Dōjōkun

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Artikel von: Werner Lind
Nachbearbeitet von: Stephanie Kaiser

Dōjōkun (jap.: 道場訓) bezeichnet ein Paket praktischer Anleitungen zur Übung der rechten Haltung (shisei) und des rechten Verhaltens in den Kampfkünsten.
Seit altersher ist es in den Kampfkünsten üblich, die körperliche Übung durch ein adequates Paket von philosophischen Gedanken und Lebensanleitungen begleiten zu lassen, die dem Übenden Sinn und Maß in seiner Lebensbewältigung geben. Diese aufgeschriebenen Anleitungen bezeichnet man in den Kampfkünsten als dōjōkun.
Frühe Konzepte gab es bereits im Shǎolín-Kloster (Shǎolínsì), sie pflanzten sich durch die Jahrhunderte fort und etablierten sich als philosophische Lehrkonzepte in allen Stilen. Immer bestanden sie aus Anleitungen zur Übung des rechten Verhaltens und der rechten Haltung (shisei). Richtig verstanden schafften sie die Verbindung zwischen der Philosophie des Weges () und der formalen Technik (waza) und gewährleisteten, dass die Erkenntnisse über den Weg nicht im Intellekt verhaftet blieben, sondern in der persönlichen Haltung des Übenden sichtbar wurden.

Inhaltsverzeichnis

Dōjōkun - Form und Sinn

Es gibt keine einheitliche dōjōkun, sondern nur ein allgemeines Prinzip, dass von den jeweiligen Lehrern verwendet wird, um ihre Schüler in den philosophischen Lehren auszubilden. Die dōjōkun ist der vom Budo-Geist geforderte Auftrag, den Weg nicht nur zu verstehen, sondern zu leben und das persönliche Verhalten an seiner übergeordneten Wirklichkeit zu messen. Sie ist das Zentrum der geistigen Wegübungen, und überall dort, wo sie fehlt, wird budō zur Form.
Die Leitsätze der dōjōkun und ihre lenbensbegleitenden Anleitungen (kaisetsu) werden dann, wenn sie in der Selbstübung verwendet werden, zum Maßstab für den Fortschritt auf dem Weg. Fortgeschrittene entwickeln durch diese Übung einen reifen Geist und verbinden erkenntnisfähiges Denken mit dem entsprechenden persönlichen Verhalten. Übende, die in der dōjōkun nur das theoretische Verständnis statt einer Verhaltensübung sehen, können keine Fortschritte machen. Im bloßen Lernen und Interpretieren ohne Nachdenken über die eigene Haltung liegt kein Wert.
Für den Fortgeschrittenen ist die dōjōkun das unangefochtene Zentrum seiner Übung und die tiefste Quelle seiner geistigen Inspiration, durch die er sich im ständigen Kampf um Erkenntnis und Selbsterkenntnis bemüht. Durch die dōjōkun wird ein „Budō-Leben“ möglich, in dem die wahren Werte des budō erst sichtbar werden.

Geschichte der Dōjōkun

Der Ursprung der dōjōkun liegt in den Anfängen der Kampfkunst im alten Shǎolín-Kloster. Man vermutet, dass die erste dōjōkun bereits von dem indischen Mönch Bodhidharma im Shǎolín-Kloster geschaffen wurde.
Seit altersher gibt es das Prinzip der dōjōkun. Die Übung der Kampfkünste von kontemplativen und ethischen Regeln begleiten zu lassen, war bereits im Shǎolín-Kloster üblich. Die Praktik pflanzte sich über die Jahrhunderte fort und integrierte sich schließlich als fester Bestandteil der Ausbildung.

Regeln in China

Bereits früh hatte man erkannt, dass dem gefährlichen quánfǎ eine zügelnde Ethik hinzugefügt werden musste. Bodhidharmas Verhaltensregeln gründeten sich auf die Tugenden Disziplin, Selbstbeherrschung, Bescheidenheit und Achtung vor dem Leben. Später erweiterte Jue Yuan die bis dahin bestehenden 72 Kampfverfahren des Shǎolín auf 170 Bewegungen und schuf mit Hilfe von Li Cheng und Bái Yù Fēng die Shǎolín-Tierstile (wǔqínquán - „Fünf Tierfäuste“).

Zehn Regeln des Jué Yuǎn

Ausgehend von Bodhidharmas Regeln, schuf Jué Yuǎn für die Shǎolín-Schüler zehn Regeln, die als wǔdé bezeichnet werden. Diese wurden überliefert und gelten als die erste dōjōkun, die im nachhinein das gesamte philosophische Spektrum der Kampfkünste prägen sollte:

  1. Wer den Weg des quánfǎ geht, muss mit Eifer und Ausdauer an sich arbeiten und darf keine Ablenkung durch andere Dinge zulassen.
  2. Die Anwendung des quánfǎ dient nur der Selbstverteidigung.
  3. Der Schüler muss sich dem Lehrer gegenüber ehrerbietig und bescheiden erweisen und ihm stets Hochachtung entgegenbringen.
  4. Der Schüler muss seinen Kameraden gegenüber höflich, ehrlich und wohlwollend sein.
  5. Übenden des quánfǎ ist es verboten, in der Öffentlichkeit ihre Kunst zu demonstrieren.
  6. Quánfǎ-Schüler beginnen nie eine Schlägerei.
  7. Quánfǎ-Schüler trinken keinen Wein und essen kein Fleisch.
  8. Quánfǎ-Schüler enthalten sich des Geschlechtsverkehrs.
  9. Das quánfǎ darf nur an Menschen weitergegeben werden, die reinen Herzens sind und aufrichtige Dankbarkeit zeigen.
  10. Wer das quánfǎ studiert, muss Bosheit, Gier, Neid und Prahlerei überwinden.

Fünf grundlegenden Anleitungen

In den nachfolgenden Schulen des quánfǎ entwickelten die Lehrer nach altem Vorbild jeweils eigene Kampfkunstregeln, die auf die Eigenheiten der Stile und des Umfeldes abgestimmt waren, in dem sie agierten. Fünf Grundsätze bildeten sich immer mehr heraus. Hier die Regeln einer alten Quánfǎ-Schule, die zunehmend zum Standard wurden:

  1. Bemühe dich um einen Ausgleich deines Äußeren: Haltung, Kleidung, Benehmen und sprachliche Umgangsformen sollen übereinstimmen.
  2. Bewahre Stattlichkeit in der Haltung und in der Sprache. Begegne anderen mit Selbstvertrauen, Natürlichkeit und ständigem Wohlwollen.
  3. Kontrolliere dich und lasse Veränderungen der eigenen Laune nicht durch Gestik, Mimik oder Haltung erkennen. Bewahre gleichmäßige und angenehme Umgangsformen.
  4. Erhalte Munterkeit und positive Laune. Zeige keine Anzeichen von Müdigkeit.
  5. Erhalte Disziplin und Selbstdisziplin in allen Lagen.

Überlieferung nach Okinawa

Die Überlieferung der dōjōkun nach Okinawa fand unter schwierigen Bedingungen statt, da den Okinawanischen Kampfsystemen anfangs alle Voraussetzungen zur Veränderung ihrer kriegerischen Systeme zu einer Kampfkunst fehlten. Erst im 18. Jh. fanden durch chinesische Einflüsse jene Prozesse statt, die die Entstehung einer Okinawanischen Kampfkunst ermöglichten.

Sakugawas Leitsätze

Auf der Grundlage chinesischer Vorbilder erschuf Sakugawa Shungō im 18. Jahrhundert auf Okinawa erste ethische Regeln für die Übenden des tōde. Diese Regeln wurden nie aufgeschrieben und sind heute nicht nachweisbar. Man vermutet jedoch, dass es sich um die Übertragung der fünf chinesischen Leitsätze handelt:

  1. Vervollkommne deinen Charakter.
  2. Sei aufrichtig und loyal.
  3. Sei strebsam.
  4. Achte die Etikette.
  5. Verzichte auf Gewalt.

Überlieferung nach Japan

Ob man von einer Überlieferung der okinawanischen dōjōkun nach Japan sprechen kann, ist umstritten. Im japanischen bujutsu gab es lange vor der Einführung des karate eigene kontemplative Leitsätze (kaisetsu), die von den Bujutsu-Lehrern zur geistigen Disziplinierung ihrer Schüler verwendet wurden. Außerdem gab es jahrhundertelange Debatten, Ausführungen und Veröffentlichungen über bushidō (Weg des Kriegers), durch die die Ethik des japanischen Kriegertums bereits im 16. Jh. gegründet und gefestigt wurde. Zu nennen sind z.B. hagakure oder buke shohatto.
Die Überlieferung eines okinawanischen Ethiksystems spielte daher in den japanischen Kampfkünsten kaum eine Rolle. Funakoshi interpretierte seine Regeln haupsächlich aus japananischen Einflüssen.

Funakoshis shōtō nijūkun

Als Meister Funakoshi Gichin nach Japan kam, gründete er eine eigene dōjōkun, die unter der Bezeichnung shōtō nijūkun bekannt wurde. Sie setzt sich aus japanischen Leitsätzen (kaisetsu) zusammen, die dann, wenn sie in der Selbstübung verwendet werden, zum Maßstab für den Fortschritt auf dem Weg werden.
Diese Regeln wurden von Meister Funakoshi wahrscheinlich zu Beginn der 30er Jahre verfasst. Untenstehend die Originalwiedergabe von Richard Kim, übersetzt von Ursel Arnold.

  1. Karatedo wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto o wasuruna - Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.
  2. Karate ni sente nashi - Im Karate gibt es keinen Angriff.
  3. Karate wa gi no tasuke - Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.
  4. Mazu jiko wo shire, shikoshite tao wa shire - Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen.
  5. Gijutsu yoi shinjutsu - Intuition ist wichtiger als Technik.
  6. Kokoro wa hanatan koko wo yosu - Lerne deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn erst danach.
  7. Wazawai wa getai ni shozu - Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit.
  8. Dojo nomino karate to omou na - Glaube nicht, dass Karate nur im Dojo stattfindet.
  9. Karate no shugyo wa issho de aru - Karate üben heißt, ein Leben lang zu arbeiten; darin gibt es keine Grenzen.
  10. Arai-yuru mono wo karateka seyo, soko ni myo-mi ari - Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du Myo finden.
  11. Karate wa yu no goto shi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru - Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht beständig erwärmst.
  12. Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo - Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie du nicht verlierst.
  13. Teki ni yotte tenka seyo - Verändere ständig deine Verteidigung gegenüber dem Feind.
  14. Tattakai wa kyo jitsu no soju ikan ni ari - Der Kampf entspricht immer deiner Fähigkeit, mit Keyo und Jitsu umzugehen (keyo - unbewacht, jitsu - bewacht).
  15. Hito no te ashi wo ken to omoe - Stelle dir deine Hand und deinen Fuß als Schwert vor.
  16. Danshi mon wo izureba hyakuman no teki ari - Wenn du den Ort verläßt, an dem du zu Hause bist, machst du dir zahlreiche Feinde.
  17. Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai - Anfänger müssen alle Haltungen ohne eigenes Urteil annehmen, um danach einen natürlichen Zustand des Verstehens zu erreichen.
  18. Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono - Die Kata muss ohne Veränderung korrekt ausgeführt werden, im wirklichen Kampf gilt das Gegenteil.
  19. Chikara no kyojaku (hart und weich) Karada no shinshuku (Spannung und Entspannung) Waza no kankyu wo wasaruna (langsam und schnell) - alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.
  20. Tsune ni shinen kufu seyo - Erinnere dich und denke immer an Kufu - lebe diese Vorschriften jeden Tag.

Fünf Leitsätze der JKA

  1. Es ist eine Pflicht, nach der Perfektion des Charakters zu streben.
  2. Folge dem Ideal der Wahrheit.
  3. Mühe Dich, Deinen Geist zu kultivieren.
  4. Achte die Regeln der Etikette.
  5. Hüte Dich vor ungestümem Übermut.

Dōjōkun des BSK

Im Budo Studien Kreis (BSK) wurden die überlieferten Versionen der dōjōkun neu überarbeitet und in fünf übergeordnete Kapitel zusammengefasst:

  1. Verhältnis zu sich selbst - Suche nach der Vervollkommnung deines Charakters
  2. Verhältnis zur Welt - Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig
  3. Wege des rechten Strebens - Sei achtsam in deinem Streben
  4. Verhaltensetikette - Ehre die Prinzipien der Etikette
  5. Gewaltloses Handeln - Verzichte auf Gewalt

Studien Informationen

Siehe auch: Karate | Oshi | BSK-Dōjōkun | Shōtō nijūkun | Kaisetsu |

Literatur

  • Werner Lind: Budo. Der geistige Weg der Kampfkünste. Bern, München, Wien 1992 (S.51 ff).
  • Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste. Sportverlag 1999.
  • Werner Lind: Klassisches Karate do. Sportverlag Berlin 1997.
  • Richard Kim: The Classical Man. Masters Publication 1986.
  • Nakamura Tadashi: Karate, Technique and Spirit. Shufunotomo 1986.
  • Gichin Funakoshi: Karate do Kyohan. Kodansha 1973.

Weblinks

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