Quánfǎ

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Quanfa Tabelle (aus Karate Kumite)

Artikel von: Werner Lind

Quánfǎ (chin.: 拳法) lautet in der Übersetzung „Methode der Faust“, und steht alternativ für quánshù (Kunst / Technik der Faust). Beide Begriffe bezeichnen die chinesische Kampfkunst. Im Verlauf ihrer jahrtausendealten Geschichte verwendete man dafür noch die Begriffe gōngfū (übersetzt: „harte Arbeit“), kungfu (ein westlicher Begriff, der sich ab 1960 für die chinesischen Kampfkünste etablierte), wǔshù (militärische Künste / Kriegskünste) und guóshù (nationale Künste). In Japan wird das System als kenpō („Methode der Faust“) bezeichnet.
Ein historischer Rückblick offenbart, dass es sich hierbei um das alte Qìgōng-Konzept von Huá Tuó handelt, das im Shǎolín-Kloster (shǎolínsì) über einen Zeitraum von 2000 Jahren in kämpferische Bewegungen umgewandelt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Ursprünge des Quánfǎ

Unabhängig von den zeitbedingten chinesischen Begriffsveränderungen definiert sich qìgōng als Überbegriff für alle ideologischen Bewegungskonzepte. In seinem Inhalt und Wesen ist quánfǎ zunächst ebenfalls eine Methode des qìgōng.

Qínxì (5000 v. Chr.) - Tierspiele in der chinesischen Frühzeit

Bereits in vorchristlicher Zeit (ca. 5000 v. Chr.) stellten die Chinesen die unveränderbare Unterworfenheit des Menschen unter die natürlichen Gesetzen des „Lebens und Sterbens“ fest. Früh erkannten sie, dass die Ichwerdung des Menschen nicht nur zum technischen Fortschritt führt, sondern auch zur Entfremdung von der Natürlichkeit des Lebens. Bei den Tieren, die ohne persönliches Bewusstsein den Naturbedingungen nichts entgegensetzen konnten, stellten sie einen erheblich höheren Wirkungsgrad in ihren Handlungen fest. Also versuchten sie einen Ausgleich zwischen Intellekt und Intuition, indem sie in ihre gymnastischen Übungen (dǎoyǐn) die Nachahmungen von Tieren (qínxì) einführten.
So begann die Tradition der Tiernachahmungen bereits im vorchristlichen Zeitalter. Man ahmte die Flügelschläge der Vögel nach, indem man entsprechende Schwungbewegungen mit den Armen ausführte, behängte sich mit Tierfellen und imitierte die Bewegungen der Tiere. Die ersten Tiere in diesem Konzept waren der Bär (xióng 熊 - Erdverbundenheit), der Vogel (niăo 鸟 - Leichtigkeit), der Tiger ( 虍 - Macht) und die Schlange (shé 蛇 - Geschmeidigkeit).

Vorzeitliche Tierkonzepte (aus Karate Kumite)

Huá Tuó (2. Jh. n. Chr) - Gründer der daoistischen Tierlehre

Im 2. Jh. n. Chr. lehrte der Arzt Huá Tuó (190 - 265 n. Chr.), wie man die naturbestimmten Lebensgesetze durch körperlich-geistige Übungen in bester Vereinbarkeit mit dem alltäglichen Leben verwirklichen kann. Er erkannte, dass die irdischen Gesetze des „Werdens und Vergehens“ nach wie vor auch für den Menschen gelten, und plädierte dafür, die Handlungsweise der Natur im persönlichen Leben nachzuvollziehen, um durch die Konformität mit den natürlichen Wandlungsgesetzen (wǔxíng) eine größere vitale Kraft () zu erreichen.
Als Übung empfahl er das Nachahmen der Verhaltensweise von fünf Tieren (wǔqín), da er bei Tieren einen weit höheren Wirkungsgrad im Handeln feststellen konnte als beim Menschen. Er kam zu dem Schluss, dass der sich seiner selbst bewusst gewordene Mensch zwar Städte erbauen und Technologien erfinden konnte, dass ihn aber eben dasselbe Bewusstsein (das Wissen um seine Vergänglichkeit) in seinem Handeln beeinträchtigt. Er lehrte, dass die Qualität des irdischen Lebens in großem Maße davon abhängt, ob der Mensch die natürlichen Gesetze des „Werdens und Vergehens“ in seiner Haltung verwirklichen kann und dadurch Zugang zu jener universellen Energie () erhält, die den Gleichgewicht haltenden Rhythmus aller natürlichen Veränderungen bewirkt.
Dadurch reifte seine Idee und Lehre, den Menschen in den Ursprung seines natürlichen Seins zurückzuführen, in dem er sein Leben mit Vitalität füllen und unbeschwert wirken kann. Als körperlichen Ausdruck seiner Philosophie gründete er das „Spiel der fünf Tiere“ (wǔqínxì), als Nachahmung des Affen (猴 hóu), des Tigers (虍 ), des Hirsches (鹿 ), des Bären (熊 xióng) und des Vogels (鸟 niăo). Diese Übungen waren dazu gedacht, das entsprechende Tier in seinem Wesen zu verstehen und seine gesamte Art und Handlungweise nachzuahmen. Nicht die Bewegung wurde nachgeahmt - der Übende sollte das „Wie“ und „Warum“ im Wirken der Tiere ergründen. Die Übungen von Huá Tuó legten den Grundstein zum späteren qìgōng, das noch heute die gesamte Kultur Chinas durchzieht.

Wǔqínxì - Tierkonzepte von Huá Tuó (aus Karate Kumite)

  • Wǔqínxì 五禽戲 - das „Spiel der fünf Tiere“ soll von dem chinesischen Arzt, Huá Tuó, als psychophysische Übungen gegründet worden sein. Er empfahl das Nachahmen von Tierverhalten als Übung, wodurch die Gesundheit und Vitalität der Menschen gesteigert werden sollte. Huá Tuó empfahl nicht das Nachahmen von Tierbewegungen, sondern ein Studium ihrer Art und ihres Seins, wodurch er ein besseres Verständnis der natürlichen Lebensprozesse des Menschen prognostizierte. Er stellte die Unterworfenheit des Menschen unter die natürlichen Prozesse (Leben und Sterben) fest und definierte den Grund für seinen zunehmenden Vitalitätsverlust in einer überbetonten Selbstbezogenheit. Er empfahl, von den Tieren zu lernen, die „ohne Ego“ eine natürliche Verbindung zum dǎo pflegen und dessen Energie () auf natürliche Weise nutzen.

Im Laufe der Zeit entwickelten die wǔqínxì eine umfangreiche Kultur zur Lenkung und Kontrolle der vitalen Energie (). Im 12. Jh. fanden sie als wǔqínquán Einzug in das shaolinische quánfǎ. Im modernen qìgōng prägen sie noch heute alle ostasiatischen Lebensbereiche. Im Daoismus entstanden, verbanden sie sich später mit dem Buddhismus und Konfuzianismus und ließen Übungen entstehen, durch die der Mensch lernte, angepasst zu leben, seine Gesundheit zu erhalten und sich zu verteidigen.

Bodhidharma (6. Jh. n. Chr.) - Gründer des shǎolínischen Buddhismus

Bodhidharma begibt sich auf die Wanderschaft

Im Jahre 523 n. Chr. kam der 28. Nachfolger Buddhas, der indische Mönch Bodhidharma (470-543), ins Shǎolín-Kloster. Er gilt als erster Patriarch des chán (jap. zen), und beeinflusste die dort bislang vorherrschende daoistische Lehre durch seine buddhistische Auffassung. Er lehrte die Mönche, dass das Leben vergänglich ist und dass es darauf ankommt, sich im irdischen Leben durch höchste Wirksamkeit auf einem „mittleren Weg“, im Gleichgewicht zwischen Askese und Selbstverwirklichung zu gestalten.
Zur Zeit seiner Ankunft (523) waren die Shǎolín-Mönche in einer schlechten körperlichen Verfassung, da ihre Aktivitäten ausschließlich auf Meditationspraktiken und Schriftlehren beschränkt waren. Nachdem er Abt des Klosters geworden war, beendete er das vegetierende Beten und Schriftübersetzen der Mönche und verordnete ihnen ein tägliches Körpertraining, das zur Stärkung ihrer vitalen Energie () beitragen sollte. Zur täglichen Pflichtübung der Mönche wurden das yìjīnjīng („Buch der leichten Muskeln“ - eine Methode zur Steigerung von Durchhaltevermögen und Widerstandskraft) und das xǐsǔijīng („Buch zur Wäsche des Knochenmarkes“ - Übungen zur Entwicklung der Energie und der geistigen Reife) eingeführt.
Bodhidharma, der auch Erfahrung im indischen Kampfsystem vajramushti hatte, gründete zusätzlich zu den yìjīnjīng und xǐsǔijīng weitere 18 kämpferische Übungen, die heute als shíbā luóhànshŏu (18 Hände der Buddha-Schüler) bezeichnet werden. Auch diese Übungen verstand er nur ergänzend zum Erreichen der Erleuchtung.
Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte entwickelten sie sich durch den Einfluss externer Militärtechniken zunehmend mehr zu kampforientierten Übungen. Doch sie bewahrten ihren ursprünglichen Charakter und gelten auch heute als Ursprung und als ideologischer Leitfaden zur Entwicklung des shǎolín quánfǎ. Gleichwohl unterscheidet ihr Prinzip die Kampfkunst von der Kriegskunst und vom heutigen Kampfsport.

Shǎolín Quánfǎ

Die weitere Entwicklung des quánfǎ ist strikt an die Entstehungsgeschichte des shǎolín quánfǎ (少林拳法) gebunden, in dem die gesundheitsfördernde Gymnastik der Mönche allmählich in Kampftechniken umgewandelt wurde. Im Shǎolín-Kloster entwickelte sich ein erstes Konzept, das diese Ideologie mit Kampftechniken zu verbinden begann.
Das Grundkonzept des shǎolín quánfǎ entstand im 6. Jh. im gleichnamigen Kloster. In jahrhundertelangen Folgeprozessen wurden dort die indischen Kampftechniken der luóhàn (shíbā luóhànshŏu) mit Bodhidharmas meditativen Übungen (yìjīnjīng und xǐsǔijīng) kombiniert und im 12. Jh. mit den shaolinischen Tiersystemen (wǔqínquán) verbunden. Daraus entstanden die kämpferischen Verfahren des shǎolín quánfǎ. Das System wurde auf der Grundlage von Formen (tàolù) unterrichtet.
Nahezu ein halbes Jahrtausend galten Bodhidharmas Qì-Übungen, verbunden mit den 18 Methoden der shíbā luóhànshŏu (Kampfübungen aus dem indischen vajramushti) als Zentrum aller mönchischen Übungen im Shǎolín-Kloster. Doch als die Mönche sich später zunehmend gegen Überfälle verteidigen mussten, stellte sich heraus, dass ihre Wehrhaftigkeit gegen kampferprobte Angreifer unzureichend war. Das System der Buddha-Schüler (luóhàn) hatte definitiv gravierende Lücken im Bereich der Technik und Taktik des Kämpfens. Es wurde offensichtlich, dass diesem System eine kämpferische Leitlinie fehlte.

Jué Yuǎn (12. Jh. n. Chr.) - Reformer des shǎolínischen Systems

Im Verlauf der Song-Dynastie (960 - 1278) bemühte man sich im Shǎolín-Kloster nachhaltig darum, Bodhidharmas shíbā luóhànshŏu und seine Gesundheitsübungen (yìjīnjīng und xǐsǔijīng) in Kampftechniken zu verwandeln. Gegen Ende der Song-Dynastie kam Jué Yuǎn, ein adeliger Schwertkämpfer ins Shǎolín-Kloster. Als Novize lernte er die shíbā luóhànshŏu, als späterer Abt des Klosters bemühte sich um ihre Erweiterung zu kämpferischen Methoden. Zunächst erweiterte er das System der shǎolínischen luóhàn auf 72 Verfahren. Doch sein System war nach wie vor unvollkommen, ihm fehlte die taktische Linie. Daher beschloss er, sich auf Wanderschaft zu begeben, um von Kriegern außerhalb des Shǎolín-Klosters zu lernen.

Lĭ Sŏu (12. Jh. n. Chr.) - Initiator der shǎolínischen Vitalpunktlehre

Auf seinen Reisen beobachtete Jué Yuǎn eine Begebenheit, die sein Konzept nachhaltig beeinflussen sollte: ein alter Mann wurde von einem Raufbold belästigt, den er mit wenigen Griffen außer Gefecht setzte. Darauf angesprochen, erklärte Lĭ Sŏu (Li Cheng), dass er nur ein Arzt sei und vom Kämpfen wenig verstehe. Er hätte lediglich die Vitalpunkte des Angreifers stimuliert, worauf dieser kampfunfähig wurde.
Jué Yuǎn war von dieser Methode fasziniert und wollte das Wissen des Arztes in die shaolinischen Kampfsysteme integrieren. Er bat Lĭ Sŏu, ihn ins Shǎolín-Kloster-Kloster zu begleiten, um von ihm zu lernen. Doch dieser erklärte, dass nur glückliche Umstände dazu führen, dass ein Arzt die Vitalpunkte eines Angreifers erreicht. Um optimale Umstände zu gründen, bedarf es einer wohldefinierten Taktik im Kampfverhalten, mit der in den Nahbereich des Angreifers eingedrungen werden kann. Er schlug vor, einen ihm bekannten Kampfexperten namens Bái Yù Fēng aufzusuchen und diesen diesbezüglich um Rat und Hilfe zu bitten.
Heute ist nicht nachvollziehbar, ob diese Geschichte auf Wahrheit oder Legende beruht. Auf jeden Fall steht sie repräsentativ für die spätere komplexe Entwicklung des shǎolín quánfǎ und seiner standardisierten Bewegungsformen (tàolù). Die Bedeutung von Lĭ Sŏu besteht darin, dass er die Vitalpunktlehre im shǎolín quánfǎ initiierte. Die Mönche entdeckten, dass die Kontrolle, Lenkung und Beeinflussung der vitalen Energie () auf den Punkten (xuè) auch im Kampf von Bedeutung sein kann. Dafür wurden spezielle Punktsysteme (diǎnxuè) entwickelt, die in den Übungen sowohl die gesundheitsfördernden als auch die gesundheitsschädigenden Methoden enthielten.

Bái Yù Fēng (12. Jh. n. Chr.) - Gründer des shǎolínischen Kampfsystems

Nachdem Bái Yù Fēng gefragt wurde, erklärte er sich zur Mitarbeit bereit und zog mit den beiden ins Shǎolín-Kloster. Er brachte seine außershǎolínische Kampferfahrung mit ein und erweiterte das shǎolínische System zunächst auf 170 Aktionen. Dabei integrierte er vor allem außershǎolínische Systeme, wie qínná (Greifen) und shuāi (Ringen).
Daraus entstanden zunächst die shǎolín shísānzhuā („Shǎolín-Boxen der 13 Griffe“), später aber konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf die alten Tiersysteme (wǔqínxì) von Huá Tuó. Auf dessen psycho-physischen Lehre baute er seine Kampftechniken auf und verschlüsselte darin alle bisher bekannten Verfahren. Auf diese Weise entstanden die fünf Tierstile (wǔqínquán), die auf der Grundlage von fünf Formen (tàolù) gelehrt wurden. Die Tierstile des shǎolín quánfǎ sollten in Folge alle ostasiatischen Kampfkunstkonzepte beeinflussen.
Über seine Neugründung schrieb er ein Buch, „Wǔquán jīngyào“ (五拳精要, die „Essenz der fünf Fäuste“), in dem er die Übung und Anwendung der klassischen fünf Tierstile erläutert. Auch dokumentiert er darin, dass im Jahre 1312 der japanische Mönch, Dà Zhì, ins Kloster kam und 13 Jahre lang wǔqínquán und Stocktechniken lernte. 1335 kam ein weiterer japanischer Mönch, Shào Yuán, ins Kloster und lernte Kalligraphie, Malen, chán (zen) und Kampfkunst. 1347 kehrte er nach Japan zurück und legte den Grundstein für die Entstehung des japanischen jūjutsu.


Wǔqínquán - die kämpferischen Tierkonzepte von Bái Yù Fēng

  • Wǔqínquán 五禽拳 - „Faust der fünf Tiere“. Im 12. Jh. versuchte Bái Yù Fēng, seine Kampfkunsterkenntnisse systematisch zu ordnen, und konzentrierte dabei seine Aufmerksamkeit vornehmlich auf die alten Tiersysteme (wǔqínxì) von Huá Tuó. Auf dessen psycho-physischen Lehre interpretierte er die Inhalte seiner Kampfkunst und verschlüsselte darin seine kämpferischen Erfahrungen in einem Übungskomplex, der als wǔqínquán bekannt ist. Die wǔqínquán bestehen aus Interpretationen des Kranichs (), des Tigers (), der Schlange (shé), des Drachen (lóng) und des Leoparden (bào). Noch heute sind diese shǎolínischen Standards für die Entwicklung des gesamten chinesischen quánfǎ zuständig und beeinflussten in Folge die Entwicklung unzähliger Stile, innerhalb und außerhalb Chinas.

Das Konzept der Tàolù

Die shǎolínischen wǔqínquán (fünf Tierfäuste) wurden in komplexen Bewegungsabläufen (tàolù - 套路) gelehrt, in denen alle psycho-physischen Komponenten enthalten sind. Offensichtlich wurden dabei Kampftechniken in einem formellen Ablauf (xíng - 形) geübt, doch die Grundlagenbewegung jeder einzelnen Technik musste auf den Prinzipien des qìgōng beruhen, und alle Bedingungen zur Entwicklung der vitalen Energie () erfüllen. Die Techniken wurden kämpferisch, die Übungsinhalte blieben dieselben.
In ihrer Gesamtheit sind die chinesischen tàolù ein in kämpferische Übungen umgesetztes philosophisches Ganzheitskonzept des qìgōng und enthalten, wie nachfolgend beschrieben:

  • Körperlehre - besteht aus der Form selbst, der daraus abgeleiteten Grundschule und ihrer kämpferischen Anwendung mit einem Partner.
  • Geistlehre - bezeichnet die philosophische Selbstbetrachtung in den Bereichen von Ethik und Etikette.
  • Vitalpunktlehre - bezeichnet die Wissenschaft der Stimulation von schmerzempfindlichen Punkten (diǎnxuè) bei einem Angreifer.

Es stellte sich als schwierig heraus, ein System zu gründen, das als Körperlehre kämpferisch wirkungsvoll war, als Geistlehre die psychophysischen Elemente des Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus integrierte und als Vitalpunktlehre das komplexe System über die Vitalpunktlehre enthielt. Ein solches System musste die Praxis des Kämpfens mit den chinesischen Philosophien und mit der Gesundheitslehre verbinden.
Die Chinesen fanden die Lösung in der Gründung der tàolù. In ihnen verschlüsselten sie alle oben genannten Hintergründe in der körperlichen Übung und unterstützten das Verständnis der Zusammenhänge bei jenen, die Inhalte statt Formen suchten.
Die tàolù sind auch noch heute kombinierte und verschlüsselte Systeme des Kämpfens, der Philosophie und der Gesundheitslehre. Sie können nur verstanden werden, wenn man ihren Sinn sowohl im Training als auch im Studium sucht.
Im Shǎolín-Kloster wurden sie aus der Verhaltensweise von fünf Tieren ausgewählt (lóng - Drache, - Tiger, shé - Schlange, - Kranich und bào - Leopard), die noch heute als die Standardstile des Shǎolín gelten und das gesamte chinesische quánfǎ und das okinawanische karate bis in die Gegenwart beeinflussen.

Außershǎolínisches Quánfǎ

Wie oben beschrieben beginnt die Kultur der chinesischen Kampfkunst im 6. Jh. mit Boddhidharmas Lehren und entwickelte sich im 12. Jh. unter Jué Yuǎn, Lĭ Sŏu und Bái Yù Fēng zum shǎolín quánfǎ. Ihr Konzept unterschied sich von den kämpferischen Praktiken der Militärs außerhalb des Shǎolín-Klosters. Das shǎolín quánfǎ (auch shǎolínquán) strebte zusätzlich die psycho-physische Einheit zwischen Körper und Geist an.
Nachdem das Shǎolín-Kloster 1673 von den Mandschu zerstört wurde, flohen seine Mönche in alle Teile des Landes und entwickelten eigene Konzepte, die zumeist in privaten Schulen (guān) organisiert waren. Es entstanden ca. 360 Stile des quánfǎ, deren Theorien und Methoden entweder den Inhalten der Äußeren Schulen (wàijiā) oder der Inneren Schulen (nèijiā) verbunden waren. Diese Konzepte beeinflussten später alle südostasiatischen Kampfkünste.

Wàijiā - die äußeren Schulen

Die Systeme der wàijiā (外家) bezeichnen direkte Ableitungen aus dem shǎolín quánfǎ, die ab 1673 von vertriebenen Shǎolín-Mönchen in den Zweigstellen des Shaolin-Klosters unterrichtet wurden. Dort entwickelten sie extrem kämpferische Stile und gründeten geheime Bruderschaften (huìdǎng), die gegen die Herrschaft der Mandschu konspirierten.
In der Folgezeit verlagerten sich die Kampfkonzepte aus den Klöstern zunehmend mehr in Privatschulen (guān). Dort entstanden Strömungen und Stile des shǎolín quánfǎ, die vor allem eine schnell erreichbare Kampffähigkeit beabsichtigten. Den guān standen meist gut ausgebildete Lehrer (shīfu) vor, die den Widerstand gegen die Mandschu organisierten. Vor allem auf der Fähigkeit zum Kämpfen begründen sich die äußeren Schulen der wàijiā.
Im Rahmen der wàijiā entstanden im Süden die Stile des nánquán (Faust des Südens) und im Norden die Systeme des běitǔi (Bein des Nordens). Die Begriffe unterscheiden lediglich die geografische Lage nördlich und südlich des chángjiāng (langer Fluss, auch yángzǐjiāng / jangtsekiang) und begründen ihre Verfahren auf den Gegebenheiten des Landes.

Nánquán - Faust des Südens

Der chinesische Süden ist das Land der Pfirsiche und der Reiskultur. Die dort ansässigen Menschen verbrachten einen großen Teil ihres Lebens auf Booten oder im Wasser. Entsprechend der geographischen Gegebenheiten wurden in diesen Systemen überwiegend Handaktionen in der Nahdistanz verbunden mit festen Stellungen gelehrt. Die Fußtechniken wurden weniger betont.
Den Ursprung der südlichen Systeme (nánquán 南拳) vermutet man in der Initiative von legendären Vorvätern, die man als „Fünf Alte“ bezeichnet. Sie konnten angeblich dem dem Angriff (1673) der Ming auf das Shǎolín-Kloster entkommen und gründeten in der Provinz Guǎngdōng einen Geheimbund (huìdǎng), der den Widerstand gegen die Mandschu durch die Ausbildung einer extremen Kampfkraft ihrer Mitglieder unterstüzte. Dadurch entstanden zunächst die fünf Hauptsysteme (guǎngdōng wǔdàmíngjiā) des außershǎolínischen quánfǎ:

  • Hóngjiā 洪家 (hunggar) - „Schule des Meisters Hóng“ (Hóng Xí Guān), südliche Schule (nánquán) des quánfǎ aus Guǎngdōng mit Ursprung im shǎolín quánfǎ. Der Stil entstand als revolutionäres Kampfsystem der huìdǎng, lehrt die fünf Shǎolín-Tierformen (wǔqínquán) und kombiniert sie mit den fünf Elementen (wūdà).
  • Liújiā 劉家 (laugar) - „Schule der Familie Liú“ äußerer südchinesischer Stil des quánfǎ, der den Nahkampf betont. Das System gehört zu den fünf großen außershǎolínischen Methoden und stammt von Liú Sān Yǎn (Liú mit den drei Augen, traditionell: 劉三眼; vereinfacht 刘三眼) aus der Provinz Guǎngdōng oder nach einer anderen These von Liú Qing Shan, aus der Qing-Dynastie (1644 - 1911). Heute wird der Stil in Guǎngdōng (Léizhōu, Gāozhōu) und in Guǎngxī (Qīnzhōu) geübt und entwickelte mehrere Unterformen.
  • Càijiā 蔡家 (choygar) - „Schule der Familie Cài“, südlicher Stil (nánquán) des quánfǎ der äußeren Schulen (wàijiā), einer der maßgeblichen Stile der außershǎolínischen Systeme des shǎolín quánfǎ.
  • Lǐjiā 李家 (leigar) - „Schule der Familie Lǐ“, südlicher Stil (nánquán) des quánfǎ, eines der fünf großen Systeme des shǎolín quánfǎ. Das System stammt aus der Provinz Guǎngdōng und wurde von Lǐ Yǒu Shān (李友山, kantonesisch Lei Yau Saan) gegründet, dessen Vorname auch als Xi Kai oder Ying Hui angegeben wird.
  • Mòjiā 莫家 (mokgar) - „Schule der Familie Mò“, südchinesischer Stil des quánfǎ, ein System von einem der „fünf Patriarchen“ des Shǎolín-Klosters. Es geht auf Mò Qīng Jiǎo (traditionell: 莫清矯; vereinfacht: 莫清矫) zurück und verbreitete sich in der Provinz Guǎngdōng. Der Stil ist bekannt für seine Handtechniken im Nahkampf und für seine starken Fußtechniken.

In den südlichen Provinzen Fújiàn und Guǎngdōng entstanden bereits seit dem 8. Jh. mehrere Ableger des Shǎolín-Klosters. Doch bald entbrannte ein gegenseitiger Konkurrenzkampf, der viele Kampfexperten veranlasste, die Kloster zu verlassen und Privatschulen (guān) zu gründen. Dort entwickelten sie eigene Konzepte, deren Kämpfer die Opposition der huìdǎng gegen die Mongolen unterstützten.
Neben vielen weiteren Stilen wurden vor allem báihèquán („weiße Kranichfaust“), yǒngchūnquán (wingchun 詠春) und báiméiquán („weiße Augenbraue“) entwickelt. Manche chinesischen Meister gingen nach Japan, wie der bekannte Chén Yuán Bīn, der im Jahre 1638 im Tempel Shōkokuji (nahe Kyōto) eine Schule gründete, die aufbauend auf den Ring-, Hebel- und Greiftechniken des shǎolín quánfǎ das japanische jūjutsu entwickelte.

Běitǔi - Bein des Nordens

Das quánfǎ aus dem Norden Chinas (běitǔi 北腿) stammt hauptsächlich aus der Provinz Héběi, in der sich bereits seit dem 8. Jh. mehrere Kopien des Shǎolín-Klosters etablierten. Man vermutet, dass es auch über die Grenzen Chinas hinaus viele solcher Kloster gab. In Korea nannte man sie solin, in Vietnam - thieulam und auf Okinawa - shōrin. Bekannt wurde das Kloster am Ufer des Sees Honglong, das 1341 erbaut wurde.
Bezeichnend für die nördlichen Schulen sind hohe Stellungen, schnelle Stoß- und Schlagtechniken, Fußtritte, Sprünge und flüssige Bewegungen. Das běitǔi verlässt sich traditionell auf eine flexible Fußarbeit und das Durchbrechen der gegnerischen Abwehr aus der langen Distanz. Die Beine rutschen, gleiten, drehen und verschieben sich in einem beständigen Fluss. Fast gegen jede Aktion des Gegners werden Fußtritte eingesetzt. In den nördlichen Systemen werden zuerst Bewegungen mit weicher Kraft gelehrt, dann geht man langsam zu harten Techniken über und endet in einer Mischung von hart und weich. Man sagt, dass die großzügigen Platzverhältnisse und das Kämpfen zu Pferd die Entwicklung der weiten Distanz förderten.
Die bekanntesten Stile des Nordens (běitǔi), die zu den äußeren Methoden (wàijiā) gehören, sind chángquán (lange Faust), tánglángquán (Gottesanbeterin), luóhànquán (Arhatboxen), hóuquán (Affenstil) u. a.

Nèijiā - die Inneren Schulen

Das innere quánfǎ bezeichnet die daoistisch geprägten inneren Schulen des quánfǎ (nèijiā - 内家). Die nèijiā bestehen aus daoistischen Konzepten des quánfǎ, die sich bereits im 13. Jh. auf der Grundlage des wǔdāngpai entwickelten. Als Gründungsvater wird Zhāng Sān Fēng (1279 - 1368) genannt, dessen Konzept in allen späteren Stilen der nèijiā wieder zu finden ist.
Es ist umstritten, ob sie aus dem shǎolín quánfǎ stammen oder ob sie sich aus eigener Kraft entwickelten, um die daoistischen Werte neu zu beleben. Jedenfalls griffen diese Systeme die daoistischen Philosophien auf und versuchten sie in Körperbewegungen auszudrücken. Ihre Formen (tàolù - 套路) enthalten eine Art Meditation in Bewegung und zielen auf die Heranformung des inneren Gleichgewichtes, auf dessen Grundlage der Zugang zur vitalen Energie () möglich wird.
Ihre traditionelle Entstehungsgeschichte gründet sich auf einer Legende, laut der ein daoistischer Eremit Zhāng Sān Fēng (1279 - 1368) in den Bergen von Wǔdāng (武當山 / 武当山), den Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtet haben soll. Als die Schlange siegte, weil sie den Angriffen des Vogels ausweichen konnte, erkannte er, dass das Ausweichen der rohen Körperkraft überlegen ist. Die weiche Kraft des Ausweichens kombinierte er mit den Grundlagen der daoistischen Philosophie und gründete den Kampfstil wǔdāngpai, den Ursprung aller inneren Systeme. Später entwickelte das wǔdāngpai örtliche Stile und beeinflusste in Folge die Entstehung mehrerer großer Systeme, die sich im ganzen Land verbreiteten.

Systeme der Nèijiā

Bereits seit Huá Tuó existierte das Nachahmen von Tierbewegungen (wǔqínxì), das sowohl in den buddhistischen Richtungen des shǎolín quánfǎ und den später daraus abgeleiteten Schulen der wàijiā, als auch in den Systemen der nèijiā eine zentrale Rolle spielte. Die Unterscheidung der beiden Systeme etablierte sich im 17. Jh. nachdem die wàijiā „schnelle Kämpfer“ ausbilden wollte, während die nèijiā das philosophische Konzept des Daoismus in den Vordergrund stellte. Innerhalb der nèijiā entstanden drei grundlegende Systeme:

  • Tàijíquán 太極拳 - System des quánfǎ aus der nèijiā, basierend auf dem Prinzip des tàijí. Innerhalb dieses Prinzips gibt es viele Konzepte, aus denen vor allem fünf Stile gewannen werden: chén tàijíquán, yáng tàijíquán, wú tàijíquán, wǔ tàijíquán und sūn tàijíquán.
  • Xíngyìquán 形意拳 - das xíngyìquán gehört zu den daoistischen Systemen der nèijiā. Es baut auf den fünf Wandlungsphasen (五行 - wǔxíng) der chinesischen Kosmologie (Erde, Wasser, Holz, Feuer, Metall) auf und begründet seine Formen (xíng) auf dem Verhaltensstudium von zwölf Tieren (shíèrxíngquán: Drache, Tiger, Affe, Pferd, Leguan, Hahn, Falke, Schwalbe, Schlange, Kranich, Adler und Bär). Jedes Tier symbolisiert einen eigenen Kampfstil und bestimmte Tugenden. Das System hat seine Wurzeln im yìjīng („Buch der Wandlungen“) und beeinflusste die Gründung des späteren bāguàquán.
  • Bāguàquán 八卦拳 - das bāguàquán ist eines der größten Systeme des daoistischen chinesischen Boxens, als Folge von Beeinflussungen aus dem älteren xíngyìquán. Es begründet seine esoterischen Wurzeln auf dem Prinzip der bāguà aus dem yìjīng („Buch der Wandlungen“). Sein kämpferisches Konzept vom tàijíquán abgeleitet. Bāguàquán wurde erst um 1790 entwickelt. Es enthält sehr schnelle Kreis- und Drehbewegungen und ebenso schnelle Fußtechniken. Bevorzugt wird jedoch die offene Hand.

Neben den genannten drei großen Schulen gibt es auch weitere Systeme der nèijiā. Heute sagt man, sie hätten sich allesamt aus dem shǎolín quánfǎ abgeleitet. Doch diese Theorie ist nicht bestätigt. Im Shǎolín-Kloster verbanden sich daoistische und buddhistische Ideologien zu einem gemeinsamen Konzept und entwickelten viele Ausdrucksformen. Heute ist es schwierig, sie in wàijiā und nèijiā zu unterteilen.

Studien Informationen

Siehe auch:

Literatur

  • Werner Lind: Datenbank des BSK. BSK-Studien 2010.
  • Werner Lind: Karate Kumite. BSK-Verlag 2013.

Weblinks