Ura

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Artikel aus: Lexikon der Kampfkünste
Nachbearbeitet von: Werner Lind

Ura auch ri (jap.: 裏) bedeutet „Innen“, „Rückseite“ (), die „versteckte Seite einer Angelegenheit“, und bildet mit omote (Außen) ein untrennbares Prinzip gegenseitiger Ergänzungen. Wie die Rück- und Vorderseite einer Münze existiert das Eine nicht ohne das Andere.
Im Japanischen entstehen aus ura Wortbildungen wie uramen - Kehrseite, urami - hinten, hyōri - Außenseite und Innenseite, uraken - Rückseite der Faust, uragiru - betrügen, verraten.

Inhaltsverzeichnis

Erläuterung

Die Begriffe omote (außen) und ura (innen) sind zwei in der ostasiatischen Kultur verankerte Bezeichnungen. Die kanji verweisen in ihrem japanischen Ursprung auf eine prähistorische Zeit, als die Jäger in China noch Tierfelle trugen und für den nach innen bzw. nach außen gewendeten Pelz jeweils eine eigene Bezeichnung gebrauchten. In der japanischen Alltagssprache stehen diese beiden sich ergänzenden Begriffe heute symbolisch für untrennbare Zweiheiten wie „Außen und Innen“, „Vorn und Hinten“, „Zugekehrtes und Abgewandtes“. Wie bei den beiden Seiten einer Münze gibt es das Eine nicht ohne das Andere.
In den Kampfkünsten (budō) ist ura die Bezeichnung für die hintergründige Lehre. Im Graduierungssystem (kyūdan) der japanischen Kampfkünste bezeichnet man mit ura den zweiten Fortschrittsabschnitt der yūdansha:

Omote und Ura im System der Yūdansha

Omote - Vordergrund

  • Shoden (初伝) - Einweihung ins Formsystem
- Shodan - 1. Schwarzgurtgrad
  • Chūden (中伝) - Einweihung in die Tradition
- Nidan - 2. Schwarzgurtgrad

Ura - Hintergrund

  • Okuden (奥伝) - Einweihung in die Hintergründe
- Sandan - 3. Schwarzgurtgrad
  • Kaiden (皆伝) - vollständige Einweihung
- Yondan - 4. Schwarzgurtgrad

Philosophie von Omote und Ura

Das Hintergründige (ura) wird zum Vordergründigen (omote), wenn man es durchdringend zu verstehen vermag. Darin besteht die gesamte Komplexität des offensichtlich Sichtbaren (omote) und des im Kern Versteckten (ura). Nur scheinbar drückt das Begriffspaar einen Gegensatz aus, tatsächlich ergänzen omote und ura einander.
Alle Menschen sehen mit denselben Augen, doch sie sehen nicht dasselbe. In einer bekannten Anekdote sagt ein Schüler zu seinem Lehrer: „Wie gewaltig ist doch das Meer.“, woraufhin jener entgegnet: „Und doch siehst du bloß die Oberfläche“
Das omote einer Kunst ist das, was an der Oberfläche liegt, was ein Betrachter oder Übender mit seinem rationalen Erkenntnisvermögen begreift. Ura hingegen existiert unter dieser Oberfläche und kann nur mit solchen menschlichen Qualitäten wie Glauben, Intuition und Gefühl erfahren werden. So ist z.B. das omote des zen das Dasitzen und Meditieren, sein ura aber das Erreichen des satori (Erleuchtung), das omote des ikebana (Blumenstecken) ist es, einen schönen Strauß zu arrangieren, sein ura aber die Harmonie mit der Natur. Das omote des karatedō ist die siegreiche Technik, sein ura aber ist eine Lebensführung mit überwundenem Ego, eine Reise zu sich selbst, zur eigenen Würde und zum gegenseitigen Respekt - also ein kontemplativer Weg des Bekenntnisses zum Schönen und Guten. Das omote ist nicht schwer zu begreifen, zum Verständnis des ura bedarf es eines Meisters, der in der Lage ist, es zu unterrichten.
Doch ura kann nicht allein durch Worte vermittelt werden. Voraussetzung dafür ist die persönliche Nähe zum Meister, das intuitive Verstehen seiner Verhaltensweisen und das Übersetzen des Gelernten in das eigene Verständnis. Sich für eine solche Lehre bereit zu halten und dies in der Haltung kund zu tun, ist die primäre Aufgabe eines echten Schülers (uchi deshi). Nach vielen Jahren des Bekenntnisses zur Lehre (oshi) wird der sensei dem Schüler durch okuden das Tor zu den gokuhi (Geheimnisse) der Kampfkünste öffnen.
Ohne Zweifel liegt in unserem schnelllebigen und oberflächlichen Zeitalter die größte Gefahr für alle Methoden des budō in der allgemeinen Überbewertung des omote, in der Unfähigkeit der meisten Lehrer, das ura zu vermitteln, und im Mangel an Bereitschaft und Geduld der Schüler, das ura zu verstehen. Das omote des karate machte sich im 20. Jahrhundert von Okinawa schnell auf die Reise und hat die ganze Welt begeistert - das ura aber ist nach wie vor verborgen und nur wenigen zugänglich. Es bedarf keines Trainers, sondern eines fähigen Meisters, der durch Hingabe und Persönlichkeit in der Lage ist, seine Schüler dazu zu begeistern.

Studien Informationen

Siehe auch: Kyūdan | Dankyū seido | BSK-Graduierungen | Budō | Bujutsu

Literatur

  • Francis Didier: Karate dō - L´Esprit Guerrier. Sedirep 1988.
  • Werner Lind: Karate Grundlagen, Kihon, Kata, Kumite. BSK 2005.
  • Werner Lind: Budo - Der geistige Weg der Kampfkünste. O. W. Barth 1993.

Weblinks