Butokukai

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Artikel von: Werner Lind
Nachbearbeitet von:

Der butokukai (武徳会), früher dai nippon butokukai (大日本武徳会 - Großjapanische Organisation für Kriegstugenden), später nippon butokukai (日本武徳会 - Japanische Organisation für Kriegstugenden), ist ein Verband für japanische Kriegs- und Kampfkünste, der am 28. April 1895 im Butokuden (Halle der Kriegstugenden) von Kyōto gegründet und von der Tennō-Regierung beauftragt wurde, alle japanischen ryū (Stile) des bujutsu (Kunst des Krieges) zu kontrollieren und zu standardisieren.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie des Begriffes

Der Begriff butokukai besteht aus drei kanji: bu (武) - Kriegertum; toku (徳) - Tugend und kai (会) - Organisation. Dai Nippon (大日本) bezieht sich auf Dai Nippon Teikoku (Großjapanisches Reich), eine Bezeichnung für Japan zwischen 1889 und 1945. Nach dem verlorenen Weltkrieg wurde die Bezeichnung durch Nippon Koku (bzw. Nihon Koku) ersetzt. Analog ersetzte man alle Bezeichnungen, welche Dai Nippon im Namen führten, schlicht mit Nippon bzw. Nihon.

Entstehung der Organisation Butokukai

Die Institution butokukai sollte nach dem Willen der Meiji-Regierung (ab 1868) als eine politische Organisation allen japanischen ryū übergeordnet sein, ihre tatsächliche Kampfkraft testen und die wirkungsvollsten Stile dem japanischen Militär zugänglich machen. Am 5. September 1896 ernannte Akihito-Tennō den Meister Komatsumiya zum sōsai (Hauptgeschäftsführer) der Assoziation und verpflichtete ihn zu patriotischen Staatsdiensten.
Die Organisation residierte zunächst im alten Butokuden in Kōyto. Im Folgejahr erhielt der butokukai erhebliche Regierungsgelder und konnte damit 1899 einen neuen Butokuden in Kōyto bauen, der als Ausbildungszentrum der Organisation dienen sollte. Der neue Butokuden diente der butokukai als Hauptquartier. Durch die Verordnungen der butokukai und seiner strikten Ausschlussverfahren gegenüber Andersgesinnten zog die Organisation bald viele führende Kampfkunstexperten verschiedener ryū an.
Die Organisation wurde von einem von der Regierung bestimmten Komitee geführt, das die budō menjō (bzw. bujutsu menjō - Rangbescheinigungen der Kampfkunstmeister) und die shihan menjō (Lehrerlizenzen) durch ein Graduierungssystem (dankyū seido) feststellte, vergab und bestätigte. Alle Stile (ryū), die sich dem butokukai nicht anschließen wollten, wurden als inoffiziel erklärt und standen außerhalb der staatlichen Autorisierung.

Weitere Entwicklung der Butokukai

Im Jahre 1906 erhielt die butokukai erneut erhebliche Gelder vom japanischen Kaiser. Damit errichtete sie eine militärische Schule (budō senmon gakkō, ). Obwohl diese hauptsächlich eine Militärschule war, betonte sie auch den Wert des Budō-Trainings für die Erziehung der Jugendlichen im sozialen Bereich. Sie trug mit dazu bei, dass zunächst jūdō, kendō und naginatadō als Schulsport eingeführt wurden. Die Tugenden des bushidō (Respekt, Hingabe, Dankbarkeit, Integrität und Ehre) standen im Vordergrund der Lehre.

Butokukai im japanischen Imperialismus

Im Jahre 1911 veränderte die butokukai die senmon gakkō in eine ausschließlich militärische Schule, die als busen bekannt wurde. Durch die imperiale Politik Japans bahnten sich Eroberungskriege an und entsprechend wurde die butokukai in die Kriegsvorbereitungen eingebunden. Ihre Aufgabe bestand überwiegend darin, militärische Eliten auszubilden, die den Kriegsabsichten Japans entgegen kamen.
Viele bekannte Kampfkunstmeister verpflichteten sich diesem patriotischen Ziel und bildeten zu diesem Zweck Soldaten aus. Die Studenten der busen lernten Kampfkunst und Philosophie, militärische Strategie und damit verbundene akademische Fächer in einem 2 Jahres- und einem 4 Jahresprogramm.
Die Absolventen dieser Elitegemeinschaft wurden zu den besten und hochangesehensten Kampfkunstexperten ihrer Zeit gerechnet. In dieser Zeit überwachte die mächtige butokukai fast das gesamte Kampfkunstgeschehen in Japan. Sie gründete auch die ersten Unterscheidungen betreffend der Titel hanshi, kyoshi und renshi) für moderne Kampfkunstmeister, die in ihren jeweiligen Stilen Herausragendes leisteten.

In dieser Zeit kam das okinawanische karate nach Japan und zwar als kobujutsu und tōde. Bald darauf kam Meister Funakoshi Gichin, der erste Experte dieser Kunst, von Okinawa nach Japan und versuchte die Anerkennung des butokukai für die okinawanischen Künste (ryūkyū tōde jutsu) zu erreichen.

Kampfkunst und Politik

In Japan waren die Kampfkünste fest in den Händen der Politik und des Militärs, und es war abzusehen, dass der butokukai keine okinawanisch/chinesische Kunst akzeptieren würde. Die Organisation, die an der Japanisierung des karate sehr interessiert war, machte strenge Auflagen, die schließlich zu den vielen Veränderungen des karate in Japan führten. Darunter war die Veränderung des Schriftzeichens (von „chinesische Hand“ in „leere Hand“, kara), die Übernahme des Gürtelrangsystems aus dem japanischen budō, die Gründung einer Prüfungsordnung (bisher im karate unbekannt), das Üben im karategi und vor allem die Veränderung des karate in einen Wettkampfsport. Nachdem diese Auflagen (ohne Zustimmung der okinawanischen Lehrer) erfüllt waren, wurde karate im butokukai aufgenommen. Karate wurde zur japanischen Kampfkunst erklärt, und der butokukai errichtete sogar auf Okinawa eine Zweigstelle, durch die er neben jūdō und kendō das karate als japanische Kunst in sein Mutterland zurückimportierte.
Natürlich waren die okinawanischen Karate-Schulen, wie auch viele japanische ryū, mit den Bestimmungen des butokukai überhaupt nicht einverstanden und ignorierten diese. Doch die politische Macht lag beim butokukai, und offiziell wurden in Japan die Stile shōtōkan ryū, shitō ryū, gōjū ryū und wadō ryū als die Hauptstile des karate erklärt. Im Dezember 1941 wurde eine Statistik über die Wirksamkeit der einzelnen Budō-Disziplinen erstellt, und im folgenden Jahr wurden sie direkt den Regierungsministerien unterstellt (Erziehung, Krieg, Marine, Wohlfahrt und nationale Angelegenheiten). Doch im Jahre 1945 wurde die Organisation von den Alliierten verboten, da sie auf der Liste für subversive Tätigkeiten stand.
1946 durfte im Bereich des Erziehungsministeriums das budō im kleinen Maß wieder betrieben werden. Daraufhin beantragte der aufgelöste butokukai eine private Organisation gründen zu dürfen, was ihm überraschenderweise gewährt, jedoch kurz darauf wieder verboten wurde. Der Butokuden wurde inzwischen von der Kyōtoer Polizei als Trainingsraum genutzt und 1970 zum Nationaldenkmal erklärt.

Neugründung der Butokukai

Nachdem der nationalistisch geprägte Dai Nippon Butokukai im Jahre 1945 von der amerikanischen Besatzungsmacht wegen subversiver Tätigkeiten definitiv verboten wurde, versuchte sich der Verband im Jahre 1952 als Nippon Butokukai (kurz butokukai) neu zu etablieren. Doch die Bedingungen waren schwierig und zunächst hatte er nur wenige Mitglieder. Als Nachfolgeorganisation entstand die International Martial Arts Federation (IMAF), jap. kokusai budōin, bzw. kokusai budō renmei, heute ein weltweit organisierter Verband, der sich auf das Erbe des alten butokukai beruft. Ihr erster Hauptinstruktor war Ono Kumao.
Der butokukai ist jedoch heute wieder im Begriff zu wachsen, seine Mitgliederzahlen steigen ständig, und er eröffnet Vertretungen in vielen Ländern. In Australien wird er von Patrick McCarthy und in den USA von Richard Kim vertreten, der 1960 von Yokohama nach San Franzisko zog. Er beabsichtigt, dort ein Kampfkunsthochschule zu gründen, in der die 18 Kampfkünste (bugei jūhappan), und Philosophie und Geschichte des budō, Biomechanik und andere verwandte Künste unterrichtet werden sollen.

1964 wurden die Olympischen Spiele in Tōkyō veranstaltet und die Kampfkünste wurden vom neugegründeten Budōkan vertreten. Die butokukai spielte darin keine Rolle mehr.

Studien Informationen

Siehe auch: Butokuden | Budōkan

Literatur

  • John Corcoran/Emil Farkas: The Original Martial Arts Encyclopedia. Pro-Action Publishing 1993.
  • Julia Karzau: Große Budomeister. Sportverlag.
  • Werner Lind: Okinawa Karate. Sportverlag Berlin 1997.
  • Werner Lind: Die klassische Kata. O. W. Barth Verlag 1995.
  • Werner Lind: Lexikon der Kampfkünste. Sportverlag.
  • Patrick McCarthy: Interview with Martial Arts Historian Patrick McCarthy. International Karate Research Society.
  • Patrick McCarthy: Ancient Okinawan Martial Arts.(Vol. 2), Tuttle 1999.

Weblinks