Shitei

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Artikel von: Werner Lind
Nachbearbeitet von:

Shitei (jap.: 師弟) bedeutet Lehrer und Schüler; shitei no kankei - Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, shishi - Lehrer (shi - Gelehrter und tei - Schüler). Persönliche Beziehung im Ausbildungsprozess einer japanischen Tradition (dentō) und ihrer Überlieferung (den) an die nächste Generation.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

In den Lehrprozessen des budō bezeichnet der Begriff das zwischenmenschliche Verhältnis der beiden zueinander, das aufgrund eines Abkommens entsteht, in dem der Schüler verspricht, die Grundvoraussetzung für echtes Lernen zu erhalten und der Meister verspricht, den Schüler auf den Weg des budō zu führen. Das Zustandekommen von shitei ist nach alter Tradition ein heiliger Akt der in einem dōkusan vollzogen wird (bujutsu und guan). Ihm zugrunde liegt das unwiderrufliche Versprechen des Schülers, seinen inneren Unebenheiten (bonnō) so lange und so entschieden zu begegnen, bis der Lehrer die Wegmeisterschaft (menkyo) bestätigt. Auf der Grundlage dieses Versprechens akzeptiert der Meister eine persönliche Beziehung (uchi deshi) und erklärt sich bereit, dem Schüler den Zugang zum Weg () zu öffnen.

Inhalte

Shitei, die Lehrer/Schüler Beziehung, besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten: giri, nesshin und jitoku.
Mit giri bezeichnet man das Versprechen des Schülers, sich beständig um die rechte Haltung zu kümmern, die es ihm ermöglicht, die hintergründigen Weginhalte zu erfassen. Nesshin bezeichnet den ununterbrochenen Eifer und Fleiß, mit dem der Schüler durch die Verwirklichung der Haltung auf dem Weg fortschreitet, und jitoku bedeutet, dass der Schüler nicht nur nachahmen darf, sondern der Kampfkunst durch seine eigene Persönlichkeit Sinn und Inhalt geben muss.

Maßstäbe der Lehrer-Schüler Beziehung

Der Unterricht des Lehrers

Jeder Lehrer und Übungsleiter hat seine eigene Unterrichtsmethode. Wichtig ist aber, dass sich alle am Prinzip der Weglehre () orientieren und sich innerhalb der Fortschrittspyramide des Stils befinden. Bis zum 5. dan ist jeder Übende im Lernsystem eingebunden und muss persönliche Interpretationen mit seinem sensei absprechen. Es ist die Pflicht des Lehrers, Egozentrik, Rechthaberei und Selbstsucht in den Reihen seiner Schüler zu unterbinden.
Ein guter Lehrer lehrt nicht nur seine Kunst, sondern lenkt den Schüler zu seinem wahren Wesen, wodurch dieser zu einer eigenständigen Persönlichkeit wachsen kann. Dabei duldet der Lehrer weder Duckmäusertum noch Geltungssucht, denn er will den Schüler so, wie er wirklich ist. Ausgangs- und Endpunkt der Lehre ist die in der dōjōkun kodifizierte Etikette.
Denn die Aura eines dōjō setzt sich aus der Summe der Haltungen all seiner Mitglieder zusammen. Erlaubt der sensei seinen Schülern Ausflüge in die Selbstgefälligkeit, entsteht eine schlechte Dōjō-Atmosphäre und verhindert das Wachstum der ernsthaft suchenden Schüler.
Wenn Schüler mit negativen Haltungen vom sensei nicht zur Verantwortung gezogen werden, wenden sich die guten Schüler mit der Zeit vom dōjō ab und werden immer mehr durch oberflächliche Schüler ersetzt - ein dōjō zieht nur jene Schüler an, die zu seiner Atmosphäre passen.

Die Gruppenpyramide

Für jeden Lehrer ist es wichtig zu wissen, welches seine wirklichen Schüler sind. Diese Beurteilung ist zeitabhängig und muss immer wieder überprüft werden, denn erklärte Schüler bauen manchmal in ihrem Bemühen ab und lassen sich von anderen in Bezug auf technisches Vermögen und der Haltung zu den geistigen Werten des Weges überholen. Wenn ein Lehrer das nicht zur Kenntnis nimmt und ausschließlich auf eine hierarchische, graduierungsabhängige Pyramide baut, verschließt er vielen ernsthaft Übenden den Weg zum Fortschritt. Die Autorität der Inhaber höherer Grade wird im allgemeinen Bemühen um Geltung und Macht zum entscheidenden Hindernis für einen Aufstrebenden. Wenn der sensei dies nicht rechtzeitig unterbindet, führt es zu Disharmonien und letztlich zur Spaltung der Budō-Gemeinschaft.
Die Gruppenpyramide richtet sich also nicht nur nach bestehenden Graduierungen, sondern auch nach dem Fortschrittsbemühen des Einzelnen, unabhängig von seiner Graduierung. Durch die Zeit zeigt sich dadurch auf der Pyramide eine ständige Bewegung auf ihrer Vertikalen, die der Lehrer zulassen muss und nur dann unterbinden darf, wenn die Etikette verletzt wird.
Denn nach wie vor bleibt es die Aufgabe des Übenden - unabhängig von seinem Grad - seine Position auf der Vertikalen der Pyramide durch Bekenntnis, Loyalität und Bescheidenheit zu erhalten. Das Ziel jedes Lehrers ist es, seine Schüler auf ein solch hohes Niveau zu bringen, dass er selbst als lenkende Instanz überflüssig wird. Wenn ihm das gelingt, hat er seine Lehre richtig vermittelt.

Die Lehre des Verhaltens

Ein sensei beurteilt seine Schüler in erster Linie nach ihrem Verhalten und nur in zweiter Linie nach ihrer Technik. Überhebliche Schüler bringen Schande über ihren sensei, über ihr dōjō und über ihre Kunst, wenn sie sich in- und außerhalb ihres dōjō schlecht benehmen. Kein echter sensei wird dies dulden. Das Verhalten der Schüler fällt auf den sensei zurück.
Es geschieht manchmal, dass Schüler die Lehre ihres sensei aus irgendwelchen Gründen nicht verstehen, seine Entscheidungen beanstanden und sich beleidigt zurückziehen. Oft hat das mit einem gewonnenen Selbstwertgefühl aus ihrer Fähigkeit zum Freikampf zu tun, wodurch manche durchaus überheblich werden und den wahren Wert des budō nicht mehr erkennen können.
Doch mit einem gestörten Verhältnis zum sensei sind sie eine Gefahr für die Harmonie der gesamten Budō-Gruppe. Gute Kämpfer sind wie Kanonen - wenn der Geist fehlt, sind sie Waffen und werden stets von fremden Mächten bedient. Sensei Funakoshi Gichin pflegte in diesem Fall zu fragen: „Was nützt eine gute Technik, wenn die Philosophie fehlt?“

Die Lehre des Ideals

Ohne Ideal kann keine Budō-Gemeinschaft entstehen. Doch das Ideal hängt vom gegenseitigen Vertrauen ab, und dies entsteht nur dort, wo es persönliche Bindungen zwischen Lehrer und Schüler gibt.
Doch Vertrauen ist immer eine gegenseitige Angelegenheit zwischen Lehrer und Schüler und liegt - wenngleich auf verschiedenen Ebenen - in der Verantwortung beider: Zum einen vertraut der Lehrer dem Schüler dahingehend, dass dieser loyal ist, dass er seine gelernte Kunst, sein dōjō und seine Budō-Gemeinschaft respektiert. Zum anderen vertraut der Schüler dem Lehrer darin, dass dieser ihn korrekt unterrichtet, auf den Weg () bringt und ihm den Zugang zu den Hintergründen (ura) seiner Kunst eröffnet.
Wenn der Lehrer es versäumt, das Budō-Ideal an die höchste Stelle zu setzen, etabliert er eine Budō-Gemeinschaft, die sich wie eine Schafherde verhält. Denn erst der Glaube an das Ideal verpflichtet innerlich dazu, sich vor etwas Höherem zu verbeugen, als man selbst ist. Dies beginnt mit der Respektsbezeugung vor den Fortgeschrittenen und dem Lehrer des eigenen dōjō, setzt sich mit der Verbeugung vor den Hauptlehrern des Stils fort und mündet letztlich in der Verneigung vor den das Ideal verkörpernden Meistern der Vergangenheit. Doch der Glaube an das Ideal der Vergangenheit allein kann schnell zu einer lediglich romantisierenden Tendenz werden, wenn er nicht sein Gleichgewicht im aktiven Bemühen um das Ideal in der Gegenwart erhält. So ist die Budō-Gemeinschaft selbst das Ideal und nicht irgendeine leere Theorie vom Weg.
Wird budō ohne Etikette und Ideal unterricht, bilden sich Zweckbeziehungen zwischen den Schülern, die am Weg () vorbeigehen. Es entsteht Oberflächlichkeit in der Haltung, Orientierungslosigkeit in der Zugehörigkeit und im Denken, und bei der ersten Wegschwierigkeit werden manche die Gruppe verlassen. Das Dilemma ist, dass in einer solchen Situation jeder für sich Recht hat, aber eine Annäherung unmöglich geworden ist.
Wenn ein Hochgraduierter seine korrekte Haltung den weniger erfahreneren Schülern nicht vermitteln kann oder will, entsteht in der Gemeinschaft eine Mentalität, auf die der Lehrer kaum mehr Einfluss nehmen kann. Schüler orientieren sich oft nur an Übenden der nächsthöheren Fortschrittsstufe und ignorieren die Lehre des sensei, wenn sie am Beispiel ihrer senpai feststellen, dass man auch ohne Etikette weiterkommen kann. Es entsteht eine "Tu was dir gefällt"-Haltung.
Das Beispiel ist besser als die Regel: Wer Tugend predigt, lehrt das Predigen, wer Tugend praktiziert, lehrt die Tugend. Im ersten Fall hat der sensei versagt.

Die Lehre des Karate als Studium

Karate ist nach klassischem Verständnis kein Sport, sondern eine Möglichkeit der Selbstbetrachtung durch die körperliche Übung im Training. Gleichwohl kommt ein guter Schüler nicht umhin, sich über Hintergründe, das heißt z.B. über geschichtliche, philosophische und kulturelle Grundlagen der Budō-Inhalte, mit Hilfe von Publikationen seiner Lehrer und auf jede andere erdenkliche Weise zu informieren, aus ihnen zu lernen und später im eigenen Interesse sich an ihrer Erforschung zu beteiligen. Tut er dies nicht, verbaut er sich den Weg zum Fortschritt.
Das Interesse und der persönliche Beitrag eines interessierten Schülers zu den aktuellen Forschungsarbeiten seiner sensei ist für seinen Fortschritt von wesentlicher Bedeutung. Er sollte alle Möglichkeiten wahrnehmen, seinem sensei zu zeigen, dass er zum Lernen bereit ist.

Der Unterschied zwischen uchi deshi und soto deshi

Innerhalb der Gruppenpyramide hat jeder Leher seine persönlichen Schüler, die er in einem recht undemokratischen Verfahren bestimmt. Das Entscheidungskriterium, das seine Wahl beeinflusst, ist nicht die technische Fähigkeit der Schüler, sondern ihr menschliches Potenzial.
Die Schülergruppe, die durch diese Selektion entsteht, nennt man uchi deshi („Schüler im Inneren“), und nur Mitglieder dieser Gruppe können vom sensei eines Tages das Zertifikat der Meisterschaft (menkyo kaiden, im BSK gebunden an den 5. dan) erreichen. Entfernen sie sich in irgendeiner Weise vom sensei, etwa indem sie ihr Bemühen um geistigen Fortschritt vernachlässigen und nur noch die Technik ins Zentrum ihrer Übung stellen, müssen sie den engen Kreis um den Lehrer wieder verlassen. Indem ein sensei in der Graduierungshierarchie den geforderten technischen Fortschritt an die Bereitschaft zu geistigem Fortschritt bindet, schafft er ein höheres Bewusstsein unter den Übenden.
Im honbū dōjō des BSK, budōkan, gibt es ein allwöchentliches Training mit jenen Schülern, die vom sensei als uchi deshi angesehen werden. Zugelassen sind nur Schüler, die durch ihre Haltung und ihr Handeln den Anforderungen eines uchi deshi entsprechen und dies stetig unter Beweis stellen. Nimmt ihre Bereitschaft ab, müssen sie die Gruppe verlassen.

Die Lernbereitschaft des Schülers

Ein Schüler des budō hat die Aufgabe, die Lehre seines sensei zu verstehen, in sich selbst nachzuvollziehen und mit eigenem Sinn und Inhalt zu füllen. In früheren wie in heutigen Zeiten bedeutete und bedeutet dies die Pflege des permanenten und intensiven Kontakts zum persönlichen Lehrer, zum Hauptlehrer und die Bereitschaft des Mitverantwortens der Budō-Gemeinschaft. Während dies früher fast nur durch eine Aufnahme in die Hausgemeinschaft des Lehrers über persönliche Traininge, mondō und den täglichen Umgang mit dem sensei und den Mitschülern zu verwirklichen war, gibt es in der modernen, von Informationsmedien geprägten Welt - auch über größere Entfernungen - zusätzliche Möglichkeiten, an der inneren Lehre eines sensei teilzuhaben. Dazu nutzt ein Schüler in erster Linie die Seminare seines sensei, aber auch Buch- und Video-Publikationen, Internet-Veröffentlichungen oder ausgewählte Forumdiskussionen.
Viele Schüler glauben heute, dass das Nutzen solcher zusätzlichen Möglichkeiten von geringer Bedeutung ist. Sie denken: „...wenn ich Fragen habe, wird mein Lehrer sie mir schon beantworten“, und verwechseln dadurch die Lehre des budō mit einem Kurs an der Volkshochschule. Denn ein Lehrer des budō entscheidet selbst, welchen Schüler er wann, wo und auf welche Weise unterrichtet. Er vermeidet das mundgerechte Beantworten von Fragen, wenn er beim Schüler einen Mangel an eigenem Bemühen und Kümmern feststellt.
Die dem Schüler hinterhergetragene Lehre wird im budō oft mit dem Mann verglichen, der sein Boot durch die Wüste trägt. So wie dieser keinen Fluss zum Überqueren findet, wird auch der Schüler keine zu stellenden Fragen finden. Fortschritt entsteht daher nicht nur durch die unmittelbare Beantwortung von Fragen, sondern im Wissen darum, welche Fragen es zu beantworten gibt. Ehe jemand weiß, dass es Autos gibt, wird er kaum fragen, wie sie funktionieren.

Theorie und Praxis von Werten

Es ist festzustellen, dass die Philosophie der Weglehre () viele Schüler anzieht und fasziniert. Werden sie vom sensei jedoch mit der praktischen Übung derselben konfrontiert, erscheint ihnen der Weg als recht beschwerlich. Zur Theorie sind viele bereit, zur Selbstbetrachtung und zum Überschreiten persönlicher Grenzen nur wenige. Theorie und technisches Training allein reichen daher zum Wachsen nicht aus. Beide müssen unter der Anleitung eines sensei zur Übung der inneren Haltung gebracht werden.
Obwohl budō mit einer Religion im herkömmlichen Sinn nur wenig zu tun hat, sind die Vorgänge ähnlich. Viele Menschen in unserem Kulturkreis achten und berufen sich auf Werte, die die Bibel als zentrale Schrift des Christentums vermittelt. Den Anspruch an sich selbst, diese Werte tatsächlich zu praktizieren, haben jedoch nur wenige. Der Begriff „Religion“ geht auf das lateinische Wort „religare“ zurück, was soviel wie festbinden oder anbinden bedeutet und deutlich bezeichnet, worum es in einer Glaubensübung zur Menschwerdung geht: Um die feste Bindung an ideelle Werte und ihre Verwirklichung im praktischen Leben.

Lass deine Handlungen für dich sprechen

Ein Übender der Kampfkünste sollte sich überlegen, welche Bedeutung er für andere hat, denn die Bedeutung, die er sich selbst gibt, ist kein realistischer Wert. Menschen mit Wert ziehen andere an, sie sind „interessant“ für ihre Mitmenschen, und entsprechend ist die Resonanz, die sie bewirken - sie haben für ihre Mitmenschen eine Botschaft. Langweiler, Egoisten, Selbstdarsteller, Nachahmer, Rechthaber und Besserwisser finden sich nur selbst interessant, doch sie erreichen ihre Mitmenschen nicht. Den engeren Kreis um den Lehrer können sie nicht betreten, denn nicht die Selbstdarstellung, sondern erst die Wertbezeugung durch die Haltung und Handlung macht die Bedeutung des Einzelnen aus.

Bereitschaft zum Lernen

Will jemand die Kunst des budō erlernen, darf er nicht erwarten, dass der sensei seine Meinungen und Theorien bestätigt. Tut er das, wird er enttäuscht sein, denn kein Lehrer „füllt Tee in eine volle Tasse“, sondern erwartet von seinem Schüler, dass er vorher „seine Tasse leert.“
Für den sensei ist jeder Schüler zunächst ein ungeformtes Potenzial mit unfertiger Haltung. Manche aber glauben, dass sie den Weg () verstehen können, indem sie auf bisher Gelerntes aufbauen. Sie bemühen sich nicht genügend, sind gleichgültig gegenüber empfohlenen Studienmöglichkeiten und erfahren dadurch nur wenig von hintergründigen Lehren des sensei.
Die Bereitschaft zum Lernen drückt sich nicht durch passives Zuhöhren aus, sondern durch aktives Mitarbeiten. Ein lernbereiter Schüler kann sich dabei gar nicht genug beteiligen und ergreift dazu alle erdenklichen Möglichkeiten. Er sollte nicht erwarten, dass der sensei ihm die Weglehre hinterher trägt.

Ideal, Bildung und Professionalität

Bildung ist abhängig von der persönlichen Suche nach Sinn und Tiefe, von der Motivation, gesellschaftliche Vorbilder als Ideal zu erkennen und anzuerkennen, um die Welt nach ihrem Beispiel mit Neugierde zu erforschen. Wir schließen gerade ein Zeitalter ab, in dem die Entwicklung der Persönlichkeit durch „Spaßhaben“ verwirklicht werden sollte, während altgediente Werte in Frage gestellt und vorbildhaftes Handeln im Ego-Wahn der Moderne unterging.
Professionalität war und ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Schimpfwort und beleidigt den spaßabhängigen Durchschnittsbürger, dem in seiner Welt jede Idealfähigkeit, Bildung und Selbstverwirklichung feht. Der Ausflug in diese Ideologie der „demokratisch autorisierten Meinung ohne Bemühen um Inhalt und Erkenntnis“ hat Folgen auf den Gesamtzustand unserer Gesellschaft. Durch sie wird Dekadenz und Dummheit im Selbstverständnis der Menschen durchgehend als feste Größe angelegt und der unkontrollierte „kritische Geist“ autorisiert. Der pädagogischen Idee der vergangenen 50 Jahren war alles suspekt, was nach höheren Erkenntnissen strebte und die Mittelmäßigkeit der Massenmeinung überstieg. Begriffe wie Elite und Expertentum galten als Beleidigung der Volksmeinung - richtig war stets die demokratische Sicht der Dinge, auch wenn nach ihr die Haupstadt von Polen Moskau ist, der Amazonas durch Frankreich fließt und „Faust“ von Shakespeare geschrieben wurde.

Der kritische Geist

Vor Gott und der Natur sind alle Menschen gleich - sie haben Zeit ihres Lebens dieselben Rechte und dieselben Pflichten, doch letztere werden von den Menschen in unterschiedlicher Weise für sich angenommen.
Sicher sind alle Menschen in ihrem Lebenswert gleich, aber nicht in ihrem Bemühen, in ihrem Erkenntnisvermögen, in ihrer Kompetenz und in ihrer Leistung. Kombiniert sich diese Haltung mit dem "kritischen Geist", kann sich der Mensch zu einem gefährlichen Potenzial für sich selbst und für andere entwickeln. Die Geschichte ist voller Beispiele von Katastrophen, die von Menschen mit dieser Haltung angerichtet wurden.
Trotzdem gilt nach wie vor in unserer Gesellschaft der „kritischer Geist“ als Impuls zur Entwicklung der individuellen Persönlichkeit. Doch wenn er kein echtes Lernen, kein Bemühen um Erkenntnis und kein Verstehen von Zusammenhängen voraussetzt, ist er eine negative Kraft. Wilhelm Busch sagt es treffend: "Aufsteigend musst du dich bemühen, denn ohne Mühe sinkest du; der liebe Gott muss immer ziehen, dem Teufel fällt´s von selber zu".
Schüler, die nur kritisieren, sind nicht fähig, eine Gesellschaft der Forschung und Innovation voranzubringen, sie werden keine integren Stützen des Gemeinwesens. Lässt man eine solche Haltung zu, ohne ihr ein Maß zu geben, werden dadurch bestenfalls selbstgefällige Menschen mit unzureichender Bildung etabliert, die über den Duchschnitt hinaus keinerlei Motivation entwickeln können. Alles, was ihren Wissensstand übersteigt, ist ihnen suspekt - statt sich selbst herauszufordern, greifen sie auf den "kritischen Geist" zurück.

Wege zum Erfolg

Formen nachzuahmen ist immer einfach, das Verständnis des Zusammenhangs von Inhalt und Form ist dagegen immer schwierig und bedarf der Hingabe und des persönlichen Kümmerns. Doch auch mit dem Bemühen um Verständnis kann Fortschritt und Erfolg ausbleiben. Die Gründe dafür liegen meist im psychologischen Bereich.

  • Erfolgreich ist jener, der an das Gelingen seiner Handlungen glaubt. Erfolglos ist jener, der sich vor dem Misslingen und vor Niederlagen fürchtet.
  • Misslingt eine Handlung trotz des Glaubens an sich selbst, konzentriert sich der Erfolgreiche sofort auf die nächste und verschwendet keinen weiteren Gedanken an die Vergangenheit.

Fragt man einen traditionellen Meister nach seinem Sport, wird er darüber lachen: „Karate ist doch kein Sport, sondern eine Methode, sich selbst zu vervollkommnen“. Zu seinem Verständnis von Erfolg gehört nicht das punktuelle Gewinnen in einem Leistungsvergleich, sondern der Gewinn für das eigene Leben durch die beständige Arbeit am eigenen Selbst.

Die Aufmerksamkeit

„Du sollst die Haltung eines Tigers haben und nicht die eines schlafenden Schweins“, heißt es in der Philosophie des budō. Das schlafende Schwein kann nichts für seine Haltung, doch der budōka ist für sich selbst verantwortlich.
"Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit" sagte Meister Funakoshi. Es beginnt mit den unscheinbaren Situationen im Leben, in denen durchaus liebenswürdige Menschen gegenseitige Beziehungen verletzen, weil sie es versäumen, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Es pflanzt sich fort, wenn Menschen liebgewonnene Freundschaften verlieren, weil sie sie durch Unaufmerksamkeit nur noch oberflächlich pflegen. Und es endet damit, dass ein ständig unkonzentrierter Mensch vor anderen wenig gilt, da man außer oberflächlichen Angelegenheiten mit ihm keine Bindungen eingehen kann.
Der Mangel an Aufmerksamkeit ist kein natürlicher Zustand, sondern eine schlechte Angewohnheit. Ein karateka kann seine Aufmerksamkeit durch Übung immer verbessern. Wenn er aber sicher sein will, dass ihm alles misslingt, braucht er nur immer unaufmerksam zu sein.

Zufriedenheit und Bescheidenheit

Wohl jenem, dem es vergönnt ist, sein Leben in Zufriedenheit zu leben und in Harmonie mit sich selbst zu verwirklichen. Zufriedenheit und Bescheidenheit sind Juwelen der Seele, die einem keineswegs in die Wiege gelegt werden, sondern das Resultat einer unermüdlichen Arbeit an sich selbst sind.
In jedem von uns dominieren primär die natürlichen Überlebensmechanismen, die dem Menschenbild anfangs entgegen stehen: Egoismus, Misstrauen, Aggression, Neid, Vergeltung, Rache, u.a. - bei jedem Kind ist dies zu beobachten. Der spätere Mensch wird erst durch die Erziehung seiner Eltern, durch seine Bildung und durch die allgemeinen Verhaltenskonventionen gesellschaftsfähig. Er muss lernen und sich um seine Menschwerdung bemühen.
Das Mensch-Sein wird ihm durchaus nicht geschenkt, denn geboren wird er - wie jedes andere Tier - als ein Wesen der Natur. Zwar besitzt er die Fähigkeit zur Erkenntnis und Selbsterkenntis, doch er muss zu seiner Menschwerdung die ihm gegebenen Möglichkeiten der Bildung, der kontemplativen Selbstschau und der selbstkritischen Betrachtung nutzen. Sein Wachsen zum Menschen und sein Streben nach Höherem hängen ausschließlich von Bildung und Selbsterkenntnis ab.
Das einseitige Streben in eine der beiden Richtungen vervollkommnet den Menschen nicht, sondern bewirkt mit dem Älterwerden eine unüberwindbare Not in der Seele. Menschen, die nur eines der beiden verwirklichen, werden unglücklich, unzufrieden und einsam. Sie leben in einer Diskrepanz zwischen Sein und Schein.
Zufrieden ist ein Mensch dann, wenn er seinem Leben einen Sinn gibt und durch eine Übung verwirklicht, was er tatsächlich ist. Unzufrieden bleibt er, wenn er sich durch sein Ich-Denken ständig dazu nötigt, den Gegensatz zwischen Sein und Schein zu wahren.

Mondō - Lehrgespräche mit dem Sensei

Ein mondō ist keine Diskussionsrunde der Meinungen, sondern ein Lehrgespräch der Schüler (deshi) mit ihrem Lehrer (sensei). Zum Wesen eines mondō gehört, dass sich die Schüler in selbständiger Suche mit den Hintergründen und Themen der Kampfkünste und des Lebens im Allgemeinen auseinander gesetzt haben und in ihren Fragen eine Tendenz zum künftigen Verständnis von Zusammenhängen zu erkennen geben.
Ein mondō ist auch ein Training. Der sensei erkennt, ob ein Schüler über seine Kunst informiert ist oder ob er nur Meinungen und leeres Gerede äußert. Wie er im Training seine Techniken verbessert, wird er im mondō seine Haltung verbessern.
Leider wird dies oft missverstanden, und vorlaute Schüler nutzen die Gelegenheit, ihr Ego durch kritische Bemerkungen aufzupolieren. Die Leidtragenden sind immer jene Schüler, die von ihrem sensei etwas lernen wollen. Die Gruppe, nicht der Lehrer, muss solche Entgleisungen unterbinden.
Es gibt zwei Arten von Schülern: jene, die alle Informationsmöglichkeiten über budō wahrnehmen und ihre Fragen auf einem entsprechend gehobenen Wissensstand aufbauen, und jene, die sich um nichts kümmern, stets uninformiert und unvorbereitet sind und ein mondō dazu benutzen, sich trotz ihrer Unwissenheit wichtig zu tun.

Studien Informationen

Siehe auch: Sensei | Deshi | Oshi

Literatur

  • Werner Lind: Budō, der geistige Weg der Kampfkünste. O. W. Barth Verlag 1995.
  • Werner Lind: Klassisches Karate do. Sport Verlag. Berlin 1997.
  • Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste. Sport Verlag, Berlin 1999.
  • Karlfried Graf Dürckheim: Der Ruf nach dem Meister. O. W. Barth 1986.

Weblinks