeinflusst. Doch auch die direkt kampforientierten Techniken haben eine enge Beziehung zu den Kamae-Kata. Jede Art der Kamae-Kata assoziiert sich mit bestimmten Möglichkeiten des Kämpfens. Das Verständnis dieser Zusammenhänge ist bedeutend für das Verständnis der kata.

Manche der heutigen Experten glauben, dass durch den Zusammenschluss des Quanfa mit dem tōde auf Okinawa neue Überlegungen in bezug auf die kamae notwendig waren. Die vom tōde herbeigeführte Intensivierung des Kampfes mit der geschlossenen Faust zwang zu neuen Studien der kamae in den importierten kata. Es dauerte viele Jahre, bis die Meister Bewegungen und Haltungen fanden, die auf Körper und Geist positiv wirkten und in das Kata-Konzept eingefügt werden konnten.

Im Kata-Ablauf sind die Kamae-Kata als körperlicher und geistiger Ausgleich zu der durch Dynamik erzeugten Aktivität meist zwischen den Kombinationen der kata oder als Eröffnungsbewegung einer Kombination integriert. So wie in einem Kampf ein großer Teil der Bewegungen dazu dient, die Deckung oder die Position zu verändern, sich zu sammeln oder die Distanzen einzustellen und die direkte kämpferische Aktion nur streckenweise stattfindet, gibt es diesen Aspekt auch in den kata.

In den kamae der kata liegt noch ein weiterer Sinn. Die Meister der Vergangenheit suchten lange nach Bewegungen, die gleichermaßen kämpferisch interpretierbar und für den Übenden gesund waren. Durch sie konnte die rhythmische Ausführung der kata zustandekommen und das Gleichgewicht zwischen aktiv und passiv in der Übung hergestellt werden. Erst dadurch unterscheidet sich die kata von anderen Körpersystemen wie Gymnastik oder Tanzen und erhält ihren typischen Charakter.

Neben dem körperlichen und gesundheitlichen Aspekt der Kamaekata liegt noch ein weiterer Inhalt in dem ihr zugrunde liegenden Geist, in dem sie verwendet wird. Sie soll die Bereitschaft (yōi) der Person, die sie anwendet, üben und ausdrücken, wie von uns weiter unten erläutert wird. Für den Anfänger ist es aber am besten, sich so lange auf die korrekte Form der Kamae zu konzentrieren, bis er ihr Körperprinzip versteht und sie als natürliche Antwort auf einen Angriff einnehmen kann.

Rei und Yōi - Demut und Konzentration

„Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt“, sagte Meister Funakoshi Gichin und sprach damit ein bedeutendes Prinzip des budō an. Symbolisch für diesen Respekt steht die Verbeugung (rei) am Anfang und am Ende jeder kata. Der Gruß (rei) und die Bereitschaftsstellung (yōi) haben jedoch nicht nur eine symbolische, sondern auch eine praktische Bedeutung.

Die Bedeutung des Grußes besteht in dem philosophischen Prinzip, dass der Mensch, ehe er sich den weltlichen Dingen widmet, sich etwas zuwenden muss, das er als größer erachtet als sein eigenes Ich. Im budō ist es das Ideal. Sich respektvoll vor ihm zu verbeugen und das eigene Ich unterzuordnen, erzieht die für die Kampfkünste wichtige rechte Haltung vor dem Leben.

In allen traditionellen Schulen des budō wird deshalb die Etikette des Grußes sehr ernst genommen. Erst durch sie wird das dōjō zu einem Ort, an dem es einem Übenden möglich ist, sich zu vervollkommnen. Die Übung der Kampfkünste ohne Etikette würde das Tor zur Gewalt öffnen und die Atmosphäre der Ruhe und Selbstbesinnung zerstören.

Rei bedeutet nicht einfach nur den Kopf zu beugen. Der Gruß wird von einer inneren Haltung der Bescheidenheit und des grundlegenden Respektes, den ein Mensch dem anderen schuldet, begleitet. Deshalb grüßt man immer mit Aufmerksamkeit, Achtung und Würde. Die stetige Übung des Grußes wirkt auf die Haltung und stimmt den Menschen in seiner Gesamtverfassung auf die rechte Handlungsweise ein. Ein schlechter Gruß ist eine schlechte Übung, eine Unachtsamkeit gegenüber sich selbst und gegenüber anderen.

Die Übung des rechten Grußes formt die Fähigkeit, innere Stärke durch die Überwindung des Ich zu entwickeln. Der grundlegende verinnerlichte Respekt ist die Quelle jener Kraft, die dem reifen Menschen ein angepasstes Verhalten ermöglicht. Der echte Schüler macht diesen Respekt zur Übung, indem er jede Gelegenheit wahrnimmt, seine Achtung zu bezeugen. Der falsche Schüler stellt selbst die achtungswürdigsten Dinge unter sich und entehrt sie durch maßlose Überheblichkeit. Diese Haltung dient dem Ich, aber sie macht ihn abhängig und schwach.

Die Bereitschaftsstellung (yōi) ist eng mit dem Gruß (rei) verbunden und wird immer in Begleitung zum Gruß ausgeführt. Sie gewährleistet die Einstellung auf die den Gruß begleitende innere Haltung, indem sie jede Aktivität unterbricht und die Harmonie zwischen körperlicher Bereitschaft (mi-gamae) und geistiger Bereitschaft (ki-gamae) bewirkt. Daher sollte jede Übung mit der Bereitschaftsstellung beginnen. Manche kata haben noch eine zweite Bereitschaftsstellung, die eine psychische Eigenschaft, eine Tugend oder einen Charakterzug symbolisiert, den man während der körperlichen Ausführung durch Autosuggestion in die innere Haltung projezieren kann. Die M-dra des esoterischen Buddhismus sind auf ähnlichen Grundlagen aufgebaut und haben zu vielen der heutigen Kamae-Kata eine Verbindung. Durch ihre Übung können psychische Grundbeschaffenheiten durch Suggestionen beeinflusst und verändert werden.

In den natürlichen Anlagen der menschlichen Beschaffenheit gibt es Parallelen zwischen der inneren Haltung und der äußeren Form. Manche von ihnen sind auf so intensive Weise miteinander verbunden, dass es überhaupt nicht möglich ist, einem inneren Zustand körperlich zu widersprechen oder umgekehrt. Beim Erschrecken zieht man die Schultern hoch, als Zeichen der Demut beugt man den Kopf, usw. In den Kampfkünsten gibt es viele dieser Bewegungen oder Haltungen, die durch hohe Wiederholfrequenzen nach und nach die innere Haltung korrigieren. Das rei steht für Demut, das yōi steht für Aufmerksamkeit. Eine kata ist jenseits ihrer Techniken eine Kombination von Gesten und Verhaltensweisen, die innere Zustände suggerieren. Diese gipfeln beständig in den kamae der kata, die durch ihre langsame Ausführung eine Bewußtwerdung dessen, was sie bedeuten, erlauben. Man kann sich bewusst machen, dass eine bestimmte Haltung innere und äußere Stärke bewirkt, wie dies z.B. auf traditionelle Weise dem M-so-gamae aus der sōchin zugesprochen wird. Durch langjährige Übung wird sich dies in der inneren Haltung bemerkbar machen.

Die Kampfkünste sind nicht der Ursprung solcher Praktiken, sondern bestenfalls eine Methode, solche Suggestionen positiv zu lenken. Ähnliches gibt es seit Menschengedenken in allen Lebensbereichen. Heute übt sich der Manager in der „Ich-bin-der-Größte“-Haltung und so mancher Beamte in der „Es-gibt-kein-Denken“-Haltung, und wie wirkungsvoll diese Übungen sind, kann man im alltäglichen Leben feststellen. Die alten samurai haben mit ähnlichen Methoden sogar die Furcht vor dem Tod überwunden.

Ähnliches geschieht in den kata durch die Übung der kamae. Sie können dann, wenn ihrer körperlichen Symbolik eine psychische Eigenschaft zugesprochen wird (z.B. jiai-gamae steht für Harmonie), durch langjährige Übung innere Grundbeschaffenheiten verändern. Durch Imagination und Gewohnheit kann auf diese Weise z.B. Mut oder Großzügigkeit antrainiert werden. Die weiter oben beschriebenen Kamaekata erhalten ihre Eigenschaften ausschließlich auf diese Weise.

Dies ist der esoterische Bereich des karate, der aber nicht isoliert, sondern nur in Verbindung mit der Wegübung und all ihren Bedingungen an den Übenden nachvollzogen werden kann. Dann wird die kata zur Methode, den eigenen Geist zu erziehen. In diesem Aspekt und nicht in der bloßen Form begründen sich Aussagen wie, „die bassai entwickelt Mut und Willenskraft“ oder „die jion entwickelt Harmonie und Frieden“. Das gedankenlose Üben der Techniken allein entwickelt natürlich überhaupt nichts.

Eine solche Übung ist ohne die Kontrolle eines Meisters und ohne dōjō nicht ratsam, denn es müssen die Grundbedingungen des budō beachtet werden, die nur auf der Stufe des Meisters erkennbar sind. Der unkontrollierte Eingriff in die Psyche ist gefährlich und hat bereits durch Scharlatanerie im Bereich des Yoga und des esoterischen Buddhismus verheerende Schäden angerichtet. Jeder, der sich von solchen Praktiken Hilfe verspricht, sollte wissen, dass es keine esoterischen Wunder gibt, sondern dass die einzige Methode dahin ein Weg der Selbstdisziplin und Selbstüberwindung ist. Es gibt keine Hilfe von Außen, wenn die innere Haltung schwach bleibt.

Enbusen - die Raumorientierung

Jede kata beginnt und endet mit dem Gruß im Stand (ritsurei). Er ist ein fester Bestandteil der Kataübung und darf nie vergessen werden.

Ritsurei wird aus musubi dachi ausgeführt. Man grüßt mit Würde und Achtung und einer entsprechenden Konzentration des Bewußtseins. Die Art, wie man grüßt, hat einen Einfluss auf die kata und auf alles, was man tut. Ein schlechter, unkonzentrierter Gruß entspricht einer falschen inneren Haltung.

Nach dem Gruß nimmt man die natürliche Bereitschaftsstellung shizen-tai ein. Dies ist in der Regel hachiji-dachi oder heiko-dachi. Auch hier geht es nicht um das Beachten einer körperlichen Form, sondern um die Bewusstseinshaltung. Bereitschaftsstellung (yoi) heißt „bereit sein“, die nächstfolgende Handlung richtig und ganz zu tun. Der Geist ist dabei ruhig konzentriert (zanshin).

Am Anfang und am Ende der kata gibt es mehrere Bereitschaftsstellungen, deren Bedeutung und Ursprung man heute nicht mehr genau kennt. In manchen kata werden sie nach Yoi Shizen-tai als zweite Bereitschaftsstellung eingenommen. Man vermutet, daß die meisten von ihnen altbuddhistische Symbole (Mudrƒ) sind, und manche von ihnen lassen auf die Herkunft der kata schließen.

Diesen Bereitschaftsstellungen sollte man die ihnen gebührende Achtung schenken. Obwohl man über manche von ihnen heute nicht viel weiß, ist dennoch bekannt, dass sie einen tiefen Hintergrund haben und das Bewusstsein positiv beeinflussen. Masutatsu Oyama hat sich die Mühe gemacht und viele Bereitschaftsstellungen an ihren Ursprung zurückverfolgt. Seine interessanten Erkenntnisse über dieses Thema hat er in dem Buch Advanced Karate zusammengefasst.

In den asiatischen und besonders in den chinesischen Künsten gab es schon seit altersher eine Symbolik sakraler Zeichen, Bilder, Farben usw. Diese Praktiken stammen aus dem Yijing (I-Ging) und wurden danach in allen esoterischen Richtungen des Buddhismus und Daoismus weitergeführt. Im Yijing ist der Himmel seiner Natur nach das Eine, die Erde hingegen die Vielfalt gegenständlicher Formen. Daher werden dem Himmel die Zahl (1) und alle folgenden ungeraden Zahlen und der Erde die Zahl (2) und die nachfolgenden geraden Zahlen zugeordnet. (1+2) bedeutet die Vereinigung von Himmel und Erde aus der auch der Mensch hervorging. Die daraus resultierende (3) wird mit der der Anzahl der Jahreszeiten (4) multipliziert und ergibt (12), die Anzahl der Monate. Den Zahlen (8) (10), (12), (60), (72) und (108) werden magische Fähigkeiten zugesprochen. Auf dieser Grundlage ist das Kata-System des Goj--ryu aufgebaut.

Da man sich den Himmel als unendlich vorstellt, symbolisiert man ihn durch einen Kreis. Das Symbol für die Erde ist ein Quadrat. Das geometrische Symbol für den Menschen ist das Dreieck. Die geografische Orientierung beruht - im Unterschied zum Westen - nicht auf vier, sondern auf acht Richtungen der Welt. Das Symbol für das bagua/pakua (acht Trigramme) zeigt dies deutlich, indem es die Interaktion von Yin/Yang (Aktivität) im Kreis (Himmel) einschließt und aufgrund der Anordnung der Trigramme in acht Richtungen lenkt. Analog zu diesem Schema verwendet man heute in vielen Karate-Stilen das „Karategramm“ (enbusen) zur Übung der Grundschule (kihon).

Das Karategramm ist im Eigentlichen das grundlegende Schema uralter Vorstellungen von Richtungen und Ecken in der Welt. Die Bodenlinien, die den Verlauf der Bewegungen und Richtungsänderungen der Kata symbolisieren, nennt man enbusen. Das, was wir heute als enbusen in den kata bezeichnen, ist auch ein Karategramm. Es entspricht dem alten Orientierungskonzept, laut dem der Mensch in der Mitte nach acht Richtungen aktiv wird. Als das Konzept in die Kampfkünste übernommen wurde, symbolisierten die acht Richtungen die kompliziertesten Maßnahmen der Selbstverteidigung aus den kata. Heute sagt man z.B. die Kank--Kata lehrt den Kampf gegen acht Gegner. „Acht Gegner“ bedeutet „unzählige Gegner“, die aus allen (8) Richtungen angreifen.

Der Mensch, der im Mittelpunkt (kiten) seiner Richtungsauffassung steht, wurde in drei Niveaus eingeteilt: das obere Niveau (jōdan), das mittlere Niveau (chūdan) und das untere Niveau (gedan). Das obere Niveau besteht aus dem Kopf, das mittlere Niveau aus Brust und Rücken und das untere Niveau aus Bauch, Becken und Beine. Jedem dieser Niveaus entspricht ein energetisches Zentrum, das man als „Zinnoberfeld“ (丹田 dāntián) bezeichnete. Diese Zentren befinden sich im Kopf, im Herzen und unter dem Nabel. Während in anderen esoterischen Lehren (z.B. Yoga) mit allen drei Zentren gearbeitet wird, beschränken sich die Kampfkünste nur auf das untere und sehen es als das Wichtigste an. Daher beruhen alle Lehren über die Energetik des Organismus in den Kampfkünsten auf der Konzentration des (jap. ki) im qihai (Meer der Energie). Auch für die Richtungsauffassung wurde dieses energetische Zentrum wichtig. Man begann den kikai-tanden (Zentrum des hara) in den Mittelpunkt der Raumauffassung zu stellen und entwickelte von dort aus die Orientierungsfähigkeit in der Umgebung.

In der traditionellen chinesischen Auffassung besteht das Leben aus endlosen Metamorphosen, die durch die Wechselwirkung zwischen Yin und Yang hervorgerufen werden. Im Zentrum jeder Aktivität (im Katakonzept im Mittelpunkt der Richtungen) liegt die Monade yin/yang, die das „Werden“ (die Grundlage des Lebens) bewirkt. Aus dem Mittelpunkt heraus aktiv zu sein, ohne sich diesem universellen „Werden“ zu wiedersetzen, ist einer der Kardinalpunkte im Verständnis jeder kata.

Gleich ob im Lebenskampf oder im Kampf mit einem konkreten Gegner, siegt nur jener, der die Gesetzmäßigkeiten des natürlichen Wirkens (Dao) erkannt und in seiner Haltung verwirklicht hat. Diese Gesetzmäßigkeit besteht im ewigen „ Werden und Vergehen“ und lehnt den Stillstand, das Extrem und die Einseitigkeit ab. Auf dieser Philosophie beruhen die drei Punkte für die Kata-Übung: Wechselwirkung von Ruhe und Bewegung, von Zusammenziehen und Ausdehnen und von Hineingehen und Zurückweichen.

Man kann diese Philosophie zusammenfassen und auf einen Nenner bringen: das Prinzip der kata beruht auf dem Gleichgewicht der Pole. Jeder aktiven Wirkung folgt eine passive Gegenwirkung, durch die das innere Gleichgewicht erhalten bleibt und dadurch eine Kommunikation mit dem Wirken der Natur möglich wird. Der Mensch wird im Gleichgewicht aktiv, d.h. wenn ein Arm vorgeht, geht der andere zurück, auf drei Schritte nach vorn, folgen drei zurück, senkt sich ein Arm, hebt sich der andere usw. Eine Bewegung geht in die andere über und durch den ununterbrochenen Wechsel entsteht ein harmonischer Fluss, ein kontinuierliches Fortschreiten im Gleichgewicht der inneren Kräfte, das am Ende der kata genau auf dem Punkt ankommt, auf dem es begann. Der Kreis schließt sich und geht ein in das Alleine, aus dem es entstand.

Das enbusen hat daher einen markierten Punkt (kiten), auf dem die kata beginnt und endet. Alle kata müssen auf demselben Punkt enden, auf dem sie beginnen. „Was immer geht, muss auch zurückkommen“, sagt Meister Funakoshi und spricht damit das Gesetz des natürlichen Wandels an: im ewigen Prozess des Werdens und Vergehens geht nichts verloren, das eine ergibt das andere, im beständigen Rhythmus der Veränderungen, in dem alles gebunden ist. Der Anfang ist das Ende, und das Ende ist der Anfang.

Die Grundlage zu dieser Auffassung, auf der jede kata aufgebaut ist, ist die „Große Leere“ oder das „Nicht-Sein“, das auch in dem Schriftzeichen „kara“ aus „karate“ zum Ausdruck kommt. Dieses Prinzip wird mit dem mathematischen Symbol der Null, mit dem räumlichen Symbol des geschlossenen Kreises und mit dem esoterischen Symbol der Leere (K-) ausgedrückt. Doch hier beginnt die paradoxe Logik der buddhistischen Weltauffassung die besagt, dass wenn doch die Summe aller Erscheinungsformen letztendlich Null (Leere) ist, dann sind doch auch die einzelnen, uns sichtbar werdenden Erscheinungen gleich Null, also ein Trugbild. Hier stießen die alten esoterischen Lehrer in einen Bereich vor, in dem sie die Relativität der Dinge aufgrund intuitiver Erfahrungen schon lange vor Einstein erkannten und in einem Bewegungskonzept ausdrückten, dass dem Übenden den Weg des intuitiven Verstehens ermöglicht.

Wenn doch alle Erscheinungsformen Leere (K-) sind, dann gibt es in einer übergeordneten Wirklichkeit keinen Unterschied zwischen Mensch und Universum. Warum aber ist die Verbindung der beiden in der weltlichen Wirklichkeit unterbrochen, warum kann der Mensch die Kraft des Universums (qi) nicht nutzen? Weil er in einer diesseitigen Wirklichkeitssicht gefangen ist, sich daraus nicht lösen kann und in all seinen Handlungen im Vorurteil gegenüber der relativen Wirklichkeit steht. Dieses Feststehen im Dualismus der Erscheinungsformen zu durchbrechen und in den Zustand des transzendentalen Zusammenhangs vorzudringen, wird durch die Grundstruktur einer kata symbolisiert, dargelegt und in der Übung ermöglicht.

Doch der physischen Übung zugrunde liegt der Weg (do). Aber wie ist er zu erreichen, wie kann der Mensch ihn in der Kataform finden? Indem seine innere Haltung mit dem Grundlagendenken der kata kommuniziert und daher mit diesem die „gleichgewichtige Einheit“ bildet. Denn das Prinzip des inneren und äußeren Gleichgewichtes liegt jeder Wegkunst zugrunde. Deshalb sagt man im karate man muss „seinen Geist reinigen“, man muss die falschen Gedanken abschneiden, denn sie stehen jeder Kommunikation mit dem „natürlichen Gesetz“ entgegen. Harmonie, Anpassung und Überwindung des Selbst ist die Devise. Der Übende muss seine Moral verbessern und den Zustand der Natürlichkeit erreichen. Dieses ist das Gesetz des Lebens und gleichzeitig auch die Wissenschaft vom Kämpfen.

Korrekte Überlieferung der Kata

  • Die Rolle des Lehrers - für jeden, der karate in seiner Tiefe verstehen will, bleibt die kata ein zentrales Medium. Schüler, die mit karate einen Weg () gehen wollen, müssen dabei ihrem sensei vertrauen. Wenn sie einen Lehrer haben, der sie auf die rechte Weise anleiten kann, werden sie mit der Zeit verstehen, dass es gute Gründe dafür gibt, die kata genau so zu üben, wie sie ist - sie zu verändern, bedeutet das Rad neu zu erfinden.

In der Tradition des karate ist ein 1. dan lediglich ein Schüler. Erst mit dem Erreichen des 5. dan darf er eigenständig unterrichten. Heute gründen viele Schüler, die den 1. oder 2. dan erhalten haben, ihre eigene Schule oder unterrichten in einem Verein. Sie sind „unfertige Lehrer“. Sie haben die Kampfkunst und vor allem die Bedeutung der kata nicht wirklich verstanden und gründen aus Mangel an Wissen ihr eigenes System. Darin erklären sie die kata auf der Grundlage ihrer unreifen Meinung und versuchen, die Tiefe des traditionelle Studiums der kata zu umgehen und durch Äußerlichkeiten zu gelten. Dieser Umstand hat viele Gründe, vor allem aber ist dabei der durch die modernen Föderationsstrukturen freigegebene Lehrerstatus zu nennen, in dem ein Lehrer sich selbst ernennen und ohne die Erlaubnis seines eigenen Lehrers unterrichten darf.

Dadurch wurde ein zweiter unorthodoxer Weg des Lehrertums ins Leben gerufen, der nicht mehr vom persönlichen Meister, sondern von Funktionären bestätigt wird. Dieser Weg ist insoweit problematisch, als dass jemand mit vielen Zertifikaten oder Wettkampferfolgen noch lange kein guter Lehrer sein muss. Ein guter Lehrer ist jener, der seine Schüler auf den Weg () bringen und ihnen die Inhalte der kata erläutern kann.

Die oberflächliche Betrachtungsweise der kata führt dazu, dass Lehrer oft daran gemessen werden, wieviele Abläufe von kata sie kennen. Doch dies ist in einer Budō-Lehre ganz und gar unwichtig. Einzig wichtig ist, wie tief ein Lehrer mit dem Studium seiner kata gegangen ist und ob er darin die Hintergründe (ura) unterrichten kann. Die Abläufe kann jeder schnell lernen, aber das Verständnis der Hintergründe dauert viele Jahre. In der Regel hat ein echter sensei in seinem Leben drei bis fünf kata inhaltlich gemeistert, kann aber den Ablauf vieler weiterer kata unterrichten.

  • Die Rolle des Schülers - Lernen im budō bedeutet, eine Herausforderung mit sich selbst anzunehmen und unter der Aufsicht eines Meisters Fortschritt anzustreben. Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Schülers, sich für die Erfahrungen in der Weglehre () offen zu halten und nicht nur Formen zu lernen. Anders als in den herkömmlichen Lernmethoden (Streben nach Wissen und Können) ist Fortschritt im budō nur über die Perfektion des Selbst möglich. Lernen im budō ist daher vor allem das beständige Bemühen um die rechte Haltung.

Wo die Haltung fehlt, gibt es kein budō. Der Lernende muss sich darum bemühen, die Lehre seines sensei zu verstehen und nicht bloß anzustreben, was ihm wichtig erscheint. Vorausgesetzt, der Lernprozess wird von einem Meister und nicht von einem Trainer gelenkt, gibt es keinen Meinungskampf zwischen Lehrer und Schüler und keine demokratische Abstimmung über die Inhalte der Wegübung. Dort, wo Schüler dies beanspruchen, zieht sich jeder sensei zurück und wird sie nicht weiter unterrichten.

Oft kann ein Schüler dies nicht erkennen und verharrt in falschen Haltungen. Dies sind persönliche Grenzen, und er hat viele einleuchtende Begründungen, warum er sie nicht überschreiten kann. Doch in Wahrheit ist es immer das unüberwundene Ich, das den Lernenden vom Weg trennt. Wenn er in dieser Haltung verharrt, ist es einfacher zu erklären, der Weg sei falsch, als die eigene Haltung zu korrigieren. In diesem Fall ist die Lehrer-Schüler-Beziehung beendet.

Studien Informationen

Siehe auch: Karate-Kata | Kata bunkai | Kata-Liste

Literatur

  • Werner Lind: Lexikon derKampfkünste, BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Budo - der geistige Weg der Kampfkünste, Scherz 1991.
  • Werner Lind: Karate Grundlagen, BSK 2005.
  • Werner Lind: Karate Kihon, BSK 2007.
  • Werner Lind: Karate Kumite, BSK 2010.
  • Werner Lind: Karate Kata, BSK 2011.

Weblinks